Auch auf dem Arbeitsmarkt geht die Gleichung auf. Englische und amerikanische Unternehmen wissen, was sie an jungen Leuten haben, die ihren Kopf im Dialog mit engagierten Lehrern an altgriechischen Texten oder physikalischen Problemen geschult haben.

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Geisteswissenschaftler in der Finanzwelt

Ein anspruchsvolles Philosophieseminar kann es in dieser Hinsicht mit einer Vorlesung über Maschinenbau oder Wirtschaftsinformatik durchaus aufnehmen, und wer die komplexe Struktur homerischer Epen verstanden hat, wird sich auch in den chinesischen Handelsmarkt einarbeiten können. Die Londoner Finanzwelt beschäftigt zahlreiche hochbezahlte Geistesarbeiter, die in Oxford oder Cambridge ihre Meisterprüfung in klassischer Philologie, Geschichte oder englischer Literatur bestanden haben.

Das führt zu der absurden Situation, dass ein Weltunternehmen wie BMW in seiner englischen Fabrik gerne Oxford-Absolventen aller Fachrichtungen beschäftigt, vergleichbaren Bewerbern in Deutschland aber die Tür weist, wenn sie nicht ein BWL-Zusatzstudium vorweisen können. Das habe, heißt es dazu aus der Konzernzentrale in München lau, eben mit der unterschiedlichen Tradition in Deutschland und England zu tun. Mit einem Wort: Den in England Ausgebildeten traut das Unternehmen selbständiges Lernen zu, den Absolventen einer deutschen Universität offensichtlich nicht.

Mit der Krise der alten Finanzwelt ist die Zeit gekommen, da die Erben Humboldts, Schleiermachers, Fichtes die Autobauer Lügen strafen könnten. Schon geht das böse Gerücht um, dass am Frankfurter Hauptbahnhof nicht nur gut ausgebildete Soziologen, sondern die ersten Account-Manager großer Banken am Taxistand auf Kunden warten.

Es wäre eine typisch deutsche Lösung: Gleichheit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Aus England meldet derweil die BBC, dass der Andrang auf Lehrstellen um 34 Prozent gestiegen ist. Der Grund: Zahlreiche ehemalige Banker aus Londons City wollen in den Lehrberuf wechseln. Dass der Markt sich auf ausgerechnet diese Art und Weise selbst reguliert - man hatte es nie zu hoffen gewagt.

Uns Deutschen sollte das zu denken geben. Am 22.Oktober gibt es den Bildungsgipfel von Bund und Ländern in Dresden. Bildung, Forschung, Lehre - das war noch nie so wichtig wie in diesen unglaublichen Tagen und Stunden.

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(SZ vom 11.10.2008/heh)