Von Von Dagmar Deckstein

Kündigungen und Managementfehler verderben die Stimmung - und verursachen hohe Kosten.

(SZ vom 25.8.2003) Solche Meldungen sind mittlerweile an der Tagesordnung: Die Dresdner Bank will bis 2005 rund eine Milliarde Euro einsparen, die vierte Entlassungswelle wird 4700 Jobs kosten. Siemens baut in der Mobilfunksparte weitere 2300 Stellen ab, rund 500 davon in Deutschland. Seit Ende 2000 hat die Deutsche Bank 20.000 von ehedem 90.000 Jobs gestrichen, und allein den 19.000 Unternehmenspleiten im ersten Halbjahr 2003 sind gut und gern 300.000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen. Schätzungen zufolge haben allein im Jahr 2002 drei Millionen Beschäftigte einen Kündigungsbrief erhalten.

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Das drückt auf die Stimmung in den Betrieben und hinterlässt Spuren auch in der Gemütsverfassung derer, die ihren Arbeitsplatz - vorerst - behalten dürfen. Aber nicht allein Kündigungen und Betriebsschließungen verderben die Arbeitsatmosphäre. Oft liegt es, wie vorige Woche die Bertelsmann-Stiftung feststellte, auch an der mangelnden Kommunikation in den Unternehmen.

Mitarbeiter fühlen sich schlecht oder gar nicht informiert, Entscheidungen werden über ihre Köpfe hinweg getroffen, Fachwissen oder langjährige Erfahrung scheinen nicht zu zählen. Mitarbeiter quittieren dies mit Kommentaren wie: "Das einzige, was in diesem Laden gut aufgelegt ist, ist der Telefonhörer." Manager müssten erkennen, so die Bertelsmann-Stiftung, dass der kurzfristige Versuch, Probleme im Unternehmen zu verheimlichen, langfristige Schäden an der Glaubwürdigkeit verursachen könne.

Hiobsbotschaft per E-Mail

In der Hauptsache aber ist es der Arbeitsplatzabbau, der die Mitarbeiter verunsichert - und die Art und Weise, wie der Verlust des Jobs ihnen vermittelt wird. Nicht selten erreicht die Betroffenen die Hiobsbotschaft per E-Mail - obwohl seit 1.Mai 2000 eine Kündigung in Schriftform vorliegen muss.

Oder es geht ihnen wie Mitarbeitern im Traditionsunternehmen Grundig, als bereits vor der Insolvenz große Teile der Produktion in Nürnberg schließen mussten. Die Betroffenen erhielten einen Standard-Serienbrief: "Sehr geehrte/r Frau/Herr...,...Ihr Arbeitsverhältnis aus dringenden betrieblichen Erfordernissen zu kündigen...bitten wir um Ihr Verständnis...mit freundlichen Grüßen."

Inzwischen gibt es sogar Software für Fließbandkündigungen: Der Computer formuliert automatisch Kündigungsschreiben, sperrt Hausausweise und beauftragt die technische Abteilung, Dienst-Notebooks und -Handys einzuziehen. 500.000 Euro kostet so ein Entlassungsprogramm.

Schlecht fürs Image

Wie viel Geld Entlassungen allerdings darüber hinaus verschlingen können, das ist eine bisher weitgehend vernachlässigte Größe in der betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung. Es sind nicht nur die quantifizierbaren Folgekosten für Sozialpläne, Abfindungen oder Kündigungsschutzklagen, denen Unternehmen ins Auge sehen müssen. Es sind auch jene versteckten Kosten ins Kalkül zu ziehen, die nicht nur schwer messbar sind, sondern die sich erst mit Verspätung und eher indirekt bemerkbar machen.

Dann, wenn der erhoffte Einspareffekt durch den Personalabbau nicht eintritt, wenn die angestrebte höhere Produktivität nicht erreicht wurde. Diese hidden costs entstehen durch die Demoralisierung der Nicht-Gekündigten. Sie sind das Ergebnis einer mangelhaften Trennungskultur, die selbst als Begriff noch in vielen Unternehmen ein Fremdwort ist.

Das meint jedenfalls Walter Hofmann, Leiter des Instituts für angewandte Betriebspädagogik in Viernheim: "Gerade die immateriellen Folgen wirken sich am drastischsten auf die Kostenseite und am schädlichsten für das Unternehmen aus." Ob schlechtes Betriebsklima, Vertrauensverlust bei den verbliebenen Mitarbeitern, gesunkene Arbeitsmotivation oder innere Kündigung - solche "weichen" Stimmungsfaktoren drücken sowohl aufs Gemüt als auch auf die Bilanz.

Gar nicht zu reden vom "Negativmarketing" der Gekündigten, die sich über die rüden Methoden ihres Ex-Arbeitgebers verbreiten und damit am Unternehmensimage kratzen. Zu Buche schlagen auch die Kosten, die dadurch entstehen, dass sich nach dem Motto "Die Besten gehen zuerst" die Leistungsträger freiwillig aus dem Unternehmen verabschieden. Sie finden schnell anderswo wieder eine Beschäftigung.

Verstörte Belegschaften

Managementberater Laurenz Andrzejewski aus Usingen im Taunus, hin und wieder auch als "Trennungs-Papst" bezeichnet, ist einer der wenigen in Deutschland, die sich des Themas Trennungskultur angenommen haben. Andrzejewski hat versucht, solche versteckten Kosten zu beziffern, und errechnete 40.000 Euro, die einem Betrieb mit 400 Beschäftigten am Tag verloren gehen - durch Flurfunk, Gerüchteküche und sonstige arbeitsferne Betätigungen der verstörten Belegschaft. Dabei geht Andrzejewski davon aus, dass sich jeder Mitarbeiter täglich nur eine Stunde mit solchen Auswirkungen des vergifteten Betriebsklimas beschäftigt.

Hochgerechnet auf einen Konzern oder gar die gesamte Volkswirtschaft kommen da schnell Millionen- und Milliardensummen zusammen, verursacht schlicht durch Führungsschwäche. Kündigungen auszusprechen gehört zu den heikelsten Managementaufgaben, weswegen sich nicht wenige Vorgesetzte gerne vor dieser Aufgabe drücken. So wie die Führungskräfte in jenem Pharma-Unternehmen, das Berater Andrzejewski am vergangenen Donnerstag besuchte, weil dort 20 Prozent der Belegschaft entlassen werden sollen. "Der Personalchef klagte mir sein Leid, weil die jeweiligen Vorgesetzten um den heißen Brei herumredeten und die Mitarbeiter zu ihm schickten. Er musste ihnen dann erklären, dass es nicht um Boni oder Beförderung geht, sondern um ihre Kündigung."

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