Jede Gesellschaft hat die Universitäten, die sie verdient: Deutschland sollte sich ein Beispiel an sich selbst nehmen und sich auf die Ursprünge der modernen Lehre besinnen.
"Die Wissenschaft ist harte Arbeit", sagte mein Prof gerne, wenn er Vorträge in Deutschland hielt. Dann krempelte er die Hemdsärmel hoch, stemmte sich auf das Pult und ging in die Vollen. Der Mann konnte es sich leisten: Er hatte einen Lehrstuhl in Oxford, einen Sitz in der Britischen Akademie der Wissenschaften und dazu noch eine Goldmedaille der Goethe-Gesellschaft. Vor allem aber war er Engländer - und damit genoss er Narrenfreiheit im ernsten Land der Dichter und Denker.
Studentenprotest: Berliner Studenten protestiern gegen Kürzung an ihrer Uni. (© Foto: dpa)
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Streng konnte auch er sein. Aber er nahm die Wissenschaft ernst, nicht sich selbst, und seine Seminare waren eine schwafelfreie Zone. Wo andere den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen, schlug er Schneisen durchs Dickicht der Forschung. Er konnte über die makellose Schlichtheit eines Naturgedichts von Goethe sprechen und - zweihundert Jahre Forschungsliteratur unterschlagend - uns das Gefühl geben, als sei es gestern entstanden. Er hat mit vielen zusammengearbeitet, aber von "Exzellenzclustern" und "Forschungsverbünden" hat er nie gesprochen. Er ging daheim jeden Tag zu Fuß zu seinem Oxforder College und hielt es mit Augustinus' Motto "solvitur ambulando" - im Gehen findet sich die Lösung.
Vier Jahrzehnte lehrte und forschte er mit großem Erfolg und kam dabei sogar ohne Sekretärin und Assistent aus!
Hochschulen sind ein Hindernisparcours
Wer heute im Hörsaal einer deutschen Universität Platz nimmt (wenn er einen bekommt), dem muss das alles wie ein Märchen aus der Kreidezeit erscheinen. So kann man heute, wird er erfahren, keine Wissenschaft betreiben und schon gar nicht bei uns. "Wissenschaft" - das hatte in Deutschland schon immer einen ganz besonderen Klang, und moderne Hochschulen sind ein Hindernisparcours von Akkreditierungsverfahren, Evaluationsorgien und Drittmittelrankings.
Nur die Härtesten kommen, durch jahrelange Berufungsverfahren und Zeitverträge gestählt, auf einen Lehrstuhl, pardon: Forschungsstuhl, um als Gremiengurus, Drittmittelabzocker oder Vielschreiber ihrer Hochschule ein möglichst gutes Abschneiden in der Exzellenzinitiative zu ermöglichen. Nicht pädagogische Eignung als Hochschullehrer gilt hierzulande als Erfolgskriterium einer akademischen Karriere, sondern der Publikationsausstoß und die Mittelbeschaffungsaffinität.
In Deutschland schwingt sich nur noch eine Minderheit der Professoren mit Lust und Laune hinters Katheder. Und wer kann es ihnen verdenken: Die beständig steigende Anzahl der Studierenden bei nahezu gleichbleibender Zahl an Lehrstühlen schafft brechend volle Hörsäle und miserable Betreuungsrelationen in den Fachbereichen. Inzwischen klagen sogar Professoren öffentlich über die "Verwahrlosung der Lehre". Die Rede ist von "Schweigekartellen", die Lehre sei das "letzte Tabu" der Universität.
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- Studienreform Der Bachelor-Bankrott 01.10.2008
- Kommentar Vergesst Pisa! 14.07.2005
- Latein versus Informatik Humboldts Vermächtnis 02.07.2007
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Anti-ACTA Demonstration in Berlin
Der Punkt ist doch, dass Wirtschaftsunternehmen in Großbritannien Graduates eine Chance bieten, mit 22 Jahren auf Telefon-Sales-Stellen zu rutschen und Geld zu verdienen. Dieser Mensch muss nicht viel im Kopf haben, sondern telefonieren lernen. Angesichts des völlig desolaten Zustandes des britischen Bildungssystems ist der Bachelor faktisch gerade mal das deutsche Abitur. Nicht mehr nicht weniger. Das Geld was ein Graduate im ersten Jahr verdienen kann, sooviel verdient in Deutschland kein Post-Doc-Unidozent niemals nicht, auch wenn er schon den zweiten Zeitvertrag erfolgreich ueberstanden hat. Andererseits kann man Business-2-Business-Marketing Researcher sein - Ich mache das gerade - und doch einen geisteswissenschaftlichen Abschluss haben. Das ginge in Deutschland nicht, weil die diskursive Entwertung von Geisteswissenschaften das eben unmöglich macht. Aber da verschwendet die deutsche Wirtschaft Humankampital.
Was "rallmann" über das englische Bildungssystem und die "old boys" schreibt, sollte - fett gedruckt - auf der Kommentarseite der SZ-Druckausgabe stehen - mitsamt dem dezenten Hinweis auf gewisse Zusammenhänge mit dem Geld, das uns deutschen Steuerzahlern gerade gestohlen wird.
10.000 Pfund Schulgeld im Jahr für Grundschüler (Beispiel aus 2008, kein Tippfehler!) - und dann wird man weitergereicht bis in die Höhen der wirtschaftlichen Macht.
Schon Churchuill beschreibt das in seinen Erinnerungen, freilich verklärt und verfälscht.
Das staatliche Schulsystem stellt unerfüllbare Ansprüche an sich selbst und scheitert gräßlich an den sozialen und wirtschaftilchen Gegebenheiten.
Der Artikel springt an manchen Stellen einfach zu kurz. Wahr ist natürlich, dass durch das ungünstige Zahlenverhältnis Studenten/Lehrpersonal und ein System, das nur Veröffentlichungen, nicht aber Leistungen in der Lehre belohnt die Lehre zur lästigen Nebensache wird. Dumm ist es aber, das Problem mit 150 Jahre alten Rezepten lösen zu wollen außer man betrachtet die Universität nur als eine Ansammlung von Geisteswissenschaften, wo dies noch funktionieren könnte, und lässt die technischen und Naturwissenschaftlichen Fächer außer Acht.
Aber nun im einzelnen: Ernst genommen wird der Student nur als zahlender Kunde. Dazu reichen aber 500 pro Semester nicht. Und es muss zuerst die Möglichkeit geschaffen werden, dass der Kunde Alternativen hat, also mehr als ausreichend Studienplätze vorhanden sind. Ob nun der Student selbst oder der Staat (Zuweisung an die Universität für jeden besetzten Studienplatz oder Abschluss) ist dabei unwichtig. Ich hielte es für die beste Lösung, wenn jeder Student nach Verlassen der Uni verteilt über 10 20 Jahre ein Brutto-Jahresgehalt zu zahlen hätte. Egal ob als Taxifahrer oder als Vorstandsvorsitzender. Damit wäre auch der Uni an einem Weiterkommen ihrer Absolventen gelegen (bisher ist ihnen das egal) und Studenten die ins Ausland abwandern müssten zumindest ihre Ausbildung bezahlen wie ihre dortigen inländischen Kollegen auch.
Das Anpreisen ausländischer Elite-Unis ist peinlich. In Harvard kann ein mittelmäßiger Student saufen und Partys feiern, Abschluss kriegt er trotzdem. Das wäre an jeder normalen deutschen Uni unmöglich. In Oxford auch ich war dort, nicht als Germanist trifft man Studenten, die nach drei Jahren völlig verschultem Studium als Naturwissenschaftler die einfachsten Geräte im Labor nicht bedienen können, in Deutschland undenkbar. Elite definiert sich an solchen Universitäten nicht durch Können und Leistung sondern durch das funktionierende Old Boys Netzwerk. Jemand der im Oxford-Achter ruderte hat die besten Karrierechancen. Die Ergebnisse sind dann z.B. die jetzige Finanzkrise. Und die Tatsache, dass für Oxford-Absolventen (nicht für Uni Warwick Absolventen, auch wenn diese im Innerbritischen Ranking vor Oxford liegt) auch Jobs außerhalb ihrer eigentlichen Ausbildung bekommen zeigt, dass diese Jobs eben eine solche Ausbildung nicht verlangen Management-Schwafel-Jobs.
Insgesamt gesehen: Deutschlands Unis brauchen Veränderungen, aber im internationalen Vergleich sind sie in ihrer breite g
Ich stimme dem Autor des Artikels zu: Deutschland muss seine Bildungsausgaben erhöhen, die Lehre an den Hochschulen muss verbessert werden. Oft genug auch da stimme ich zu sind die Lehrqualitäten der deutschen Hochschullehrer ein Tabu. Das muss sich ändern.
Herr Herwig zieht leider den üblichen Vergleich zum englischen Hochschulraum. Er unterschlägt aber eine wichtige Tatsache: In Oxford steht nicht die prototypische englische Universität. Die Universitäten in Oxford und Cambridge sowie einige Londoner Hochschulen sind Eliteeinrichtungen, sie kümmern sich um eine kleine Minderheit von Studierenden, und sie haben aufgrund ihres guten Rufes und der zugegebenermaßen guten Studienbedingungen die Möglichkeit, sich eine handverlesene Studentenschar zusammenzustellen. Nur deshalb stellt BMW gerne Absolventen der Oxforder Universität ein. Ein Bewerber aus Bradford oder Southampton dürfte aber sicherlich trotz eines englischen BA-Abschlusses - mit einer Absage rechnen.
Die durchschnittliche englische Universität bringt keine kritischeren oder innovativeren Geister hervor als die durchschnittliche deutsche Universität. Nach drei Jahren als Dozent im BA-Studiengang Germanistik an einer britischen Hochschule würde ich durchaus behaupten, dass auch die Hälfte der englischen Studierenden im Studium praktisch nichts lernt.
Und: Gerade die englischen Hochschulen sind Examens- und Akkreditierungsmühlen. In England richtet sich die Personalpolitik sogar nach dem Zeitpunkt der nächsten Akkreditierung man stellt schnell noch Wissenschaftler mit zahlreichen Publikationen ein, um in der anstehenden Research Assessment Exercise gut abzuschneiden. Die Lehre ist dabei, nun ja, zweitrangig.
Noch ein Hinweis sei erlaubt: Die Finanzkrise nahm bekanntermaßen ihren Ursprung bei amerikanischen und britischen Finanzinstituten. Wie konnte das denn passieren angesichts der angeblich so zahlreichen hoch bezahlten Geisteswissenschaftler im englischen Bankensektor? Wer seinen Kopf in Oxford im Dialog mit engagierten Lehrern an altgriechischen Texten geschult hat, ist scheinbar noch lange kein verantwortungsvoller Banker, wie der Autor uns glauben machen will.
Erst vor kurzem äußerte sich Herr Nida-Rümelin in einem Artikel über die deutsche Studienlandschaft.
Meine Interpretation des Artikels war, dass die letzte große Reform des deutschen Studiensystems welche das Diplom bzw. den Magister durch Bachelor & Master ablösen sollte, weitestgehend gescheitert ist.
Jetzt hört man am Wochenende, dass Bildungskredite in Zukunft mit 7 % verzinst werden. Ein Bärendienst der Politik!
Welches Studiensystem will man denn nun in Deutschland etablieren? Das anglo-amerikanische System? Mitnichten, nur weil es teurer wird ist das System noch lange nicht gut.
Das anglo-amerikanische System hätte man etablieren können, wenn man bspw. den Bachelor auf vier Jahre angelegt hätte, anstatt wie getan auf drei. Dann hätte vielleicht die Chance der Anerkennung dieses Abschlusses im Ausland bestanden. So bezahlt man viel Geld - in Niedersachsen ab nächstem Semester EUR 770,- pro Semester - für international teilweise wertlose Abschlüsse.
Ein studium generale? Gerne, wenn man pro Jahr 7 % Zinsen bezahlt wieso auch nicht noch mehr Inhalte in teilweise schon arg gestraffte Studiengänge pressen, die das Thesenpapier auf dem sie entworfen wurden nachher nicht wert sind.
Das Jurastudium bspw. will - zumindest wenn man sich die die Ausbildung regelnden Vorschriften anschaut - sogar Grundkenntnisse in Soziologie, Geschichte, Philosophie und Wirtschaft vermitteln, zusätzlich zu den praktisch unverzichtbaren soft-skills.
Viel verlangt von Sutdenten, die teilweise nicht einmal richtig den Imperativ bilden können, geschweige denn wissen was das überhaupt ist, oder was sie mit soft-skills anfangen sollen.
Ach und praktisch abgeprüft werden Soziologie, Geschichte, Philosophie und Wirtschaft in einer 90 minütigen Klausur, die auch nur mitgeschrieben wird, weil sie als Prüfungszulassung relevant ist...
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