Persönlichkeitsverletzungen im Netz tun weh. Doch eine Note für Lehrer ist in Ordnung, auch wenn sie denen nicht gefällt: Meinungen sind nicht fair.
Spickmich sammelt Meinungen über Lehrer. Spickmich ist gewiss kein quasi-amtlicher Prüfungsbescheid. Wenn Schüler dort ihre Lehrer anonym bewerten, dann ist das so viel oder wenig aussagekräftig, wie andere anonyme Bewertungen im Internet auch - wie die Buch-, Gastronomie- oder Hotelkritiken. Sie sind nicht objektiv, nicht repräsentativ und nicht manipulationssicher. Aber es wäre seltsam, wenn eine Meinung objektiv, repräsentativ und manipulationssicher sein müsste. Müsste freie Meinungsäußerung abgewogen und zuträglich sein, dann wäre sie nicht mehr frei. Mit Kriterien wie fair oder unfair, gerecht oder ungerecht kommt man also bei Internet-Foren nicht viel weiter.
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Das Lehrerbewertungsportal spickmich.de: Dass der Bewertete mit der Bewertung nicht immer einverstanden ist, liegt in der Natur der Sache. (© Foto: dpa)
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Wenn der Kritisierte mit seiner Bewertung nicht einverstanden ist, liegt das in der Natur der Sache. Das ist bei spickmich so, das wird beim Ärzte-TÜV nicht anders sein. Es kann auch nicht zur Voraussetzung für freie Meinungsäußerung gemacht werden, dass man mit Namen und Adresse dafür einsteht; das mag wünschenswert sein, ist aber keine Pflicht.
Die Grenzen der Meinungsfreiheit
Gleichwohl öffnet ein Mausklick des Anonymus keine rechtsfreie Sphäre. Das Internet ist kein Freiraum für Beleidigung, üble Nachrede und Schmähkritik. Die Grenzen, die das Recht mit diesen Straftatbeständen setzt, gelten für das Internet erst recht: Es ist die größtmögliche Öffentlichkeit. Das Internet ist kein Intranet für lustige Jugendliche. Es ist keine elektronische Privatwohnung. Es ist etwas anderes als ein Klassenzimmer, in dem man sich in der Pause Gemeinheiten über den Mathe-Lehrer erzählt. Es ist nicht einfach vergrößerter Schulhof oder riesige Kneipe, auch kein globales Klohäuschen, an dessen Wände man Obszönitäten schmiert. Persönlichkeitsverletzungen im Internet tun besonders weh.
Das Internet ist ja nicht nur die größte Wissens-, sondern auch die größte Gerüchtemaschinerie, die es je gegeben hat. Einerseits hat die Meinungsfreiheit im Internet ein unglaublich großes Forum; das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite darf es nicht sein, dass unter dem Schutz von Meinungsfreiheit und Internet-Anonymität Mobbing und sonstige Unverschämtheiten freie Bahn haben.
Das Recht muss also erstens die Grenzen der Meinungsfreiheit im Internet klar markieren - und zweitens, das ist besonders wichtig, dafür sorgen, dass es auch Konsequenzen hat, wenn sie nicht eingehalten werden. Darauf läuft nun auch das Urteil des Bundesgerichtshofs hinaus, das spickmich für zulässig erklärt.
Eine Bewertung von Lehrern, Ärzten, Journalisten, Professoren und Automechanikern im Internet ist in Ordnung, auch wenn es denen nicht gefällt. Wenn aber die weiten Grenzen des Erlaubten überschritten werden, muss das Recht auf den Rechtsverletzer zugreifen können. Das heißt: Entweder es muss dessen Anonymität geknackt werden können - oder aber der Betreiber des Internet-Forums muss in Haftung genommen werden. Internet ist große Freiheit. Aber Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht.
- BGH zu spickmich.de Lehrer müssen Kritik aushalten 23.06.2009
- spickmich.de vor Gericht Lehrer im Notenstress 23.06.2009
- spickmich.de vor Gericht "Wir wehren uns gegen Meinungsmache" 23.06.2009
- spickmich.de "Lehrer beschimpfen uns als erbärmliche Würstchen" 11.03.2008
- Lehrerin verklagt Schülerin Wegen Hasenzeichnung vor Gericht 19.05.2010
- Schulmanagement Ein Assessment-Center für Schulleiter 17.05.2010
- Hauptschüler auf Jobsuche Nur nicht frustrieren lassen 10.05.2010
(SZ vom 24.6.2009/bön)
Umstrittenes Anti-Piraterie-Abkommen
die in den nächsten Jahren eingeschult werden, habe ich schon ein spickmich Account eingrichtet ... :-)
Spickmich ist nach hundert Jahren Stillstand im Bildungssytem (!!!) endlich der erste kleine Schritt zu einem besseren Bildungssystem.
Das dieser Schritt nicht aus dem System selbst gekommen ist, ist leider Systemimmanent, aber deshalb eben auch nicht zu erwarten.
Ich bin gespannt, ob das Internet die Grundlage für noch tiefgreifendere Optimierung des schwerkranken deutschen Beamten und Bidlungssystem sein kann und sein wird.
Danke Internet, ich liebe Dich dafür!
@Hotelgarnix.. kann ich nur unterschreiben !
Lieber Herr Prantl,
So gerne ich Ihre Kommentare lese, so sehr geht dieser hier an der Arbeitsweise von "Spick- mich" vorbei. Denn die dort ihrer Schule oder ihren Lehrern Noten erteilenden Schüler haben überhaupt nicht die Möglichkeit persönliche Invektiven, also den "Abort" der eigenen Gefühle und Emotionen, der alltäglichen Wut über die Unangreifbarkeit der Uneinsichtigen und Harten, freien Lauf zu lassen. Die Bewertungskategorien sind allgemein und vergleichbar gehalten, sie enthalten nicht eine sprachlich oder inhaltlich ungebührliche Form.
Wieso sollte Spick- mich daher je unfair sein? Selbst eine schlechte Note bedeutet höchstens, dass ein Lehrer eventuell nicht in der Lage ist "cool" zu unterrichten, dass er womöglich den Stoff seines Unterrichtsfachs nicht erklären kann, selbst Schülern als fachlich inkompetent aufgefallen ist oder, dass er seine Schüler nicht als Partner im Unterricht sieht. - "Es ist nicht einfach vergrößerter Schulhof oder riesige Kneipe, auch kein globales Klohäuschen, an dessen Wände man Obszönitäten schmiert. Persönlichkeitsverletzungen im Internet tun besonders weh." - Genau diese Dinge kommen auf "Spick-mich" überhaupt nicht vor!
Grüße
Christoph Leusch
was Sie schildern ist Bildung als Ware, der Lehrer als Dienstleister. Die Schule hat dann nicht mehr die Funktion, Bildung zu vermitteln, sondern den karrierefördernden Abschluss bereit zu stellen. Der nächste Schritt ist
die Privatisierung der Bildung, die ja schon über die nötige Nachhilfe weit fortgeschritten ist. Ich finde solche Bewertungssysteme insgesamt falsch. Viele Eigenschaften, die man im Leben wirklich braucht (Sozialverhalten) werden damit nicht erfasst und somit entwertet. Mobbing ist auch nur eine Form des Wettbewerbs, wenn auch eine unfaire. Das gibt es auch zwischen Schülern. Dass Mobbing durch Internetwertungen unterdrückt werden kann, glaube ich nicht. Im Gegenteil, der Vertrauensbruch durch anonyme Abwertung in der Öffentlichkeit wird sich eher negativ auf die Lehrsituation auswirken.
Welche Möglichkeiten hat denn ein Schüler, wenn er von einem Lehrer gemobbt wird? Wenn er ungerecht behandelt oder beurteilt wird? Das kommt leider oft vor. Unser Sohn könnte Bücher darüber schreiben. Sprechen die Schüler mit dem Lehrer, ist erst mal alles ok. Er wird sich bessern usw, aber nichts ändert sich. Erreicht er mal durch eine gewisse Hartnäckigkeit doch eine bessere Note als ursprünglich, wird ihm das der Lehrer schon beim nächsten Mal heimzahlen und so fort. Beschwert man sich bei der Schulleitung, gilt man sowieso auch als Vater oder Mutter nur als Störenfried. Wer muß es letztlich ausbaden? Der/die Schüler. Innerhalb der Schule haben die Schüler keine Macht. (Mag sein, dass es Schulen gibt, bei denen das Klima besser ist.) So wie die Machtverhältnisse an den Schulen sind, ist das Internetforum eine gute Möglichkeit, daran was zu ändern. Endlich werden Lehrer wie Dienstleister beurteilt und müssen mehr und mehr einsehen, dass die Kinder und Eltern ihre Auftraggeber, also ihre Kunden sind und dementsprechend auch eine ordentliche und gerechte Behandlung verdienen. Ansonsten gibt es eben schlechte Kritiken.
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