Ein Kommentar von Tanjev Schultz

Der neue OECD-Bericht legt abermals offen: Der Bundesrepublik fehlt es an Abiturienten, Studenten und Akademikern. Auch alte Reflexe verhindern, dass mehr junge Menschen hierzulande einen Hochschulabschluss erreichen.

Studieren lohnt sich. Dies gilt zunächst einmal in einem schnöden ökonomischen Sinn, wie die neuen Daten der OECD belegen. Akademiker haben, trotz einiger Unsicherheit beim Berufseinstieg (die mit dem Schlagwort "Generation Praktikum" oft übertrieben wird), ein höheres und stärker wachsendes Einkommen als Nicht-Akademiker.

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Ihr Risiko, längere Zeit arbeitslos zu sein, ist geringer. Auch die Volkswirtschaft profitiert von einer hohen Studentenzahl. Deutschland jedoch wird in den kommenden Jahren unter einem Mangel an Absolventen leiden, vor allem unter einem Mangel an Ingenieuren und Lehrern.

Dennoch reagieren manche Professoren und Politiker mit einem alten Reflex: Noch mehr Studenten? Bloß nicht! Lungern nicht jetzt schon zu viele auf dem Campus herum? Zählt denn ein Lehrling gar nichts mehr? In Deutschland gibt es doch ein System der Berufsausbildung, das gute Fachkräfte hervorbringt!

Das stimmt. Dennoch wird es sich das Land auf Dauer nicht leisten können, nur jeden Vierten zu einem Studienabschluss zu führen. Trotz der Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte erwerben zu wenige Schüler die Hochschulreife, die Zahl der Studenten bleibt weit hinter anderen Staaten zurück.

Sicher kann man sich fragen, ob die Welt wirklich besser wird, wenn es noch mehr Juristen, Betriebswirte und Soziologen gibt. Wer solche Vorbehalte hegt, überschätzt aber meist die Zahl der Absolventen. Deutschland ist noch weit davon entfernt, ein Land der Akademiker zu sein, denn selbst wer ein Studium beginnt, beendet es oft ohne Abschluss.

Konservative Wächter der Bildungswege nehmen das gern als Beleg dafür, dass viele Studenten nichts taugen und ihnen die Voraussetzungen zum Studieren fehlen. Diese Klage und der Wunsch, nur einen ganz erlesenen Kreis zum Studium zuzulassen, sind allerdings uralt. Sie sind so alt wie die Universitäten selbst. Und das müsste den Verfallsdiagnostikern eigentlich zu denken geben.

"Flut der Studenten"

Ein Beispiel: Anfang der sechziger Jahre lamentierten die Interviewer des Spiegels, das Abitur sei kein Beweis mehr für die Hochschulreife. Ludwig Raiser, damals Vorsitzender des Wissenschaftsrats, pflichtete ihnen bei und bedauerte den "Schwemmsand", der durch die "Flut der Studenten" mitgespült werde. In Jura und den Geisteswissenschaften habe man leider "nicht nur erstklassiges Material". Damals aber studierten noch viel weniger junge Menschen als heute.

Es ist ein Irrglaube zu meinen, eine niedrige Studentenzahl bürge für Qualität. Wie war es im 17. und 18. Jahrhundert? Die Studentenquote war sehr gering, aber auch damals grauste es die Professoren. Man müsse sich, schrieb Helmut Schelsky, die Studentenschaft dieser Zeit als eine Sammlung von Halbstarken vorstellen. Im Hörsaal saßen oft nur wenige, die Übrigen trieben Allotria. Viele Studenten sind da heute wesentlich fleißiger und vernünftiger.

Wenn die Hochschulen mehr Absolventen hervorbringen sollen, wird es nicht reichen, mehr Professoren einzustellen. Die Lehre muss verbessert werden und mehr Gewicht erhalten, sonst wird es auch in Zukunft zu viele Studienabbrecher geben.

Professoren neigen dazu, sich nur solche Studenten zu wünschen, die so sind oder so werden wollen wie sie: Wissenschaftler aus Berufung (und von Beruf). Der Wunsch kann aber nicht erfüllt werden, und er war auch schon vor 50, 100 oder 200 Jahren unrealistisch.

Die Einführung von Bachelor-Studiengängen bietet nun die Chance, jene Studenten besser zu betreuen, die nicht ihr ganzes Leben im Seminar zubringen wollen. Dabei dürfen es die Universitäten allerdings mit der Verschulung und der Ausrichtung auf die Praxis nicht übertreiben. Der Wert eines Studiums liegt ja auch darin, dass es Freiräume zur Selbstbildung bietet und den geistigen Horizont erweitert. Dann erst lohnt sich ein Studium wirklich.

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(SZ vom 19.09.2007)