Bewerbung bei der Deutschen Bahn Zeugnis? Egal

Schulnoten sagen nur begrenzt etwas über die Fähigkeiten eines Menschen aus. Deshalb führt die Deutsche Bahn jetzt ein neues Bewerbungsverfahren ein, bei dem Zensuren erst einmal keine Rolle spielen. Ganz uneigennützig ist das Programm nicht.

Von Daniela Kuhr

Nicht wenige Menschen merken erst, nachdem sie die Schule verlassen haben, dass Lernen Spaß macht. Auf einmal fällt Rechnen leicht, Französisch-Vokabeln bleiben viel besser hängen - und das nur, weil kein Druck mehr da ist. Oder weil man vielleicht in der Schule einen schlechten Lehrer hatte.

Schulnoten jedenfalls, davon ist Ulrich Weber überzeugt, sagen nur begrenzt etwas über die Fähigkeiten eines Menschen aus. Und deshalb startet der Personalvorstand der Deutschen Bahn ein ungewöhnliches Pilotprojekt: ein Bewerbungsverfahren, bei dem Schulnoten zweitrangig sind.

Schüler, die sich für Herbst 2014 um einen Ausbildungsplatz oder ein Duales Studium bei der Deutschen Bahn bewerben wollen, können ab sofort online an einem Test teilnehmen. Dazu müssen sie zwar zunächst die übliche Bewerbung mit Lebenslauf und Zeugnissen einreichen. "Aber jeder Bewerber, absolut jeder, wird daraufhin zum Online-Test eingeladen", erklärt eine Sprecherin der Bahn. "Völlig egal, welche Noten er in seinem Zeugnis hat."

Fähigkeiten vor Noten

In dem Test werden Fähigkeiten abgefragt, die für das jeweilige Berufsfeld wichtig sind, für das sich der Kandidat beworben hat. Angehende Gleisbauer beispielsweise sollten mechanisch-technisches Verständnis mitbringen. Und bei Eisenbahnern, die den Betriebsablauf koordinieren, sind Gewissenhaftigkeit und ausgeprägtes Pflichtbewusstsein gefragt.

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Statt auf die Schulnoten konzentriere die Bahn sich "auf die persönlichen Stärken des Bewerbers", sagt Weber. "Nicht die Bestnoten, sondern soziale und kognitive Kompetenzen sind entscheidend für einen erfolgreichen Berufsweg." Durch den Online-Test bekämen alle Schüler die gleiche Chance.

Vielleicht fördere der Test "noch unentdeckte Talente zu Tage, die uns sonst verborgen geblieben wären", meint der Personalvorstand. Eben darauf ist die Bahn dringend angewiesen. Etwa 300.000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für den Konzern. Im Schnitt 8000 scheiden pro Jahr aus, meist weil sie in Ruhestand gehen. Die Bahn muss also allein aufgrund der Fluktuation jährlich 8000 neue Mitarbeiter einstellen.

Um sicher zu gehen, dass sie dabei immer qualifizierte Kräfte findet, muss sich der Konzern einiges einfallen lassen. Das neue Bewerbungsverfahren für die 4000 Schulabgänger, die die Bahn jährlich ausbildet, gehört dazu. Ziel sei nicht, die Besten zu ermitteln, sondern diejenigen, die mit ihren Kompetenzen den jeweiligen Anforderungen gut entsprächen, sagt Weber. "Pflichtbewusstsein oder technisches Verständnis zählen manchmal mehr als die Eins oder die Vier minus in Mathe."

Ungewöhnliche Wege liegen im Trend

Auch andere Unternehmen und Behörden gehen mittlerweile ungewöhnliche Wege. So hatte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Ende 2010 ein Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungsverfahren gestartet. Fünf Unternehmen, darunter die Telekom und der Kosmetikkonzern L'Oreal, sowie drei öffentliche Arbeitgeber hatten sich beteiligt - und akzeptierten in bestimmten Bereichen ihres Hauses nur Bewerbungen ohne Foto, die keine Angaben zu Alter, Geschlecht, Herkunft oder Familienstand enthielten. Die Bewerber listeten nur ihre Abschlüsse auf, die Dauer der Ausbildung sowie berufliche Stationen. Auch ihre Motivation für die Bewerbung konnten sie schildern.

Der Arbeitgeber sollte allein anhand dieser Angaben entscheiden, ob er den Kandidaten zum Vorstellungsgespräch einladen will. Das Ergebnis: Verglichen mit dem klassischen Bewerbungsverfahren hatten Frauen und Migranten höhere Chancen, eingeladen zu werden.

Insgesamt acht Bundesländer seien inzwischen dabei, eigene Projekte zu starten, sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. "Darunter auch Baden-Württemberg, bei dem vor allem kleine und mittelständische Unternehmen dabei sind." Diese Unternehmen wüssten sehr genau, dass sie sich Benachteiligungen im Bewerbungsprozess schlicht nicht leisten könnten, "denn sie brauchen jede qualifizierte Fachkraft".