Werden wir alle als Zahl in der Bilanz unserer Firma stehen?
(SZ am 28.7.2001) Seit einigen Jahren ist es in Mode, die Mitarbeiter eines Unternehmens als "Humankapital" zu bezeichnen. Bei den so Bezeichneten ruft der Fachbegriff oft gemischte Gefühle hervor. "Da stelle ich mir ein Casino vor, in dem es statt Chips kleine Zinnsoldaten mit Dollarzeichen auf der Stirn gibt", meint Robert Mertl, Elektriker in einem Krankenhaus. Klaus Wiedemann, Schulungsreferent beim ADAC, sieht die Sache positiv: "Es schmeichelt mir, weil es unterstellt, dass ich etwas wert bin. Das Wort ,Ressource' finde ich schlimmer, denn eine Ressource ist etwas, was man ausbeutet."
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Schmeichelhafte Phrase?
Für die Jury, die jedes Jahr das "Unwort des Jahres" kürt, war der Fall dagegen klar: Sie erklärte die Bezeichnung "Menschenmaterial", zu der sie auch das "Humankapital" als abgeleiteten Begriff zählte, zum "Unwort des 20.Jahrhunderts".
Dabei war es doch so nett gemeint. Früher war oft vom Mitarbeiter als "Kostenfaktor" die Rede - heute lässt kaum ein Vorstand in seinen Reden die schmeichelhafte Phrase aus, dass die Mitarbeiter "das wichtigste Kapital eines Unternehmens" seien.
Aus gutem Grund: Waren früher die dominierenden Produktionsfaktoren Boden, Maschinen und rohe Arbeitskraft, sind es in der heutigen Wissensökonomie die Fähigkeiten der Mitarbeiter, geistiges Eigentum und andere "weiche" Faktoren wie Kunden und Geschäftsmodelle.
Wertvolles Gut
Börsenanalysten beziehen das längst in ihre Bewertungen ein. Nur in der Bilanz finden sich die Mitarbeiter, angeblich doch das wertvollste Gut des Unternehmens, nicht wieder - bisher verbieten das die gesetzlichen Vorschriften. Um dieses Manko zu beheben, wird eifrig mit einer neuen Art der Rechnungslegung experimentiert, vor allem in Amerika und in Skandinavien.
Als eines von mehreren schwedischen Unternehmen hat die Versicherung Scandia bereits Mitte der neunziger Jahre ein "Intellectual Capital Management" aufgebaut und legt Geschäftsberichten eine Übersicht über das menschliche Wissenskapital des Unternehmens bei. In den USA verfolgt der "Balanced Scorecard" genannte Ansatz das selbe Ziel.
Doch ob "weiche Faktoren" wirklich einmal in die Bilanz einfließen dürfen, entscheidet letzten Endes der Gesetzgeber. "In Deutschland ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt, weil die deutschen Vorschriften auf den Gläubigerschutz zielen. Deshalb werden nur Werte, die man notfalls versilbern kann, in der Bilanz aufgeführt. Bei Mitarbeitern ist das nun mal nicht der Fall", erklärt Margret Wehling, Professorin für Personal und Unternehmensführung an der Universität Duisburg.
Neue Kennzahlen
Doch der Paradigmenwechsel lässt sich nicht aufhalten: In den Unternehmen beginnt man das "Humankapital" in der strategischen Steuerung und internen Rechnungslegung des Unternehmens stärker zu berücksichtigen und neue Kennzahlen zu entwickeln. Auf einmal werden Größen wie Mitarbeiterfluktuation oder -bindung systematisch verfolgt. Das wirft neue Probleme auf: Wie kann man beispielsweise die Qualifikation der Mitarbeiter in einem Index erfassen? Oder wie lässt sich der Wert eines Menschen überhaupt beziffern?
Professor Gary Becker, der den Begriff "Humankapital" in den sechziger Jahren prägte, war der Meinung, dass Fähigkeiten und Erfahrungen eines Mitarbeiters mehr als eine halbe Millionen Dollar pro Person wert seien. Andere Wissenschaftler haben vorgeschlagen, die wahrscheinlichen Einkünfte eines Angestellten bis zum Rentenalter zu berechnen und daraus seinen Wert ableiten.
Neuer Umgang
Zeigt sich ein neuer Umgang mit dem nun als wertvoll erkannten Gut Mitarbeiter? "Ich denke schon", meint Margret Wehling. "Die Nachfrage nach Weiterbildungsseminaren im Bereich Mitarbeiterführung und Motivation zeigt das ganz deutlich. In vielen Bereichen bleibt es aber leider häufig bei Sonntagsreden oder ersten Ansätzen."
Vielleicht hätte es nicht einmal diese Ansätze gegeben, wenn die Unternehmen nicht schmerzhaft erfahren hätten, dass Humankapital der einzige Produktionsfaktor ist, der weglaufen kann: Als die New Economy ihre Anziehungskraft zu entfalten begann, gingen den Konzernen die Mitarbeiter scharenweise verloren. Dadurch waren die Firmen gezwungen, sich neue Gedanken über ihr Personalmanagement zu machen.
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