Studenten und Professoren fürchten, das verkürzte Studium führe zu Akademikern zweiter Klasse. Die Unis sind ernüchtert - und fordern eine Reform der Reform.
Mit dem Bachelor sollte für Studenten vieles besser werden: Schneller, straffer und zugleich praxisnah und international sollte das Studium werden. Doch neun Jahre nach Beginn der größten Hochschulreform Europas scheint in Deutschland genau das Gegenteil einzutreten. Der Bologna-Prozess ist "weitgehend misslungen", bilanziert der Deutsche Hochschulverband (DHV), der die Interessen der Professoren vertritt. In einer Resolution forderte er an diesem Donnerstag die Politiker auf, die Notbremse zu ziehen und das Studium in Deutschland wieder zu verlängern. Damit wenden sich die Hochschullehrer gegen das Kernziel der Bologna-Reform: die Verkürzung des Studiums auf drei Jahre.
Uni-Absolventen: Studenten klagen über Stress, finanzielle Probleme und die Angst, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern. (© Foto: ap)
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Für die Befürworter der Reform könnte die Bilanz, die die Professoren ziehen, nicht ernüchternder ausfallen: Die Bachelorstudiengänge würden nicht zu mehr, sondern zu weniger Mobilität der Studenten führen. Sie seien zu spezialisiert und die Leistungsnachweise nicht vergleichbar. Sogar der Studienortwechsel innerhalb Deutschlands sei für Studenten "nahezu unmöglich". Zudem habe das Bachelor-Studium die Zahl der Studienabbrecher deutlich erhöht, statt sie zu reduzieren. Die Reform sei nicht mehr durch Nachsteuern zu retten, es müsse massiv gegengesteuert werden, sagte DHV-Chef Bernhard Kempen.
"Akademiken zweiter Klasse"
Nicht nur bei den Professoren wachsen die Sorgen über die neue Studienordnung. Nach einer Studie des Bundesbildungsministeriums zweifeln auch die Studenten am Wert der Bachelor-Ausbildung. Sie führe zu "Akademikern zweiter Klasse", befürchten viele. Sie klagten über Stress, finanzielle Probleme und die Angst, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern. Denn obwohl die Unternehmer die kürzeren Studienzeiten einst am lautesten einforderten, haben es viele Betriebe bisher noch versäumt, sich auf die jungen Berufseinsteiger einzustellen.
Der Hochschulverband sieht deshalb nur noch einen Ausweg: die Rolle rückwärts. Die Regelstudienzeit solle nicht, wie geplant, bereits nach dem Bachelor enden, sondern erst zwei Jahre später nach dem Master. Das würde bedeuten, dass künftig 80 Prozent statt 20 Prozent der Studenten den Master absolvieren. Außerdem verlangt der DHV, zum renommierten Studienabschluss Dipl.-Ing. zurückzukehren und vorerst keine weiteren Fächer mehr auf die neue Studienordnung umzustellen. Inzwischen entsprechen fast 70 Prozent der Studiengänge dem System. Um diese zu verbessern, forderte der DHV mehr Förderprogramme, um die Lehre verbessern zu können.
Frontal Stoff durchpauken
Die Verunsicherung an den Hochschulen ist groß. "Das muss die Politik alarmieren", sagte die Politologin Katrin Toens, die an der Uni Hamburg über die Bachelor-Master-Umstellung habilitiert. Die verantwortlichen Politiker müssten auf die Sorgen der Professoren reagieren, statt einfach auf den Generationswechsel zu warten. Die Hochschullehrer müssten ihre Lehre den neuen Strukturen anpassen, sie bräuchten dafür aber Anreize, Fortbildungsprogramme und nicht zuletzt mehr Zeit.
Die Reaktion des Bundesbildungsministeriums auf die Resolution blieb verhalten. Zwar wisse man um die Probleme an den Hochschulen, aber einige Vorschläge des Hochschulverbands seien "bedenklich". Auch etliche Professoren vertreten eine andere Meinung als der Verband, etwa Wolf Wagner, Politikprofessor an der FH in Erfurt. Er gibt vor allem den Hochschullehrern selber die Schuld am Scheitern der Reform. "Die Mehrheit der Professoren unterläuft die Ziele des Bologna-Prozesses", sagt er. Sie würden weiterhin frontal Stoff durchpauken, statt auf moderne fächerübergreifende Lernformen umzusteigen. Um Bologna erfolgreich zu machen, müssten sie ihr Einzelgängertum beenden. Dann müssten die Studenten auch nicht mehr so viele Klausuren schreiben.
- Hochschulabschluss Stiefkind Bachelor 01.06.2008
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- Die Angst der Studenten "Das schaffe ich nie" 08.11.2006
(SZ vom 5.9.2008/bön)
Griechenland in der Schuldenkrise
... ist, glaube ich, dass dem Hochschulwesen ein neues kompliziertes System aufgezwungen wurde, ohne vorher das alte mal grundlegend zu entrümpeln. Möglicherweise hätte letzteres auch schon gereicht, um das Studium wieder effektiv zu machen (ohne ewigliche "Wartesemester", in denen man keine Scheine machen kann, weil man die schon alle einreichen musste, um sich zur Zwischenprüfung anzumelden, die aber dummerweise erst ein halbes Jahr später stattfindet und nebenher nicht mal arbeiten darf, um nicht seinen Anspruch auf Kindergeld etc. zu verlieren)
"Zudem wird leider vergessen, daß Deutschland historisch ein Hochbildungsland mit einer starken Aurichtung auf die Wissenschaft ist."
Das ist doch die Punkt. Gebildete Menschen denken und bringen nicht das schnelle Geld, das sich unsere sogenannten "Eliten" für die eigene Tasche wünschen. Wozu denkende Menschen, wenn es besser auf dem Rücken Halbgebildeter geht, die in diesem Demokratursystem mehr Angst haben, einen Arbeitsplatz zu haben als eine menshenwürdige Solidargesellschaft? Wir werden von kultur- und morallosen Gelddiktatoren regiert, die uns jedenSchmuh glauben lassen möchten, der sich im Nachhinein immer als Verlust der gesellschaftlichen Kohärenz, der Sozialkultur und als kurzfristige Gewinnmaximierung für die immer selben Gestalten herausgestellt hat.
Ich kann im Grunde genommen den meisten meiner Vorredner zustimmen. Die Umstellung wurde und wird völlig stümperhaft umgesetzt und am Ende ist der ganze Prozess kontraproduktiv.
Aber ich glaube auch, dass einige Aspekte des BA/MA-Systems theorethisch gar nicht mal so blöd sind (nur eben katastrophal umgesetzt). Zum Beispiel die Sache mit den Credit Points. Da werden alle erbrachten Studienleistungen anerkannt, ähnlich wie in der Oberstufe des Gymnasiums. Wohingegen ich, als oller Magister-Student, im Moment meine letzten beiden Hauptseminararbeiten schreibe, deren Ergebnis *nill* zum Endergebnis beitragen wird und das nächste *Jahr* damit verbringen werde, die Magisterarbeit zu schreiben und die Prüfungen zu machen (denn irgendwoher muss die Evaluation dann ja kommen) und dafür - also für ein Jahr Bibliotheksbenutzung - mal eben 1200 Euro Studiengebühren zahlen werde.
Auch so ein Ding - mit der Einführung der Studiengebühren hätten sie wenigstens bis nach der Umstellung warten können, damit man wenigstens in der Zeit, in dem man zahlt, auch immer Seminare etc. besuchen kann und quasi überhaupt einen Gegenwert dafür kriegt.
Das Problem ist bekannt: Aktionismus
Sobald die Optimierbarkeit eines Systems hier erkennbar wird, wird das Augenmerk auf den angelsächsischen Raum gelegt.
Dabei wird jedoch übersehen, daß eine Übertragbarkeit nicht eins zu eins möglich ist, da sich auch die Systeme im Ganzen, Kultur und Struktur unterscheiden.
Zudem wird leider vergessen, daß Deutschland historisch ein Hochbildungsland mit einer starken Aurichtung auf die Wissenschaft ist.
Warum sich nicht auf unsere Werte und Bewährtes besinnen und hier optimieren? Für die praxisnahe Ausbildung hatten/haben wir die FH / BA / VWA / ... Wieso nicht die Universität als akademische und wissenschaftliche Anstalt behalten? Ich habe Jura studiert, mache jetzt was ganz anderes und profitiere ungemein von dem Geisteswissenschaftlichem Ansatz und gerlernt zu habe wie man lernt, sich selbst organisiert und motiviert!
dass lautes Geschrei der Industrie lediglich zu ihrem Vorteil sein oder ihre Defizite überdecken soll. Die leisen Töne sind da oft interessanter. Aber die Reaktion auf die Lauten ermöglicht der Politik publikumswirksam Aktion zu zeigen, - ob diese sinnvoll ist, kann man oft erst ein bis zwei Legislaturperioden später ermitteln. So what?
Auch ich sehe in diesem veränderten Abschluss-System nur den Versuch billige Arbeitskräfte zu bekommen, die dann im Betrieb noch speziell auf die Nische getrimmt werden, und somit keine großen Gehalts- und Entwicklungs-Ansprüche stellen können.
@ mahmah: Den von Ihnen aufgezeigten Zusammenhang kann ich nicht nachvollziehen, insbesondere im Hinblick auf die Pisa-bezüglich so gelobten Finnen, die in allen Berichten ihren Erfolg neben der geringen Klassenstärken auf das Gesamtschul-System zurück geführt haben.
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