Bildungspolitik Unternehmen Universität

Immergleiche Schlagworte wie "Wettbewerb", "Transparenz" und "Qualitätsmanagement": In der Bildungspolitik überlebt der Glaube an den freien Markt.

Von Thomas Steinfeld

Vom großen Glauben, der möglichst freie Verkehr von Waren, Kapital und Dienstleistungen über alle Grenzen hinweg sei der Garant für stetig steigenden Wohlstand bis in die fernsten dunkelsten Winkel des Globus hinein, ist bis auf weiteres nicht viel übrig geblieben. Wer wollte, angesichts der größten Überproduktionskrise, die der globalisierten Marktwirtschaft je widerfahren ist, jetzt noch ein unbedingtes Lob auf die Segnungen des offenen Wettbewerbs anstimmen?

Wer die Macht, die absolute Freiheit des Kapitalmarkts loben, da doch nun der Staat an allen Ecken und Enden des Wirtschaftslebens als Gesamtunternehmer und Notstandstruppe unterwegs ist? Nein, das tut gegenwärtig keiner mehr, und es wird wohl Jahre dauern, bis, falls es überhaupt je wieder geschehen wird, der radikale wirtschaftliche Liberalismus noch einmal keck seine Stimme erheben wird.

Ganze Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gibt es jedoch, die - unter den immergleichen Schlagworten wie "Wettbewerb", "Transparenz" und "Qualitätsmanagement" - in den vergangenen Jahren nach dem Modell des entfesselten Unternehmertums bis in ihre Fundamente hinein umgestaltet wurden, bei denen eine kritische Revision der Geschäftsgrundlagen bis jetzt nicht einmal als Möglichkeit erwogen wird - auch wenn ihre Vorbilder, eben die Wirtschaftsunternehmen, längst damit begonnen haben.

Aber auch sie werden über Konsequenzen aus der Krise nachdenken müssen, und zwar nicht so sehr, weil sie weniger Geld vom Staat wie von Stiftungen und Firmen bekommen werden (das wird auch geschehen), sondern vor allem, weil die zuvor öffentlich-rechtlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten rigoros demselben wirtschaftlichen Liberalismus unterworfen wurden, der die reale Wertschöpfung beherrschte. Grundsätzlich gehören hierzu alle Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens, die sich, oft nach Vorgaben von Unternehmensberatern, als öffentliche Institutionen eine unternehmerische Struktur geben mussten.

Und es gilt vor allem für die größte dieser Einrichtungen: die Universität. Denn hatte sich die Europäische Union nicht in ihrer "Lissabon-Strategie" aus dem Jahr 2000 vorgenommen, die "wettbewerbsfähigste" und dynamischste "wissensbasierte" Ökonomie der Welt hervorzubringen, komplett mit stetem, dauerhaftem Wachstum und viel sozialem Frieden?

Die Kultur des Wettbewerbs

In den Vereinigten Staaten erschien im vergangenen Herbst ein Buch, das, erkennbar noch vor Einsetzen der Krise geschrieben, die Entwicklung der Geisteswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten bis an ihr systematisches Ende zu denken versucht: bis zum Verschwinden der traditionellen Zentralfigur des akademischen Lebens. "The Last Professors. The Corporate University and the Fate of the Humanities" (Fordham University Press, New York 2008) heißt das Werk, verfasst wurde es von Frank Donoghue, einem Anglisten der Ohio State University.

"Der Wettbewerb", erklärt er darin, sei mittlerweile für die "Kultur von ebenso großer Bedeutung wie für die Wirtschaft. Dieser Wettbewerb schafft den grundsätzlichen Bedarf an allgemeinen Leistungsstandards, an verbindlichen, aber äußerlichen Normen, mit denen sehr unterschiedliche Arten intellektueller Leistungen gemessen werden." An die Stelle von Bürokratie und Berufsethik treten dabei ganz andere Regeln: Zielvereinbarungen, Kosten-/Nutzen-Rechnungen, Effizienzmessungen, Berichtswesen, Budgetierung, Benchmarking, kurz: die ganze Illusionsmaschinerien des Wissensmanagements.