Bore-out Krank gelangweilt

Auch Unterforderung und Langeweile im Beruf kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken - und eine Abwärtsspirale in Gang setzen.

(Foto: dpa)

Langeweile und Unterforderung im Job können genauso belastend sein wie ein Burn-out. Das Gemeine am Bore-out: Das Renommee eines überarbeiteten Managertypen gibt es nicht gratis dazu - im Gegenteil.

Von Christina Waechter

Agnes Maurer (Name geändert) hatte ihren neuen Job gerade erst angefangen, als sie merkte, dass in der Filiale einer Versicherung irgendetwas anders war. Der Chef hielt sich mit Arbeitsaufträgen zurück und war nur gelegentlich vor Ort, da er die Hauptfiliale in einer anderen Stadt leitete. Die Schreibtische der Kollegen waren immer voll mit Papierstapeln, so dass jeder gleich beim ersten Anblick die totale Arbeitsüberlastung der Kollegen registrieren musste. Alles Fassade, wie Agnes Maurer binnen kürzester Zeit feststellte.

Der Chef war nicht in der Lage, seine Mitarbeiter aus der Ferne zu koordinieren, gleichzeitig nicht bereit, Kompetenzen abzugeben und zu delegieren. Die Mitarbeiter fühlten sich vernachlässigt und hatten sich innerlich von dem Unternehmen schon längst distanziert. Statt zu arbeiten, verbrachten sie ihre Tage damit, Arbeit zu vermeiden, Arbeit zu simulieren und die Zeit bis zum heiß ersehnten Feierabend abzusitzen.

Mit dem Renommee des Bore-out ist es nicht weit her

Als "Bore-out" wird eine krankmachende Langeweile (auf Englisch boredom) und Unterforderung bezeichnet. Das Gemeine daran ist, dass die Symptome zwar denen eines Burn-out ähneln - und auch genauso ernstzunehmend sind. Aber das Renommee eines überengagierten Manager-Typen bekommt man nicht gratis mit dazu - im Gegenteil: Die Witze über Beamtenmikado ("Wer sich zuerst bewegt, hat verloren") machen sich quasi selbst. Dabei betrifft der Bore-out sehr viel mehr Menschen, als man meinen sollte.

"Auch das Internet wird irgendwann langweilig"

Stress aufgrund von Überarbeitung ist ein bekanntes Problem. Doch auch Leerlauf im Job kann belastend sein. Philippe Rothlin hat ein Buch über das Phänomen "Bore-out" geschrieben. Wie Betroffene Beschäftigtsein vortäuschen - und was Bore-out mit Burn-out zu tun hat. Von Johanna Bruckner mehr ...

Ines Heinold hat sich auf Coaching von Burn-out- und Bore-out-Betroffenen spezialisiert. Sie weiß um das Stigma des Bore-out: "Zu sagen 'Ich habe so viel zu tun, ich kann nicht mehr' ist anerkannt, diese rasante Art zu leben wird ja geradezu von der Gesellschaft gefordert. Der Bore-out dagegen ist fast schon stigmatisiert. Dazu kommt, dass Betroffene einen Burn-out sehr viel schneller erahnen. Sie wissen ja, dass sie viel leisten, sie wissen nur nicht mehr, wie sie wieder eine gesunde Lebensbalance erlangen." Bis jemand auf die Idee kommt, dass Symptome wie chronische Rückenschmerzen, Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf einen Bore-out hinweisen, könne dagegen viel Zeit vergehen. Denn Betroffene leiden zwar bis zur völligen Erschöpfung, wissen aber nicht, warum und suchen die Schuld vor allem bei sich selbst.

Agnes Maurer kam das neue Arbeitsleben anfangs paradiesisch vor. In ihrem vorherigen Job als Sachbearbeiterin hatte sie oft bis spät abends arbeiten müssen, um ihre Aufgaben zu schaffen. Privatleben und sogar ihre Gesundheit hatten darunter gelitten. Doch nach wenigen Wochen ohne konkrete Arbeitsanweisung und Feedback von ihrem Vorgesetzten begann sie sich zu langweilen - und die Arbeit zu hassen. Kein Wunder, findet Philippe Rothlin, Co-Autor von "Diagnose Boreout - wenn Langeweile krank macht": "Man will das, was man gelernt hat, umsetzen und seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Wer ist schon gerne der gefühlte Außenseiter, der sich langweilt, während alle anderen etwas leisten? Das ist ein entscheidender Punkt beim Bore-out: der Leidensdruck aufgrund des Nichtstuns."