Die Übertragung von unternehmerischen Verfahren auf die Wissenschaft veränderte die Universität von Grund auf: Sie verwandelte den akademischen Lehrer und Forscher, der zuvor in erster Linie sich selbst verpflichtet gewesen war, in einen "Agenten" seines Instituts, sie etablierte Leistungskriterien, die den Forschungsgegenständen oft fremd sein müssen, sie entwertete den "Professor" und ersetzte ihn durch den - oft nur befristet beschäftigen, immer seltener beamteten - Lehr- oder Forschungsbeauftragten. Und vor allem: sie löschte den intellektuellen Vorbehalt und dessen praktische Voraussetzung aus, die materiell und auf Lebenszeit gesicherte Distanz zu allen Verwertungsansprüchen, die mit der Freiheit der Wissenschaft verbunden gewesen war.
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In welchem Umfang ein akademischer Betrieb, der aus solchen Vorgaben hervorgeht, strukturell denselben spekulativen Charakter entwickelt wie die entfesselte Finanzwirtschaft, der er nachgebildet ist, geht aus einer gerade erschienenen Studie über "Globale Eliten, lokale Autoritäten, Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co" des Bamberger Soziologen Richard Münch hervor (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009).
Die Errungenschaften stellen sich, so Münch, keineswegs nur als gesteigerte Effizienz dar. Vielmehr gehören dazu auch höchst imaginäre Dinge wie Quasi- oder Pseudomärkte, also ein erfundener Bedarf von erfundenen Abnehmern. Zu den Leistungen dieser Reform, die meist unter dem Namen "Bologna-Prozess" figuriert, zählen darüber hinaus die Spaltung der Universität in wenige hervorragende akademische Einrichtungen und viele Lehrhochschulen, die "weitgehende Entprofessionalisierung" der Professoren und ihre Verwandlung in "rationale Egoisten" oder "rationale Opportunisten", deren Verhältnis zur Wissenschaft vor allem instrumentell bestimmt ist.
Kaste von "Wissenschaftsstars"
Und schließlich begünstigt die Reform auch die Entstehung einer Kaste von "Wissenschaftsstars", die helfen sollen, die Reputation einer Universität zu steigern, damit sie als möglichst globale "Marke" funktionieren kann - wenn nötig, bei konsequenter Ignorierung fachlicher und nationaler Bildungstraditionen.
Das der Wirtschaft entlehnte Verfahren, dem all diese Errungenschaften zu verdanken sind, heißt "New Public Management" ("NPM"). Wo die Prinzipien einer solchen Unternehmensführung herrschen, entsteht eine permanent der scheinbaren Effizienzprüfung unterworfene Sphäre, in der die Rechenschaftslegung und Evaluation von Tätigkeiten einen solchen Umfang einnimmt, "dass die Tätigkeiten selbst von dem Zwang zur Berichterstattung und dem Aufwand der Evaluation deformiert und überfrachtet werden" (Richard Münch).
Dieses System ist, wie der französische Historiker Christophe Charle in dem von ihm herausgegebenen Band "Les ravages de la ,modernisation' universitaire en Europe" (Paris, Éditions Syllepse 2008) bemerkt, durch eine "paradoxe Kombination aus marktwirtschaftlicher Freiheitsrhetorik und einer nahezu totalitären Kontrolle" bestimmt.
Ob dabei tatsächlich mehr und besseres Wissen entsteht, ist höchst ungewiss - die Antwort auf diese Frage entzieht sich allen empirischen Verfahren. Um so mehr ist vermuten, dass die Reformen weniger wirtschaftlich oder politisch motiviert sind, als dass sie eine scheinbare Rationalisierung darstellen, eine Art erneuerter Säkularisierung vormals geschlossener "kognitiven Anstalten" (Richard Münch), die sich aus ideologischen Gründen dem intellektuellen Kapitalismus zu öffnen hatten.
Das Konzept wäre, so betrachtet, der Heilserwartung geschuldet, das "Wissen" sei diejenige Ressource, der, in immer schneller werdenden Verwertungszyklen, der ebenfalls immer größer werdende künftige Wohlstand zu verdanken sei. Der ökonomische Parallelglaube hierzu hat sich bis auf weiteres erledigt. Wann wird die Wissenschaftspolitik den Wertverlust bemerken und die Bücher korrigieren?
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(SZ vom 07.04.2009/mri)
Moderne Verwaltung
Grundsätzlich sind mit als BWLer Prinzipien und Vorteile des Wettbewerbs alles andere als fremd. Sicherlich gibt es da auch Wettbewerbsaspekte, die im Bildungswesen zu mehr Effizienz führen können und auch an etwas mehr Transparenz und Leistungsstandards kann ich wenig aussetzen. Bedauerlicherweise sieht die Praxis einer stärkeren Wettbewerbsorientierung im Bildungssektor jedoch alles andere als Ideal aus:
1. Der Staat zieht sich immer mehr von seinen Bildungsaufgaben, insbesondere von den nötigen Investitionen zurück und fordert Drittmitteleinwerbung. So schön es auf dem ersten Blick aussieht, dass so zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung stehen, so gehen mit Drittmitteln auch Nachteile einher: Langfristige Planungsunsicherheit, geringere wissenschaftliche Unabhängigkeit und - gerne ignoriert - Interessenskonflikte.
2. Mit Hinblick auf die Studierenden wird Wettbewerbsorientierung gerne mit dem Vorurteil, Probleme im Studium seien primär auf die "Faulheit" der Studierenden zurückzuführen verbunden. Hier werden die Anforderungen einfach nach oben geschraubt ohne die wirklichen Ursachen problematischer Studienverläufe genau zu analysieren (z.B. Arbeit oder Familie neben dem Studium, Probleme bei der Anerkennung von Studienleistungen, zu wenig Beratung bei der Wahl des Studienfachs etc.).
3. Transparenz und Leistungsvergleiche zwischen Bildungsinstitutionen werden oft anhand sehr fragwürdiger Kriterien vorgenommen, die von Ranking zu Ranking variieren. Es ist sicherlich richtig, verschiedene Leistungsdimensionen von Hochschulen zu betrachten (Lehre, Forschung etc.). Jedoch kenne ich kein einziges Ranking, bei dem sich die Mühe gemacht wurde, das erworbene Wissen der Studierenden direkt in einem Test zu vergleichen. Stattdessen werden für die Lehre Indikatoren wie z.B. Anzahl der Studierenden pro Professor oder ähnliches verwendet, die über den eigentlichen Lehrnerfolg nicht viel aussagen.
Eher als mit der Abkehr von Marktelementen im Bildungswesen ist wohl damit zu rechnen, dass sie etwas abgeschwächt, im Grunde aber beibehalten werden im Sinne einer Berücksichtigung "auch" anderer Aspekte.
Zum einen wurden im Bildungswesen positive Effekte der Einführung von Marktprinzipien in einer Einlinearität propagiert und in weiten Teilen akzeptiert, wie sie nicht einmal solide marktorientierte Ökonomen behauptet hätten. Zum anderen ist vieles bereits institutionell verankert; ein "Rückbau" etwa der Bologna-Umstrukturierungen ist nicht wahrscheinlich. Zum dritten ist der Bildungsbegriff abgelöst und müsste - ohne seinen kritikablen Seiten - mit seinen Bestandteilen wie Widerständigkeit, Unzeitgemäßheit, Nicht-nur-Verwertbarkeit restituiert werden - wogegen es weiterhin Widerstände geben dürfte.Außerdem wurden und werden seit Jahrzehnten in der psychologischen Forschung vorliegende Befunde zu negativen Auswirkungen von Wettbewerb im Bildungswesen ignoriert - sie passen nicht zu den allgemein- und bildungspolitischen Intentionen, zu den ökonomischen noch weniger.
Schließlich müsste ein beträchtlicher Teil der Hochschullehrer seinen Opportunismus um orientieren.
All dies dürfte eher auf Versuche einer Aufrechterhaltung einer leicht modifizierten Marktideologie und ihrer Instrumente im Bildungswesen hindeuten.
Der Herr Steinfeld hat ein paar Buecher gelesen und in ein Artikelchen kondensiert - garniert mit zwei vollen Absaetzen Wirtschafts - und Marktkritik. Was er als Alternative sieht sagt er nicht - aber es kommt zwischn den Zeilen schon durch das es die alte deutsche "von oben nach unten" Beamten-Uni ist - ohne Qualitaetsstandards, ohne Verpflichtung gegenueber Studenten und der Oeffentlichkeit, ohne Bezug zur Wirtschaft und der nicht-akademischen Welt.
"Ob dabei tatsächlich mehr und besseres Wissen entsteht, ist höchst ungewiss - die Antwort auf diese Frage entzieht sich allen empirischen Verfahren." - meint Herr Steinfeld. In Wirklichkeit ist diese Frage schon lange beantwortet - am MIT bspw ensteht "mehr und besseres Wissen" als vermutlich an den 5 besten deutschen Unis zusammen. Aehnliches gilt fuer Stanford, Yale, Harvard, Princeton, UCLA usw.
kein Widerspruch, es ist nur so, dass der Artikel insinuiert, der freie Markt habe ausgedient und alles, was von dort kommt, ist schlecht. Dass Freiheit Grenzen braucht, ist dabei auch völlig selbstredend. Und dass jedes Instrument instrumentalisiert werden kann (so wie Sie das schildern), spricht ja nicht gegen das Mittel, sondern die Leute, die damit umgehen
Auch ich sage nicht, dass Lehrerevaluierung des Teufels ist. Es werden hier nur die falschen Kriterien von den falschen Leuten angewandt.
Als Mann einer Lehrerin habe ich gerade hier etwas Einblick. Und wenn man sieht wer dort evaluiert (Rektoren) und mit welchen Maßstäben, so wird deutlich, dass hier Dinge bewertet werden, die absolut nichts mit dem Wohl und Bildungszuwachs der Schüler zu tun haben, sondern rein formalen Charakter haben (Marketing). Warum werden gerade hier nicht die eigentlich Betroffenen - Schüler und Eltern - zur Evaluation befragt?
Statt dessen werden zum Zeitpunkt der Evaluation Potemkinsche Dörfer aufgebaut, die mit dem realen täglichen (Unterrichts-)Leben nichts zu tun haben und das Engagement des Lehrers wir daran gemessen welche Ideen er zu Schulfesten und sonstigen Schaufensteraktivitäten (Markgeting) beisteuert.
Dies führt dazu, dass genau diejenigen, die diese falschen Kriterien internalisiert haben und diese Klaviatur für sich zu nutzen wissen bei Evaluationen besser abschneiden und "nach oben" gelobt werden - und so perpetuiert sich das System.
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