Von Sibylle Haas und Uwe Ritzer

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, fordert unkonventionelle Ansätze, um Jugendliche bei Firmen unterzubringen.

Das Camp, von dem Frank-Jürgen Weise schwärmt, wurde nicht für Fernsehkameras im australischen Dschungel aufgeschlagen, und seine Bewohner waren weder Halbprominente, noch gewalttätige Jugendliche. In einem Landschulheim im Harz verlebten 60 Achtklässler vergangenen Sommer vier Ferienwochen der etwas anderen Art. Sie büffelten Deutsch, Mathe und Englisch, trainierten mit Schauspielern und Psychologen sicheres und korrektes Auftreten, während Personalchefs mit ihnen Bewerbungsgespräche simulierten. Vor dem Camp war klar, dass keiner der Jugendlichen ohne Hilfe seinen Hauptschulabschluss schaffen würde. Jetzt werden sie vermutlich alle bestehen. Und Frank-Jürgen Weise, der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), fühlt sich bestätigt: "Wir müssen endlich in der Arbeitsmarktpolitik für jüngere Menschen viel früher ansetzen."

Deutsch, Mathe und Englisch lernen, um den Einstieg ins Berufsleben nicht zu verpassen. (© Foto: iStock)

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Arbeitsmarkt- und Berufsforscher fordern das schon seit langem. Schul- und Bildungspolitik in Deutschland ist Ländersache, und die gesetzlichen Rahmen, wann welche jungen Menschen wie arbeitsmarktpolitisch gefördert werden dürfen, sind verhältnismäßig starr. Die Arbeitsagenturen sind eher unfreiwillige Reparaturbetriebe, die erst eingreifen dürfen, wenn es fast schon zu spät ist. Denn wer die Schule erst einmal ohne Abschluss verlässt, findet selbst in konjunkturell guten Zeiten nur schwer einen Ausbildungsplatz. Wer es trotzdem schafft, scheitert häufig während der Lehrzeit an deren Anforderungen. "Umso sinnvoller wäre es, präventiv tätig zu werden und etwas zu tun, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist", sagt BA-Chef Weise.

Die Gefahr, den Einstieg in das Berufsleben auf Jahre hinaus zu verpassen, ist groß. Der Aufwand, mit dem Jugendliche und junge Erwachsene nachqualifiziert werden müssen, ist enorm. Die anhaltend gute wirtschaftliche Lage hat das in den vergangenen beiden Jahren abgemildert. Statistisch betrachtet schloss sich die Lücke zwischen offenen Lehrstellen und unversorgten Jugendlichen binnen eines Jahres von 34 100 auf 10 700. Auch insgesamt nahm die Arbeitslosigkeit von Menschen unter 25 Jahren ab.

Dennoch sind Junge weiterhin öfter von Arbeitslosigkeit betroffen als Ältere. Zudem ist jeder fünfte jugendliche Erwerbslose länger als drei und jeder sechste mehr als ein halbes Jahr arbeitslos. Selbst wer verzögert einen Job findet, trägt das Risiko, bald wieder arbeitslos zu werden, wenn er kaum qualifiziert ist. Und der Anteil derer, die keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung haben, ist sehr hoch. Knapp die Hälfte der Betroffenen sind Männer.

Ein weiteres Problem: Junge Leute stecken auch überdurchschnittlich oft in unsicheren Arbeitsverhältnissen - selbst wenn sie gut ausgebildet sind. Befristete Arbeitsverträge, Minijobs, Leiharbeit und Teilzeitarbeit prägen in Deutschland den Berufseinstieg vieler, zeigt die jüngste Jugend-Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Jugend-Studie ist eine Sonderauswertung aus dem DGB-Index "Gute Arbeit", der die Qualität der Jobs aus Sicht der Beschäftigten darstellt. Die DGB-Zahlen sind ernüchternd: Jeder zweite Beschäftigte unter 30 Jahren hatte in seiner vergleichsweise kurzen Karriere mindestens einen befristeten Arbeitsvertrag. Auch sind die unter 30-Jährigen überdurchschnittlich oft als Leiharbeiter tätig. Nicht selten treffen mehrere Unsicherheiten zusammen: das befristete Arbeitsverhältnis, die Leiharbeit und ein geringeres Einkommen. Gut jeder Dritte der jüngeren Beschäftigten verdient laut DGB-Befragung weniger als 1500 Euro im Monat, obwohl er einer Vollzeitarbeit nachgeht. "Ausgerechnet die jüngere Generation zählt zu den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt", kritisierte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock bei Vorlage der Studie Ende November.

95 Prozent der befragten unter 30-Jährigen wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz. "Das straft all diejenigen Lügen, die uns weismachen wollen, junge Leute fänden es aufregend, wie moderne Arbeitsnomaden quer durch die Republik von Unternehmen zu Unternehmen zu ziehen", sagt Sehrbrock. Menschen seien flexibel und motiviert, wenn sie eine existenzsichernde Arbeit hätten. Gerade junge Leute brauchten Planbarkeit, um Beruf und Familie zu vereinbaren.

Der DGB fordert die Eindämmung der Zeitarbeit und der befristeten Arbeitsverhältnisse sowie einen Anspruch der Leiharbeiter auf Festanstellung, sobald das Unternehmen neue Mitarbeiter sucht. Auch Minijobs sollten aus Sicht der Gewerkschafter eingeschränkt werden, weil sie sozialversicherungspflichtige Arbeit verdrängten. Darüber hinaus befürwortet der DGB gesetzliche Regelungen für Praktika nach dem Hochschulabschluss. Praktika sollten ein Lernverhältnis sein und dürften keine reguläre Arbeit ersetzen, heißt es. Sie sollten auf drei Monate befristet und angemessen entlohnt werden.

"Wir müssen die anhaltend gute Konjunktur nutzen, um im Bereich Jugendarbeitslosigkeit etwas zu tun", schärfte BA-Chef Weise den Führungskräften deutscher Arbeitsagenturen unlängst ein. Er ermunterte sie, auch ungewöhnliche Konzepte zu entwickeln, analog zum Harzer Sommercamp. Statt später die Symptome der Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, sollten die Agenturen mit Schulen, Wirtschaft und Politik kooperieren. Nicht überall stößt Weise mit solchen Vorschlägen auf Gegenliebe. Denn damit einher geht die Forderung des BA-Chefs, generell den einzelnen Arbeitsvermittlern mehr Spielräume und höhere finanzielle Flexibilität einzuräumen. Nicht jeder in der Politik will der BA so viel Eigenständigkeit zubilligen.

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(SZ vom 30.1.2008/bön)