Immergleiche Schlagworte wie "Wettbewerb", "Transparenz" und "Qualitätsmanagement": In der Bildungspolitik überlebt der Glaube an den freien Markt.
Vom großen Glauben, der möglichst freie Verkehr von Waren, Kapital und Dienstleistungen über alle Grenzen hinweg sei der Garant für stetig steigenden Wohlstand bis in die fernsten dunkelsten Winkel des Globus hinein, ist bis auf weiteres nicht viel übrig geblieben. Wer wollte, angesichts der größten Überproduktionskrise, die der globalisierten Marktwirtschaft je widerfahren ist, jetzt noch ein unbedingtes Lob auf die Segnungen des offenen Wettbewerbs anstimmen?
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Bachelor-Studenten in Köln: scheinbare Effizienz? (© Foto: dpa)
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Wer die Macht, die absolute Freiheit des Kapitalmarkts loben, da doch nun der Staat an allen Ecken und Enden des Wirtschaftslebens als Gesamtunternehmer und Notstandstruppe unterwegs ist? Nein, das tut gegenwärtig keiner mehr, und es wird wohl Jahre dauern, bis, falls es überhaupt je wieder geschehen wird, der radikale wirtschaftliche Liberalismus noch einmal keck seine Stimme erheben wird.
Ganze Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gibt es jedoch, die - unter den immergleichen Schlagworten wie "Wettbewerb", "Transparenz" und "Qualitätsmanagement" - in den vergangenen Jahren nach dem Modell des entfesselten Unternehmertums bis in ihre Fundamente hinein umgestaltet wurden, bei denen eine kritische Revision der Geschäftsgrundlagen bis jetzt nicht einmal als Möglichkeit erwogen wird - auch wenn ihre Vorbilder, eben die Wirtschaftsunternehmen, längst damit begonnen haben.
Aber auch sie werden über Konsequenzen aus der Krise nachdenken müssen, und zwar nicht so sehr, weil sie weniger Geld vom Staat wie von Stiftungen und Firmen bekommen werden (das wird auch geschehen), sondern vor allem, weil die zuvor öffentlich-rechtlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten rigoros demselben wirtschaftlichen Liberalismus unterworfen wurden, der die reale Wertschöpfung beherrschte. Grundsätzlich gehören hierzu alle Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens, die sich, oft nach Vorgaben von Unternehmensberatern, als öffentliche Institutionen eine unternehmerische Struktur geben mussten.
Und es gilt vor allem für die größte dieser Einrichtungen: die Universität. Denn hatte sich die Europäische Union nicht in ihrer "Lissabon-Strategie" aus dem Jahr 2000 vorgenommen, die "wettbewerbsfähigste" und dynamischste "wissensbasierte" Ökonomie der Welt hervorzubringen, komplett mit stetem, dauerhaftem Wachstum und viel sozialem Frieden?
Die Kultur des Wettbewerbs
In den Vereinigten Staaten erschien im vergangenen Herbst ein Buch, das, erkennbar noch vor Einsetzen der Krise geschrieben, die Entwicklung der Geisteswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten bis an ihr systematisches Ende zu denken versucht: bis zum Verschwinden der traditionellen Zentralfigur des akademischen Lebens. "The Last Professors. The Corporate University and the Fate of the Humanities" (Fordham University Press, New York 2008) heißt das Werk, verfasst wurde es von Frank Donoghue, einem Anglisten der Ohio State University.
"Der Wettbewerb", erklärt er darin, sei mittlerweile für die "Kultur von ebenso großer Bedeutung wie für die Wirtschaft. Dieser Wettbewerb schafft den grundsätzlichen Bedarf an allgemeinen Leistungsstandards, an verbindlichen, aber äußerlichen Normen, mit denen sehr unterschiedliche Arten intellektueller Leistungen gemessen werden." An die Stelle von Bürokratie und Berufsethik treten dabei ganz andere Regeln: Zielvereinbarungen, Kosten-/Nutzen-Rechnungen, Effizienzmessungen, Berichtswesen, Budgetierung, Benchmarking, kurz: die ganze Illusionsmaschinerien des Wissensmanagements.
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Grundsätzlich sind mit als BWLer Prinzipien und Vorteile des Wettbewerbs alles andere als fremd. Sicherlich gibt es da auch Wettbewerbsaspekte, die im Bildungswesen zu mehr Effizienz führen können und auch an etwas mehr Transparenz und Leistungsstandards kann ich wenig aussetzen. Bedauerlicherweise sieht die Praxis einer stärkeren Wettbewerbsorientierung im Bildungssektor jedoch alles andere als Ideal aus:
1. Der Staat zieht sich immer mehr von seinen Bildungsaufgaben, insbesondere von den nötigen Investitionen zurück und fordert Drittmitteleinwerbung. So schön es auf dem ersten Blick aussieht, dass so zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung stehen, so gehen mit Drittmitteln auch Nachteile einher: Langfristige Planungsunsicherheit, geringere wissenschaftliche Unabhängigkeit und - gerne ignoriert - Interessenskonflikte.
2. Mit Hinblick auf die Studierenden wird Wettbewerbsorientierung gerne mit dem Vorurteil, Probleme im Studium seien primär auf die "Faulheit" der Studierenden zurückzuführen verbunden. Hier werden die Anforderungen einfach nach oben geschraubt ohne die wirklichen Ursachen problematischer Studienverläufe genau zu analysieren (z.B. Arbeit oder Familie neben dem Studium, Probleme bei der Anerkennung von Studienleistungen, zu wenig Beratung bei der Wahl des Studienfachs etc.).
3. Transparenz und Leistungsvergleiche zwischen Bildungsinstitutionen werden oft anhand sehr fragwürdiger Kriterien vorgenommen, die von Ranking zu Ranking variieren. Es ist sicherlich richtig, verschiedene Leistungsdimensionen von Hochschulen zu betrachten (Lehre, Forschung etc.). Jedoch kenne ich kein einziges Ranking, bei dem sich die Mühe gemacht wurde, das erworbene Wissen der Studierenden direkt in einem Test zu vergleichen. Stattdessen werden für die Lehre Indikatoren wie z.B. Anzahl der Studierenden pro Professor oder ähnliches verwendet, die über den eigentlichen Lehrnerfolg nicht viel aussagen.
Eher als mit der Abkehr von Marktelementen im Bildungswesen ist wohl damit zu rechnen, dass sie etwas abgeschwächt, im Grunde aber beibehalten werden im Sinne einer Berücksichtigung "auch" anderer Aspekte.
Zum einen wurden im Bildungswesen positive Effekte der Einführung von Marktprinzipien in einer Einlinearität propagiert und in weiten Teilen akzeptiert, wie sie nicht einmal solide marktorientierte Ökonomen behauptet hätten. Zum anderen ist vieles bereits institutionell verankert; ein "Rückbau" etwa der Bologna-Umstrukturierungen ist nicht wahrscheinlich. Zum dritten ist der Bildungsbegriff abgelöst und müsste - ohne seinen kritikablen Seiten - mit seinen Bestandteilen wie Widerständigkeit, Unzeitgemäßheit, Nicht-nur-Verwertbarkeit restituiert werden - wogegen es weiterhin Widerstände geben dürfte.Außerdem wurden und werden seit Jahrzehnten in der psychologischen Forschung vorliegende Befunde zu negativen Auswirkungen von Wettbewerb im Bildungswesen ignoriert - sie passen nicht zu den allgemein- und bildungspolitischen Intentionen, zu den ökonomischen noch weniger.
Schließlich müsste ein beträchtlicher Teil der Hochschullehrer seinen Opportunismus um orientieren.
All dies dürfte eher auf Versuche einer Aufrechterhaltung einer leicht modifizierten Marktideologie und ihrer Instrumente im Bildungswesen hindeuten.
Der Herr Steinfeld hat ein paar Buecher gelesen und in ein Artikelchen kondensiert - garniert mit zwei vollen Absaetzen Wirtschafts - und Marktkritik. Was er als Alternative sieht sagt er nicht - aber es kommt zwischn den Zeilen schon durch das es die alte deutsche "von oben nach unten" Beamten-Uni ist - ohne Qualitaetsstandards, ohne Verpflichtung gegenueber Studenten und der Oeffentlichkeit, ohne Bezug zur Wirtschaft und der nicht-akademischen Welt.
"Ob dabei tatsächlich mehr und besseres Wissen entsteht, ist höchst ungewiss - die Antwort auf diese Frage entzieht sich allen empirischen Verfahren." - meint Herr Steinfeld. In Wirklichkeit ist diese Frage schon lange beantwortet - am MIT bspw ensteht "mehr und besseres Wissen" als vermutlich an den 5 besten deutschen Unis zusammen. Aehnliches gilt fuer Stanford, Yale, Harvard, Princeton, UCLA usw.
kein Widerspruch, es ist nur so, dass der Artikel insinuiert, der freie Markt habe ausgedient und alles, was von dort kommt, ist schlecht. Dass Freiheit Grenzen braucht, ist dabei auch völlig selbstredend. Und dass jedes Instrument instrumentalisiert werden kann (so wie Sie das schildern), spricht ja nicht gegen das Mittel, sondern die Leute, die damit umgehen
Auch ich sage nicht, dass Lehrerevaluierung des Teufels ist. Es werden hier nur die falschen Kriterien von den falschen Leuten angewandt.
Als Mann einer Lehrerin habe ich gerade hier etwas Einblick. Und wenn man sieht wer dort evaluiert (Rektoren) und mit welchen Maßstäben, so wird deutlich, dass hier Dinge bewertet werden, die absolut nichts mit dem Wohl und Bildungszuwachs der Schüler zu tun haben, sondern rein formalen Charakter haben (Marketing). Warum werden gerade hier nicht die eigentlich Betroffenen - Schüler und Eltern - zur Evaluation befragt?
Statt dessen werden zum Zeitpunkt der Evaluation Potemkinsche Dörfer aufgebaut, die mit dem realen täglichen (Unterrichts-)Leben nichts zu tun haben und das Engagement des Lehrers wir daran gemessen welche Ideen er zu Schulfesten und sonstigen Schaufensteraktivitäten (Markgeting) beisteuert.
Dies führt dazu, dass genau diejenigen, die diese falschen Kriterien internalisiert haben und diese Klaviatur für sich zu nutzen wissen bei Evaluationen besser abschneiden und "nach oben" gelobt werden - und so perpetuiert sich das System.
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