Bewerbung Soll ich das Foto im Lebenslauf weglassen?

Nach 40 Absagen fragt sich Lela M., woran der Misserfolg ihrer Bewerbungen liegen und was sie ändern könnte.

SZ-Leserin Lela M. fragt:

Ich bin 34 Jahre alt, promovierte Chemikerin und inzwischen seit fast fünf Jahren auf Jobsuche. Nach etwa 40 Absagen frage ich mich, ob mein Misserfolg damit zusammenhängt, dass ich Mutter bin, aus Frankreich komme (wenn auch seit neun Jahren in Deutschland lebend) und schwarze Hautfarbe habe. Nach der Promotion habe ich zwei Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut gearbeitet, anschließend Fortbildungskurse im Bereich Projektmanagement absolviert und gelegentlich als Sprachtrainerin gearbeitet. Was kann ich ändern, um als Chemikerin eine Chance zu haben? Sollte ich vielleicht mein Bild aus dem Lebenslauf entfernen?

Vincent Zeylmans antwortet:

Liebe Frau M., auch ohne interkulturellen Hintergrund wäre es nicht einfach, den Zuschlag für einen Job zu bekommen. Sie sind als Mutter mit Kind fünf Jahre aus Ihrem Beruf heraus. Viele Stellen als Chemikerin sind im operativen Bereich ausgeschrieben, Sie haben bisher nur Erfahrungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin gesammelt. Ihre Qualifikation ist unbestritten. Doch bei einer Stellenbesetzung schwingen bekanntlich auch andere Aspekte mit. Hat ein Arbeitgeber die Wahl, entscheidet er sich möglicherweise für mehr Sicherheit. Wenn Sie mit Bewerbern konkurrieren, die einen lückenlosen Lebenslauf vorweisen können, werden diese wahrscheinlich bevorzugt.

Der Personalmanagement-Professor Armin Trost hat sich vor einigen Jahren mit mehreren fiktiven Profilen von erstklassigen Kandidaten auf Jobsuche begeben. Er stellte fest, dass seine Top-Kandidaten bei 100 Bewerbungen lediglich vier Mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurden. Das zeigt zum einem, dass Qualifikation nicht alles ist. Offensichtlich spielen auch andere Aspekte wie zum Beispiel Sympathie, das richtige Geschlecht oder das erwünschte Alter eine wichtige Rolle. Der Arbeitgeber darf diese Präferenzen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz von 2006 bei Stellenausschreibungen nicht mehr erwähnen.

Zum anderen zeigt es, dass es nur bedingt Erfolg verspricht, sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben. Oft bewerben sich einfach zu viele Kandidaten auf eine Stelle, und die Spielregeln der Besetzung bleiben intransparent.

Was können Sie ändern? Drehen Sie den Spieß um und identifizieren Sie Unternehmen, für die Sie sich interessieren. Versuchen Sie vermeintliche Schwächen in Stärken umzumünzen. Schauen Sie sich nach französischen oder internationalen Firmen um. Hier haben Sie mit Ihrer interkulturellen Kompetenz und Ihren Sprachkenntnissen Alleinstellungsmerkmale.

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Wie muss ein Bewerbungsschreiben aussehen? | Darf ich im Lebenslauf schummeln? | Was gilt es im Vorstellungsgespräch zu beachten? | Wie läuft ein Assessmentcenter ab? Der Bewerbungs-Ratgeber von SZ.de gibt Tipps.

Wenn Sie räumlich flexibel sind, können Sie sich zum Beispiel Richtung Oberrhein orientieren. In der Grenzregion zu Frankreich sind Ihre Sprachkenntnisse von Vorteil. Wenn Sie gar international mobil sind, können Sie - neben Frankreich - auch die Westschweiz mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit anpeilen. Im Großraum Genf befinden sich viele internationale Unternehmen, bei denen Dutzende Nationalitäten arbeiten. Wenn Sie eher in einem überschaubaren Radius suchen, bewerben Sie sich besser wieder bei Instituten oder im akademischen Umfeld als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Hier haben Sie bereits Berufserfahrung gesammelt.

Im Übrigen wird in Deutschland - anders als im angelsächsischen Raum - noch immer ein Bewerbungsbild erwartet. Es ist unwahrscheinlich, dass Sie Ihre Chancen erhöhen, wenn Sie das Foto weglassen. Sie können das Ganze aber auch spielerisch betrachten, einige Bewerbungen ohne Foto versenden und schauen, ob Sie andere Reaktionen erhalten.

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