Bewerbungsunterlagen Muss ich Gehaltsvorstellungen angeben?

In vielen Stellenanzeigen werden Bewerber aufgefordert, ihre Gehaltsvorstellungen anzugeben. Doch welche Summe ist realistisch? Und wie kommt es beim Personalchef an, wenn man die Aufforderung ignoriert?

Gehaltsverhandlungen sind schon im laufenden Job eine knifflige Angelegenheit. Noch schwieriger wird es, wenn in einer Bewerbung eine Gehaltsvorstellung gefordert wrd.

SZ-Leser Sebastian M. fragt:

Ich bin 32 Jahre alt, im Finanzsektor tätig und derzeit auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. In vielen Ausschreibungen heißt es, man solle seine Gehaltsvorstellung mitteilen. Das bringt mich jedes Mal ins Grübeln, denn wenn man davon ausgeht, dass ein Jobwechsel in der Regel zumindest eine leichte Verbesserung bei der Vergütung mit sich bringt, teile ich damit einer fremden Firma ja mein ungefähres derzeitiges Gehalt mit. Muss ich auf diese Aufforderung also unbedingt reagieren oder kann ich sie zu diesem Zeitpunkt auch ignorieren? Und falls ich es tue: Gebe ich das Monats- oder Jahresbruttogehalt an? Kann ich auch eine Spanne mit Ober- und Untergrenze nennen?

Vincent Zeylmans antwortet:

Niemand verkauft sich gern zu billig. Doch wer zu hoch pokert, katapultiert sich möglicherweise aus dem Rennen. Was also tun? Manche Bewerber beantworten die Frage nach der Gehaltsvorstellung einfach nicht. Doch das ist manchmal riskant. Ein Mitbewerber, der sich der Frage stellt, wird bei gleicher Qualifikation vom Arbeitgeber wahrscheinlich bevorzugt eingeladen.

Sie schreiben, dass Sie einer fremden Firma zwangsläufig einen Hinweis auf Ihr derzeitiges Gehalt geben. Persönlich sehe ich keinen notwendigen Zusammenhang zwischen ihrem momentanen und dem künftigen Gehalt. Eine Vergütung - und üblicherweise wird, vor allem bei Führungspositionen, von einem Brutto-Jahresgehalt gesprochen - wird für ein gewisses Aufgabengebiet bezahlt. Dieses Zielgehalt wird verhandelt.

Sie haben bereits eine vernünftige Lösung erwähnt: die Spanne. Manchmal heißt es, das Nennen einer Spanne sei sinnlos, da sich der Arbeitgeber lediglich die niedrigere Zahl anschaut. Sie können Ihre Verhandlungsbasis aber beibehalten, indem Sie beispielsweise schreiben: "So wie sich die Stelle für mich darstellt, erscheint mir ein Jahresgehalt in der Bandbreite Euro 60.000 bis 75.000 angebracht."

Wenn der Arbeitgeber Sie kennengelernt hat, können Sie sich immer noch glaubwürdig bei Euro 67.500 positionieren. Gründe können sein, dass Sie über entsprechende Berufserfahrung verfügen, die Position mehr strategisch und weniger operativ ausgelegt ist. Sie ist beispielsweise mit mehr Reisetätigkeit oder gar mit einer kleinen Teamverantwortung verbunden, was aus der Anzeige nicht erkennbar war. Wenn der Arbeitgeber Sie kennengelernt hat und Sie der Wunschkandidat sind, ist beim Gehalt meistens Flexibilität gegeben.

Da bleibt noch die Frage, wie Sie die Höhe des Gehalts festlegen. Im Laufe der Jahre entwickeln Sie ein Gefühl dafür, wie Positionen einzuschätzen sind. Vielleicht kennen Sie die Gehälter von Kollegen. Als Führungskraft sehen Sie die Bandbreite Ihrer Mitarbeiter. Auch erhält man manchmal Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis. Es lohnt sich, regelmäßig führende Tageszeitungen oder Wirtschaftszeitschriften zu lesen. Häufig sind darin Branchen-Gehaltsindikatoren enthalten.

Unternehmen wie Kienbaum, Watson-Perrin oder auch die Hays-Group haben sich unter anderem auf diese Thematik spezialisiert. Tarifverträge können auch weiterhelfen. Zumal sich Unternehmen, die nicht an Tarife gebunden sind, häufig dennoch daran orientieren. Sonst bleibt Ihnen noch die Möglichkeit eines Gehaltsvergleichs im Internet. Bei Google erzielen Sie mit diesem Suchbegriff knapp vier Millionen Treffer. Über die Qualität dieser Gratis-Auskünfte lässt sich allerdings streiten.

Haben Sie auch eine Frage zu Bewerbung, Berufswahl, Etikette, Arbeitsrecht, Karriereplanung oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten beantworten ausgewählte Fragen im Wechsel. Ihre Anfrage wird selbstverständlich anonymisiert.