Von Jens Schneider

Bildung ist in Deutschland oft eine Frage der sozialen Herkunft. Schulsenatorin Christa Goetsch möchte das ändern.

In Hamburgs Schulbehörde herrscht hanseatische Unaufgeregtheit. Ja, bestätigt die Sprecherin der Senatorin Christa Goetsch, diese Woche steht die Angelegenheit auf der Tagesordnung der Hamburgischen Bürgerschaft. Dann lässt sie durchblicken, dass die Sache nicht viel Arbeit bereitet hat. Viele haben sich dafür noch nicht interessiert. In Hamburg streitet man längst über viel kühnere Reformpläne der seit Mai amtierenden schwarz-grünen Koalition. Voraussichtlich in aller Stille wird in der Wochenmitte im Rathaus an der Alster eine alte, aber längst nicht mehr ehrwürdige Institution zu Grabe getragen.

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22 reine Hauptschulen gibt es noch in der Hansestadt. Nach den Sommerferien sollen keine neuen Klassen eingerichtet werden. Stattdessen werden die Real- und Hauptschulen zusammengeführt. Im Bildungsausschuss des Landesparlaments waren sich Politiker von links bis rechts Mitte Juni einig, dass die Hauptschule keine Zukunft haben darf, weil sie Absolventen keine Zukunft bietet. Schon Anfang 2007 hatte eine Enquête-Kommission das Todesurteil gesprochen. "Der Besuch einer Hauptschule wirkt ab der siebten Klasse häufig motivationshemmend", befand sie. Die Schulform sei zur Restschule geworden.

Makel des deutschen Bildungssystems

Ihre Abschaffung ist für Goetsch nur der "erste Meilenstein einer großen Schulreform". In zwei Jahren sollen die integrierten Haupt- und Realschulen in Stadtteilschulen aufgehen. Dort sollen dann Schüler mit unterschiedlichen Begabungen gemeinsam unterrichtet, aber individuell gefördert werden. Am Ende können sie den mittleren Abschluss oder nach 12 oder 13 Jahren das Abitur machen. Goetsch ist überzeugt, dass es nicht gut für Schüler ist, sie früh zu selektieren und zu sortieren. "Es gehen zu viele Talente verloren", klagt die leidenschaftliche Pädagogin. Vor allem soll das Konzept helfen, einen der größten Makel des deutschen Bildungssystems zu beheben. Der Erfolg der Kinder sei an ihre soziale Herkunft gebunden, beklagt Goetsch. "Das ist nicht gerecht und ein großer Verlust für Hamburg."

Massiver Widerstand

Innerhalb kürzester Zeit hat sie ein Gesamtpaket geschnürt, das bis 2012 ein komplett neues Schulsystem etablieren soll. Die Abschaffung ist dabei der leichteste, weil unstrittige Schritt. Der Streit über die nächsten hat längst begonnen. Im bürgerlichen Lager regt sich massiver Widerstand gegen ein Kernstück ihrer Pläne, die sogenannte Primarschule. Das schwarz-grüne Konzept sieht vor, dass Hamburgs Schüler bis zur sechsten Klasse in sogenannten Primarschulen gemeinsam lernen sollen. Erst ab Klasse sieben würde über den Sprung aufs Gymnasium oder die Stadtteilschule entschieden.

Doch viele bürgerliche Eltern glauben, dass begabte Kinder in der Primarschule unterfordert würden. Längst sammelt eine Bürgerinitiative Unterschriften für einen Volksentscheid. Mit ihrem Kampf für den Erhalt der Gymnasien ab Klasse fünf treibt sie einen Keil in die Koalition. Obwohl die CDU das Projekt offiziell mitträgt, unterstützen viele Christdemokraten die Initiative. Bis Sommer 2009 soll über die Primarschulen entschieden werden. Goetsch steht nach mehr als zwanzig Jahren als Lehrerin eines ihrer schwersten Schuljahre bevor.

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(SZ vom 7.7.2008/bön)