Der neue OECD-Bericht legt abermals offen: Der Bundesrepublik fehlt es an Abiturienten, Studenten und Akademikern. Auch alte Reflexe verhindern, dass mehr junge Menschen hierzulande einen Hochschulabschluss erreichen.
Studieren lohnt sich. Dies gilt zunächst einmal in einem schnöden ökonomischen Sinn, wie die neuen Daten der OECD belegen. Akademiker haben, trotz einiger Unsicherheit beim Berufseinstieg (die mit dem Schlagwort "Generation Praktikum" oft übertrieben wird), ein höheres und stärker wachsendes Einkommen als Nicht-Akademiker.
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Ihr Risiko, längere Zeit arbeitslos zu sein, ist geringer. Auch die Volkswirtschaft profitiert von einer hohen Studentenzahl. Deutschland jedoch wird in den kommenden Jahren unter einem Mangel an Absolventen leiden, vor allem unter einem Mangel an Ingenieuren und Lehrern.
Dennoch reagieren manche Professoren und Politiker mit einem alten Reflex: Noch mehr Studenten? Bloß nicht! Lungern nicht jetzt schon zu viele auf dem Campus herum? Zählt denn ein Lehrling gar nichts mehr? In Deutschland gibt es doch ein System der Berufsausbildung, das gute Fachkräfte hervorbringt!
Das stimmt. Dennoch wird es sich das Land auf Dauer nicht leisten können, nur jeden Vierten zu einem Studienabschluss zu führen. Trotz der Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte erwerben zu wenige Schüler die Hochschulreife, die Zahl der Studenten bleibt weit hinter anderen Staaten zurück.
Sicher kann man sich fragen, ob die Welt wirklich besser wird, wenn es noch mehr Juristen, Betriebswirte und Soziologen gibt. Wer solche Vorbehalte hegt, überschätzt aber meist die Zahl der Absolventen. Deutschland ist noch weit davon entfernt, ein Land der Akademiker zu sein, denn selbst wer ein Studium beginnt, beendet es oft ohne Abschluss.
Konservative Wächter der Bildungswege nehmen das gern als Beleg dafür, dass viele Studenten nichts taugen und ihnen die Voraussetzungen zum Studieren fehlen. Diese Klage und der Wunsch, nur einen ganz erlesenen Kreis zum Studium zuzulassen, sind allerdings uralt. Sie sind so alt wie die Universitäten selbst. Und das müsste den Verfallsdiagnostikern eigentlich zu denken geben.
"Flut der Studenten"
Ein Beispiel: Anfang der sechziger Jahre lamentierten die Interviewer des Spiegels, das Abitur sei kein Beweis mehr für die Hochschulreife. Ludwig Raiser, damals Vorsitzender des Wissenschaftsrats, pflichtete ihnen bei und bedauerte den "Schwemmsand", der durch die "Flut der Studenten" mitgespült werde. In Jura und den Geisteswissenschaften habe man leider "nicht nur erstklassiges Material". Damals aber studierten noch viel weniger junge Menschen als heute.
Es ist ein Irrglaube zu meinen, eine niedrige Studentenzahl bürge für Qualität. Wie war es im 17. und 18. Jahrhundert? Die Studentenquote war sehr gering, aber auch damals grauste es die Professoren. Man müsse sich, schrieb Helmut Schelsky, die Studentenschaft dieser Zeit als eine Sammlung von Halbstarken vorstellen. Im Hörsaal saßen oft nur wenige, die Übrigen trieben Allotria. Viele Studenten sind da heute wesentlich fleißiger und vernünftiger.
Wenn die Hochschulen mehr Absolventen hervorbringen sollen, wird es nicht reichen, mehr Professoren einzustellen. Die Lehre muss verbessert werden und mehr Gewicht erhalten, sonst wird es auch in Zukunft zu viele Studienabbrecher geben.
Professoren neigen dazu, sich nur solche Studenten zu wünschen, die so sind oder so werden wollen wie sie: Wissenschaftler aus Berufung (und von Beruf). Der Wunsch kann aber nicht erfüllt werden, und er war auch schon vor 50, 100 oder 200 Jahren unrealistisch.
Die Einführung von Bachelor-Studiengängen bietet nun die Chance, jene Studenten besser zu betreuen, die nicht ihr ganzes Leben im Seminar zubringen wollen. Dabei dürfen es die Universitäten allerdings mit der Verschulung und der Ausrichtung auf die Praxis nicht übertreiben. Der Wert eines Studiums liegt ja auch darin, dass es Freiräume zur Selbstbildung bietet und den geistigen Horizont erweitert. Dann erst lohnt sich ein Studium wirklich.
(SZ vom 19.09.2007)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Bildung ist auch subversiv, kein Wunder also, dass sie nicht grundsätzlich erwünscht ist .Diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass in Deutschland Armut wieder eingeführt, akzeptiert und hingenommen wird, scheinen identisch mit denen, die bestimmte Gruppen gezielt von Bildung fernhalten möchten. Armen Familien, deren Kinder von Anfang an mit Kalkül ausgegrenzt werden, die von besserer Schulbildung nur träumen können, und zwar nicht nur, weil sie sich weder das sogenannte Büchergeld, geschweige denn die Studiengebühren leisten können, ihnen sagt man dann auch ungeniert ins Gesicht, wo ihr Platz ist: in der sogenannten "Unterschicht", im sogenannten "Prekariat". Also dort, wo angeblich nicht gedacht wird, weil Denken dort nicht möglich sein kann, wo die Fähigkeit zu eigenständigem Denken bezweifelt wird, wo man neben vielem anderen offenbar auch den Verstand verloren hat, denn Denken lernt man nur an der Uni. Für manche scheint es wirklich immer noch eine Wunschvorstellung zu sein: Mitbürger, die lediglich passiv "Wahrheiten" entgegennehmen, die von der Spitze der Gesellschaft und der Spitze der Gelehrsamkeit nach unten gereicht werden.
... hier rhethorische Fragen an meine Adresse zu senden, wäre es nicht schlecht, wenn Sie sich mit dem Kontext vertraut gemacht hätten.
Mein Beitrag lautete u.a.:
"In den von Ihnen genannten Ländern [u.a. USA, Kanada, Japan] soll, nach den Ergebnissen mehrerer Studien, der Zugang von Kindern zu höherer Bildung wesentlich geringer vom finanziellen Status der Elternhäuser abhängen als in Deutschland."
Darauf Sie:
"@AK871:
Frage: Und was wollen Sie damit beweisen? Dass in Deutschland das Schulgeld so hoch ist, dass Arbeiter ihre Kinder nicht zur Schule schicken können? Oder Schulbücher nur an Reiche verkauft werden? "
1.) Ich habe nichts "bewiesen", sondern habe nur das Ergebnis mehrerer Studien, darunter PISA zusammengefasst. Hier in der SZ finden Sie das aktuelle Ergebnis der OECD zum Jahr 2005 unter:
"http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/artikel/682/133433/"
im Punkt "Chancengleichheit".
2.) Wenn Sie jemanden zum verbalen "Rumprügeln" suchen, es gibt genug nicks, die es mit Freuden aufnehmen und gerne bis morgen früh die Tastatur mit Ihnen kreuzen.
"Aber alleine eine Korrelation zwischen Geldbeutel und Bildungserfolg herzustellen ist etwas zu oberflächlich."
Danke für den Hinweis. ich schlage vor, Sie unterbreiten der OECD und / oder den PISA-Gremien Ihre weiterreichenden und offenbar substantiierteren Vorschläge, wie es in Zukunft besser gemacht wird.
In der Hoffnung, dass Sie uns hier über die erzielten Fortschritte am ehesten auf dem Laufenden halten verbleibe ich mit
höflichen Grüßen
"Wenn es in den USA noch schlechter sein sollte, ist das sicher kein Vorbild für unser Bildungssystem, das sich eher an den Skandinaviern orientieren sollte. "
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Frage: Was wollen Sie denn von den "Skandinaviern" übernehmen? Bei Pisa 2003 lag lediglich Finnland signifikant besser als D, Norwegen hinter D, Schweden und Dänemark leicht besser. Einzelne Bundesländer wie Bayern, BW, jetzt auch Sachsen liegen viel besser in der Bewertung als alle skandin. Länder außer Finnland. Die Norweger könnten mal in einzelne Bundesländer kommen, um etwas zu lernen. Vielleicht sollte man erst einmal "zu Hause" nach erfolgreichen Modellen suchen und nicht im fernen Ausland,
Finnland z,B. ist nicht vergleichbar.
Gehen Sie mal in eine D Hauptschule und schauen Sie sich die Zusammensetzung an. Wenn Sie den kultur- und bildungsfernen Migrantenanteil herausrechnen, deren Eltern die Jungfräulichkeit der Tochter wichtig ist und nicht ihre Bildung, die ihre Söhne dazu erziehen, ihre Ehre zu verteidigen, statt sich um Bildung zu bemühen, dann sieht das Ergebnis auch in D ganz anders aus. Das hören die meisten nicht gerne und verschließen lieber Augen und Ohren vor der Realität, träumen lieber von Skandinavien. Nur es bringt nichts.
"Wie geschrieben, unter allen europäischen Ländern hat Deutschland am schlechtesten abgeschnitten bei der Frage, wie weit Papis Geldbeutel für die berufliche Bildung seiner Kinder entscheidend ist."
@AK871:
Frage: Und was wollen Sie damit beweisen? Dass in Deutschland das Schulgeld so hoch ist, dass Arbeiter ihre Kinder nicht zur Schule schicken können? Oder Schulbücher nur an Reiche verkauft werden?
Wer Geld hat, kann sicherlich Nachhilfe bezahlen, aber kein Abitur kaufen wie einen Doktortitel in Südamerika. Die Gründe liegen viel tiefer, z.B. im fehlenden Aufstiegswillen großer Teile der Bevölkerung, "Mein Kind soll es mal besser haben" gehört heute nicht mehr zum gesellschaftlichen Mainstream, die Aufstiegsorientierung der Arbeiter besteht scheinbar nicht mehr. Bildung hat nicht den gesellschaftlichen Stellenwert wie in anderen Ländern. Wo ein Kanzler Lehrer als faule Säcke bezeichnet, ist das Bildungsklima bestens gekennzeichnet. Stattdessen kommt eine Hauptschule in die Schlagzeile, wo Kinder von Hartz4-Beziehern lernen, wie viel Geld man ohne Arbeit wo bekommt, welche Ansprüche man hat und wie man damit auskommt.
Es gibt sicherlich noch einiges zu verbessern, z.B. individuelle Förderung. Aber alleine eine Korrelation zwischen Geldbeutel und Bildungserfolg herzustellen ist etwas zu oberflächlich.
Gerade die 68er stellten die Lernfreiheit in die Mitte ihres Handelns. Es ging auch darum den Schüler zu respektiern und ihn nicht zu einem Ding zu degradieren. Auch sozial benachteiligte Schichten sollten am Bildungangebot teilhaben. Kinder sollten zu freien Bürger heranwachsen.
Was beide sehen sollten: Unser Bildungssystem wird misbraucht.
- Es wurde als menschliches Zwischenlager für noch nicht Arbeitslose verwendet. Es sollte nebenbei "Ersatzsinngebend" für ein späteres Leben sein (Statt einer beruflichen Ausbildung - Ausbildungstellen sind rar) Deshalb versuchte man so viele wie möglich egal ob geeignet oder nicht in ein Studium gebracht worden.
- Die Pflicht: Manche Mittelschicht und Oberschichteltern haben aus Standesgründen und wirtschaftlichen Gründen keine andere Wahl als ihre Kinder zum studieren zu schicken - koste es was es wolle.
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