Ein Kommentar von B. Taffertshofer

Ein Rekord jagt den anderen: mehr Abiturienten, mehr Studienanfänger, mehr Akademiker. Doch die Ausgaben für Bildung sinken - Deutschland droht ein Akademikermangel.

Ein Rekord jagt den anderen: mehr Abiturienten, mehr Studienanfänger, mehr Akademiker. Noch nie war die Quote der Hochschulabsolventen so hoch wie im Jahr 2007, meldet das Statistische Bundesamt. Fast könnte man meinen, der beklagte Fachkräftemangel sei bald überwunden. Doch Deutschland bleibt noch immer weit hinter anderen Industrienationen zurück, wo im Schnitt jeder Dritte einen Hochschulabschluss erwirbt. Dieses Ziel hat sich auch der deutsche Wissenschaftsrat gesetzt. Trotz der Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte schafft es hierzulande aber nur jeder Vierte, obwohl viel mehr die Fähigkeiten dazu hätten.

Akademiker Studenten Absolventen, ddp

Studenten: Der Wissenschaftsrat verlangt eine Milliarde Euro pro Jahr zusätzlich für die Hochschulen. (© Foto: ddp)

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Zwar gibt es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Staaten ein System der Berufsausbildung, das gute Fachkräfte hervorbringt. Dennoch wird es sich das Land auf Dauer nicht leisten können, nur 24 Prozent eines Jahrgangs zu einem Studienabschluss zu führen. Selbst in Zeiten der wirtschaftlichen Stagnation ist das Risiko, arbeitslos zu werden, für Akademiker geringer als für gewöhnliche Fachkräfte. Außerdem profitiert die Volkswirtschaft von einer hohen Studentenzahl. Beteuerungen, wie wichtig die Bildung sei, gibt es jeden Tag. Aber die Ausgaben dafür sind hierzulande, gemessen an der Wirtschaftskraft, selbst in den vergangenen fetten Jahren weiter gesunken.

Tausendfacher Studienabbruch

Die Gefahr ist groß, dass die Politiker eine einmalige Gelegenheit verpassen, dem steigenden Bedarf an Akademikern gerecht zu werden. Nach den Prognosen der Kultusminister wird die Zahl der Studenten bis zum Jahr 2013 weiter steigen, weil die letzten geburtenstarken Jahrgänge an die Hochschulen drängen. Doch die nötigen Studienplätze fehlen. Viele Abiturienten scheitern schon heute am Numerus clausus, mit dem sich die Hochschulen vor zu vielen Bewerbern schützen. Trotz Verbesserungen in der Lehre brechen etwa 20 Prozent der Studenten ihre Ausbildung ohne Abschluss ab. Dieser tausendfache Studienabbruch kostet den Staat laut Experten jährlich mehr als zwei Milliarden Euro.

Wenn die Hochschulen bald deutlich mehr Absolventen hervorbringen sollen, wird es nicht reichen, die Hörsäle und Labore zu sanieren, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Konjunkturprogramm plant. Denn an den Universitäten gibt es nicht nur einen Sanierungsstau. Der Wissenschaftsrat, in dem auch die Fachminister von Bund und Ländern sitzen, verlangt eine Milliarde Euro pro Jahr zusätzlich für die Hochschulen, damit sie mehr Professoren einstellen, sie fortbilden und die Betreuung der Studenten verbessern können. Außerdem soll es mehr Stipendien für Studenten geben.

Wenn Angela Merkel sich mit ihrem Ruf nach einer "Bildungsrepublik" nicht blamieren will, muss sie alles daran setzen, den Ländern, der Wirtschaft und den Haushältern im Bundestag das notwendige Geld zu entlocken. Sonst wird aus dem prognostizierten Studentenhoch am Ende ein Akademikertief. )

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(SZ vom 20.12.2008/bön)