Von Tanjev Schultz

Studiengebühren, Elite-Hochschulen, Schul-TÜV: In diesem Jahr wird es ernst mit dem Umbau des deutschen Bildungssystems.

Die Zeit ist um. "Wenn wir noch ein Jahrzehnt so weitermachen', warnte Peter Glotz vor zehn Jahren, ¸¸ist das deutsche Hochschulwesen international nicht mehr konkurrenzfähig". In einer Schrift mit dem dramatischen Titel "Im Kern verrottet? Fünf vor zwölf an Deutschlands Universitäten", erschienen 1996, warb der sozialdemokratische Intellektuelle für freiere, leistungsfähigere Hochschulen.

Moderne Architektur für Bücher und Studenten: Die neue, von Norman Foster entworfene Philologische Bibliothek an der Freien Universität Berlin. Nach der Föderalismusreform will sich der Bund aus dem Hochschulbau zurückziehen. (© Foto: dpa)

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Mit seinem Plädoyer für Studiengebühren rüttelte er an den bildungspolitischen Grundfesten seiner Partei. Und das zu einer Zeit, als selbst Jürgen Rüttgers (CDU) - damals Kohls Forschungsminister, heute Tempomacher bei der Einführung von Studienbeiträgen - sich noch nicht traute, vom gebührenfreien Studium abzurücken.

In diesem Jahr ist es so weit: Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wollen ab Oktober bis zu 500 Euro pro Semester verlangen. Im Vergleich mit Gebühren in den USA ist zwar der Betrag klein. Doch die bildungspolitische Zäsur ist groß. Dass sie Abiturienten nicht zu Jubeltänzen animiert, ist klar. Aber noch weiß niemand sicher zu sagen, ob die meisten sich mit der Gebühr arrangieren oder viele vom Studium zurückschrecken werden.

Glotz erklärte in seinem Buch nüchtern, die Studienbedingungen ließen sich ohne einen Eigenbetrag der Studenten nicht verbessern. In den siebziger Jahren hatte er an der Öffnung der Hochschulen zu Massenuniversitäten mitgewirkt. Bereut hat er das nie, Deutschland brauchte und braucht ja mehr Akademiker. Aber nun wurden die Zustände untragbar: "hoffnungslos überfüllte Lehrveranstaltungen, mangelnde Betreuung, unüberschaubare Studienstrukturen". So konnte, so durfte es nicht weitergehen.

Viel Bewegung in den Hochschulen

Jetzt also ist die Zeit um. Die zehn Jahre, die Glotz den Unis gab, sind verstrichen. Und die Mängel? Sie sind vielerorts noch da - aber heute könnte, heute müsste der kürzlich verstorbene Glotz auch den Fortschritt würdigen. Selten hat es, allen Kräften der Beharrung zum Trotz, so viel Bewegung in den Hochschulen gegeben, nicht nur bei der Studienfinanzierung.

Etliche nutzen mittlerweile eine dem Staat abgerungene größere Freiheit, ihren Haushalt zu führen und ihre Professoren zu berufen. Sie arbeiten daran, ihr Profil zu schärfen und Fächer leistungsbezogen auszustatten. Sie fördern interdisziplinäre Studien, öffnen sich für Forscher aus dem Ausland und richten reihenweise Graduiertenschulen ein, in denen Doktoranden besser betreut werden. Sie passen ihre Studiengänge an die neuen Abschlüsse Bachelor und Master an; sie mühen sich, ihren Service zu verbessern und Kontakt zu Absolventen zu halten.

Und wann waren so viele Rektoren und Wissenschaftler deutscher Universitäten zuletzt so aufgekratzt und hoffnungsfroh wie zu diesem Jahreswechsel?

Die meisten Unis nehmen an mindestens einer Ausschreibung im "Exzellenzwettbewerb" teil, für den Bund und Länder fast zwei Milliarden Euro bereit stellen. Schon im Januar fallen Entscheidungen, wer mit seiner Bewerbung eine Runde weiterkommt. Im Herbst werden die ersten Gewinner im Ringen um den Status einer deutschen "Elite-Uni" feststehen.

Dann wird es allerdings auch Verlierer und Frustrierte geben. Der Umbau der Hochschulen läuft bei weiter angespannter Kassenlage nicht immer gerecht, nicht immer reibungslos. Der Prozess der "Profilbildung" und die Übermacht der "Forschungsverbünde" bedrohen kleinere Fächer und einzeln arbeitende Forscher. Zugleich drängen noch einmal geburtenstarke Jahrgänge an die Hochschulen. Möglichst rasch werden sich Bund, Länder und Hochschulen auf ein Notprogramm einigen müssen, dass die Belastung in der Lehre mildert.

Neue Pisa-Welle rollt an

Die Verantwortung der Bundesländer in der Bildungspolitik wird durch die Föderalismusreform steigen. Ob beim Hochschulbau oder bei Projekten zur Verbesserung des Schulunterrichts - der Bund will sich zurückziehen. Das erhöht den Druck auf die Kultusminister, sich zusammenzuraufen und ihre Politik besser miteinander abzustimmen; etwa beim "Schul-TÜV", für den viele Bundesländer nun Gutachter in die Schulen schicken.

Ob die Leistungen der Jugendlichen schon besser werden, kann sich im April und Mai erweisen. Dann rollt die nächste Pisa-Testwelle über das Land. Die Resultate werden zwar erst im nächsten Jahr veröffentlicht, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verbreitet aber bereits Zuversicht: Deutschland werde in den kommenden Tests deutlich besser abschneiden. Alle warten darauf, dass der Umbau des Bildungssystems Erfolge bringt. Es wäre Zeit.

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(SZ vom 2.1.2006)