Bore-out-Syndrom Vorgetäuschter Stress macht erst recht antriebslos

Monotonie dagegen kann krank machen. Sich nicht langweilen zu dürfen und Aktivität vortäuschen zu müssen, kann, so paradox das klingt, Stress auslösen. Am Ende macht dieser Kunststress erst recht antriebslos. "Bore-out-Kandidaten würden ja gerne mehr leisten, aber man lässt sie nicht, genau das ist ihr Problem", sagt Dormann. "Sie gehen nicht mehr in der Arbeit auf, Zeit ist für sie wie Kaugummi, ihre Kompetenzen verkümmern."

Was dadurch auf der Strecke bleibt, sind Effizienz und Loyalität. "Unternehmen verschwenden Potenzial, wenn sie die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter nicht richtig einsetzen", sagt Ada Pellert, Präsidentin der Deutschen Universität für Weiterbildung. "Gerade junge Arbeitskräfte brauchen Herausforderungen, um ihre Talente zu verwirklichen." Bei seinen Ansprechpartnern der CIA habe er sich geschätzt gefühlt, gab der Archivar vom BND am ersten Prozesstag zu Protokoll.

Weiterbildung als Gegenmittel gegen Bore-out

Gerade die Deutschen definieren sich über ihren Beruf. Er ist der Lebensmittelpunkt, im Job verbringt man die meiste Zeit. Arbeit und Einkommen bestimmen das soziale Prestige, besonders in einem Land, in dem immer mehr Berufe akademisiert werden, so wie es in Deutschland seit Jahren Trend ist. Wer viel in die eigene Qualifikation steckt, hat entsprechend hohe Erwartungen an die Arbeit. Das ist Teil des Problems.

"Jobs, in denen alle Komponenten gleich spannend sind, gibt es nicht", warnt Wirtschaftspsychologe Dormann. "Phasen mit Monotonie und Sattheit muss man überall durchstehen. Aber ein bisschen Langeweile tut genauso gut wie ein bisschen Stress."

Sind unsere Ansprüche an den Job also zu hoch? Dient er letztlich doch nur dem Lebensunterhalt? Dormann plädiert für Weiterbildung als Gegenmittel gegen Bore-out: "Sobald man mehr Kompetenzen hat, wird man auch flexibler einsetzbar, da kommt automatisch mehr Abwechslung ins Spiel, weil man mit anderen Inhalten, mit neuen Kollegen zu tun bekommt."

Zudem werden zunehmend Tätigkeiten von Computern und Robotern übernommen, früher bei körperlicher, inzwischen auch bei geistiger Arbeit. Software übersetzt Sprachen, Algorithmen schreiben Zeitungsmeldungen, Roboter assistieren Ärzten und Anwälten. Immer mehr Menschen werden durch Hard- und Software ersetzt. Wird es damit auch mehr Bore-out-Fälle geben? Nicht unbedingt, sagt Dormann: "Die klassische Qualifikationsschere wird weiter aufgehen. Eine Gruppe wird von der Automatisierung profitieren, weil sie immer komplexere Aufgaben übernehmen kann. Die andere Gruppe muss wegen mangelnder Qualifikation die langweilige Restarbeit übernehmen." Wem davor graut, muss sich um komplexe Aufgaben bemühen - es muss ja nicht gleich ein Job als Doppelspion sein.