"Handwerkliche Fehler": Die Politik schiebt die Verantwortung für das Uni-Reform-Chaos auf die Professoren und die Hochschulen verfallen in Schockstarre. Doch das wahre Problem ist ein anderes.
Angesichts der heftigen Proteste von Studierenden gegen die Bologna-Reform haben Wissenschaftsministerien, Kultusbehörden und Universitätsleitungen überraschend schnell eine Sprachregelung gefunden: Die Zielrichtung der Hochschulreform sei gut, die Umsetzung jedoch sei mangelhaft. Es habe, so die Bundesbildungsministerin Annette Schavan, bei der Umsetzung der Hochschulreform einfach zu viele "handwerkliche Fehler" gegeben.
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"Handwerkliche Fehler" bei der Umsetzung der Bologna-Reform werden eingeräumt. Doch bei wem können sich Studenten beschweren? Ihren Frust tragen sie derzeit auf die Straße. (© Foto: Reuters)
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Aber wer soll für diese "handwerklichen Fehler" verantwortlich sein? Auffällig ist, dass weder die Bildungsministerin noch der Vorsitzende des Wissenschaftsrats noch die Wissenschaftspolitiker und Hochschulvertreter, die diese Sprachregelung übernommen haben, bisher die Namen genannt haben, bei denen sich die Studierenden wegen der Unzulänglichkeiten der Reformen beschweren können.
Über das Chaos muss gesprochen werden
Aber man hat eine Vermutung. Wenn die Probleme auf die Umsetzung zurückgeführt werden, dann liegt es nahe, die Verantwortung für den Bologna-Irrsinn bei den Professoren zu suchen, die in den letzten Jahren diese Reform an den Universitäten umgesetzt haben. Der Effekt dieser einsetzenden Personalisierung der Probleme in der Bologna-Reform ist, dass Wissenschaftspolitik, Universitätsleitung und Professorenschaft ungehemmt die nächste Reformwelle lostreten können, ohne dass über die Gründe des gegenwärtigen Chaos gesprochen werden muss.
Der Organisationsforscher Herbert A. Simon hat bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtet, dass in Reformprozessen häufig ganz widersprüchliche Anforderungen formuliert werden, ohne dass diese Widersprüchlichkeiten sofort erkennbar sind. Simon fühlte sich bei diesen widersprüchlichen Reformempfehlungen an sich widersprechende Sprichwörter erinnert, die sich in den meisten Kulturkreisen ausgebildet haben. Mit einer gewissen Freude haben Organisationswissenschaftler diesen Sprichwort-Charakter bisher vorrangig bei Reformdebatten in Unternehmen beforscht. Aber die Bologna-Reform hat dazu geführt, dass auch die Universitätspolitik zu einer eindrucksvollen Maschinerie der Produktion gegenteiliger Reformsprichwörter geworden ist.
Zwischen Standards und Freiheit
Man denke nur an die Verve, mit der einerseits postuliert wird, dass Freiheiten im Lernprozess ein Kernbestandteil des Studiums sind, andererseits aber gefordert wird, dass Standards eines Faches vermittelt werden müssen. Gerade bei der Diskussion über die Standards eines Studiums wird das eigene Spezialgebiet als so wichtig eingeschätzt, dass dieses selbstverständlich als verpflichtend für alle Studierenden angesehen wird. Weil dies ja jeder Lehrstuhlvertreter so sieht, ist der Effekt, dass die Studiengänge so mit Präsenz- und Prüfungsanforderungen vollgestopft werden, dass selbst begnadete Vorlesungskünstler ihre Studierenden nur noch mit dem Druck von Multiple-Choice-Klausuren zur Aufmerksamkeit anhalten können.
Im Rahmen des Bologna-Prozesses ist die Sprichwortmaschinerie auch dadurch angeworfen worden, dass die Umstellung auf Bachelor und Master zur Erfindung von Studiengängen Anlass bot. Auf der einen Seite wird nach wie vor die Ausrichtung von Studiengängen an etablierten wissenschaftlichen Disziplinen gelobt. Auf der anderen Seite reicht aber der Verweis auf ein heiß diskutiertes Thema in der Wissenschaft - oder manchmal auch nur in den Massenmedien - aus, um einen neuen Studiengang für Global Governance, Nachhaltiges Wirtschaften oder Innovationsmanagement zu schaffen.
Je nach Gutdünken wird dann in den Konferenzen entweder das Hohelied der wissenschaftlichen Disziplin gesungen oder auf die Notwendigkeit verwiesen, für ein thematisches Spezialgebiet einen eigenständigen, meistens interdisziplinären Studiengang anzubieten. Der Effekt der Bologna-Reform ist deswegen eine Vervielfachung von Studiengängen in wenigen Jahren gewesen.
Lehrplan-Arithmetik
Sicherlich: Diese Produktion gegenteiliger Sprichwörter hat in Universitäten immer schon existiert. Durch die Bologna-Reform wird es jetzt zunehmend schwieriger, die Rationalität bei der Produktion gegenteiliger Sprichwörter - nämlich die Verständigung über die Ausrichtung der Studiengänge - zu mobilisieren. Denn die Planung für neue Studiengänge - und dafür sind letztlich die Politiker verantwortlich - ist komplizierter geworden. Nun bestimmt eine Lehrplan-Arithmetik die Debatten über die Ausrichtung von Studiengängen.
Das Hauptproblem ist, dass Bologna "neue Währungen" eingeführt hat, mit denen Lehrende, Studierende und besonders die Mitarbeiter der häufig personell erheblich aufgestockten Prüfungsämter zukünftig rechnen müssen. Nach der Bologna-Reform belegen Studierende nicht mehr vorrangig einzelne Veranstaltungen, sondern als eine neue Währungseinheit "Module". Jedes einzelne Seminar, jede Vorlesung muss in den Bachelor- und Masterstudiengängen als Teil eines größeren Moduls daherkommen. Passt eine Veranstaltung nicht in das angedachte Modulschema hinein, dann wird sie entweder gestrichen oder krampfhaft mit anderen Veranstaltungen zu einem Modul zusammengelegt.
Gemessene Zeitstunden
Aber damit nicht genug. Zusätzlich zu den Modulen wurde noch eine weitere Währung eingeführt: die Leistungspunkte. Mühsam mussten dabei Lehrende und Studierende lernen, dass diese Leistungspunkte - oder auf europäisch "European Credit Transfer and Accumulation System Credit Points" - keine beschönigende Bezeichnung für Noten sind, sondern dass so Zeitstunden gemessen werden, die ein "durchschnittlicher Student" mit der Vorbereitung eines Seminars, der Abfassung einer Hausarbeit oder der Absolvierung eines Praktikums verbringt.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Studenten an Leistungspunkte kommen.
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DFB-Pleite gegen die Schweiz
ob man nun pausiert oder weiter reformiert. In beiden Fällen wird dieser Reformwahnsinn unsere Hochschulen in Forschung und Lehre mit immer neuem Organisationsmüll zuschütten und an Stelle der angeblich gewünschten Verbesserungen lediglich Beliebigkeit erzeugen.
Hier wird eine ganze Generation junger Menschen systematisch so lange frustriert und demotiviert, bis am Ende alle zu der Ansicht gelangt sind, dass Neugier, Freude am Lernen und Lust an der Horizonterweiterung schädliche Antriebe sind, die unsere Gesellschaft dem entsprechend in baulich ramponierten Universitäten sanktioniert mit credit points, Pflichtmodulen, Anwesenheitslisten, unwilligen Lehrern und einer kafkaesk anmutenden "Verwaltung".
Wer den eigenen Kindern dabei zusehen muss, wie sie hochmotiviert in diesen Dschungel eintreten und schließlich vollkommen desillusioniert ihr Studium beenden, den packt unweigerlich kalte Wut.
In trefflich pointierter Weise streut der Autor, Prof. Kühl, Salz in die Wunden der Bologna-Reform und dekliniert (genüßlich und genussreich) die im Reformvertrag enthaltenen Zielkonflikte (der Autor nennt sie "Reformsprichwörter") herunter.
Dass er zudem auf eine essentielle Schwäche der derzeitigen Diskussion rund um eine Reform der Reform hinweist - nämlich auf die Personalisierung der Probleme - dafür sei ihm auf´s herzlichste gedankt, wenngleich er an dieser Stelle (bei der Frage nach der Verantwortung für bereits eingetretene Umsetzungsfehler) leider unerwähnt lässt, dass mit der Personalisierung zugleich eine Verantwortungsdelegation einhergeht, etwa wenn die Bundesbildungsministerin (ausschließlich) die Hochschulen für Umsetzungsfehler verantwortlich macht (umgangssprachlich formuliert verfährt Frau Bundesministerin nach dem Motto: Schuld sind die anderen - eine Strategie, von der nur selten ein konstruktiver Effekt für zu leistende Verbesserungen zu erwarten ist).
Wenn rinhh in dieser online-Runde seinen (berechtigten) Unmut über das "betriebs-wirtschaftliche Hamsterrad" des bologna-geprägten Massenstudiums äußert, sei von mir hier darauf hingewiesen, dass eben nicht nur die gelebte Umsetzung der Bologna-Reform "betriebswirtschaftlich" geprägt ist, sondern dass der Reform-Vertrag selbst von neoliberalem Welt- und Bildungsverständnis durchdrungen ist, und zwar in substanzieller Weise.
... als Ergänzung zu diesem hervorragenden Artikel (Dank an den Autor!):
* Diejenigen, die die Studiengänge planen, sind dafür gar nicht qualifiziert. Jemand, der sich über Gesellschaftsrecht sehr gut habilitiert hat, muss deshalb noch nichts von Hochschuldidaktik verstehen.
* Die Akkreditierungsagenturen schweben im luftleeren Raum. Wer akkreditiert die Akkreditierer, wer zertifiziert die Zertifizierer? Oft werden Professoren anderer Hochschulen zur Akkreditierung herangezogen, die genauso wenig Ahnung von Didaktik und Pädagogik haben wie die eigenen Leute, die aber ihre eigenen Interessenschwerpunkte einfließen lassen.
* Ganz früher haben viele Menschen an mehreren Hochschulen studiert und ganz am Schluss eine Prüfung abgelegt. Es war egal, woher sie etwas wussten - ob aus Selbststudium, von welcher Hochschule usw.: Wenn sie genügend wussten, hatten sie bestanden. Das war akademische Freiheit. Das hat andererseits die Abschlussprüfung sehr wichtig gemacht, die Leute hatten Angst vor ihr.
* Jetzt aber kommt es auf Wohlverhalten in jeder einzelnen Lehrveranstaltung an. Wenn man nicht gerade einen sehr aufgeschlossenen Professor hat, wird man lieber mal ja sagen statt kritische Fragen zu stellen oder zu widersprechen und sich in eine heiße Diskussion zu werfen. Was das für die akademische Kultur heißt...?
* Es geht nicht nur an den Hochschulen der Messbarkeitswahn um. Alles sei angeblich messbar und müsse in Zahlen gemessen werden. Punkte, Noten, Stunden, Module... Wir erleben die Mathematisierung des Denkens, der Bildung und der Welt. Die alten Römer sagten: "quod non est in acta, non est in mundo". Heute heißt es: Was man nicht gezählt hat, gibt es nicht.
* Neben Bologna läuft ein Liberalisierungsprozess. Nicht nur Studiengänge schießen wie Pilze aus dem Boden, sondern auch Hochschulen. Früher gab die Institution schon Gewähr für Güte. Wenn "Universität" draufstand, war das eine staatliche Einrichtung mit gewissem Anspruch. Heute...? Es gibt dutzendweise halbseriöse Hochschulen und Institute, die in Zusammenarbeit mit ausländischen Hochschulen, die hier keiner kennt und beurteilen kann, sogar Promotionsmöglichkeiten anbieten.
* Und das ist das Schöne: Das Chaos und die Liberalisierung zusammen mit den (politisch erwünscht) steigenden Absolventenzahlen werden die akademische Bildung auf Dauer abwerten - Ende des akademischen Dünkels...
Die Situationsbeschreibung am Anfang geht leider nur in eine langatmige Analyse der konkretisierten Bologna-"Reform" über, statt kurz und knapp die Zwecklüge von der "mangelhaften Umsetzung einer an sich guten Idee" (erinnert fatal an die Umfragen nach 45, aber das ist ein anderer Thema) mit professoralem Scharfsinn zu dekonstruieren. Aber nach Göttinger Sieben kam ja die preussische Verbeamtung plus Hegelsche Staatsvergötzung - da ist wohl für alle Zeit der Welt nichts mehr zu erwarten, von dem tapferen Kollegen Marius Reiser einmal abgesehn.
Ein Sprichwort besagt , dass in der Politik vieles ist, wie es scheint, aber nichts, wie es heißt. Es scheint auch unbekannt zu sein.
Eine nette Ergänzung ist dieser Beitrag. Was mir aber fehlt: der Bologna-Prozess hatte einen entscheidenden Inhalt der bis heute nicht angesprochen oder umgesetzt wird:
Lebenslanges Lernen! Ziel des Bologna-Prozesses war (und ist es, nachzulesen in den orginalen Dokumenten von damals), dass Menschen auch Kreditpoints (Leistungspunkte) für ein Studium erwerben können wenn sie z. B. über einschlägige Berufserfahrung verfügen. Ich habe z. B. Industriekaufmann gelernt, war vorher auf einer Wirtschaftsschule, habe anschließend ein paar Jahre in einer Buchhaltung eines Konzerns gearbeitet... und musste dann bei meinem anschließenden Studium doch tatsächlich den Schein im Grundkurs "Buchführung" ablegen. Und das, obwohl ich (mit Schule eingerechnet) zu diesem Zeitpunkt über 10 Jahre Buchführung hatte.
Was mir aber auch noch fehlt ist das liebe Thema "Geld". An unserer Uni (Hamburg) kommt sich ein Student vor wie in einer Massentierhaltung. Es wird einem der Futternapf hingestellt (Lehre) und Du versuchst zu ergattern was geht. Es prügeln sich Studenten um Stühle in den Vorlesungen, die Damen kommen in immer gewagteren Outfits um die Aufmerksamkeit der Prof´s bei der Referatsvergabe auf sich zu lenken (was aber zum Glück eher selten funktioniert) und jede/r versucht sich nur noch irgendwie durchzumogeln.
Ich dachte die Uni sei ein Ort an dem nicht alles einem betriebswirtschaftlichen Leistungsdruck unterliegt... ja, da hab ich leider falsch gedacht. Ich bin aus dem Beruf ins Studium um diesem monotonen Hamster-Rad (zumindest kurzfristig) zu entkommen. Leider musste ich feststellen dass ich ein Hamster-Rad gegen eine Massentierhaltung eingetauscht habe, in dem es vor anderen Hamster-Rädern nur so wimmelt.
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