Berufswahl nach Gehirnscan Zeig mir Dein Gehirn, und ich sage Dir, wer du bist

Ab in die Röhre: Mit Hilfe eines Gehirnscanners erkennen Wissenschaftler, welche Talente ein Mensch hat. Hilft das bei der Berufswahl?

Von Wiebke Rögener

Soziologiestudium oder Schreinerlehre, Künstlerkarriere oder Krankenpflegeausbildung? "Ab in die Röhre", könnte es in Zukunft für diejenigen heißen, die unschlüssig sind, für welchen Beruf sie sich entscheiden sollen. Eine Gruppe US-amerikanischer Hirnforscher nimmt jedenfalls an, dass der Blick ins Hirn mittels Magnetresonanztomographie die Berufswahl künftig erleichtern könnte. Wo Schulabgänger heute noch Fragebögen ausfüllen, Zahlenreihen ergänzen und Drahtstücke zu Figuren biegen, um ihre Fähigkeiten zu testen, sollen demnach bald Hirnbilder verraten, wo ihre Begabungen liegen. Fachkollegen bezweifeln indes, dass sich das Verfahren zur individuellen Berufsberatung eignet (BMC Research Notes, Bd.3, S.205, 2010).

Neurowissenschaftler um Richard Haier von der University of California in Irvine untersuchten 40 junge Menschen, die sich bei einer Berufsberatung acht verschiedenen Tests unterzogen hatten. In diesen wird beispielsweise geprüft, wie es um die Fähigkeit zu logischem Denken bestellt ist, um Zahlenverständnis, Gedächtnis und räumliches Vorstellungsvermögen. Anschließend kamen die Klienten in einen Magnetresonanztomographen, der Hirnstrukturen äußerst genau sichtbar macht. Mit statistischen Verfahren ermittelten die Forscher anschließend, ob die individuellen Testergebnisse mit messbaren Unterschieden in der grauen Substanz - also den Nervenzellen des Gehirns - zusammenhingen.

Sie wurden fündig: Wer sich beispielsweise beim schnellen logischen Denken hervortat, hatte im Durchschnitt etwas mehr graue Substanz in bestimmten Abschnitten des Stirnhirns. Gutes räumliches Vorstellungsvermögen ging unter anderem mit viel grauer Substanz im Kleinhirn einher, das für die Koordination von Bewegungen zuständig ist. Probanden, die besonders gut mit Zahlen umgehen konnten, hatten mehr graue Zellen im Thalamus. Allerdings war dieser Zusammenhang nur schwach ausgeprägt.

Rätselhaft sind den Forschern bislang die Ergebnisse der Gedächtnistests: Wer sich hier besonders hervortat, hatte in etlichen Hirnregionen weniger graue Zellen als der Durchschnitt der Testpersonen. Wie ein solcher Mangel an Nervenzellen, etwa im Hinterhauptslappen, mit dem besseren Erinnerungsvermögen zusammenhängen könnte, bleibt offen.

Ungeachtet solcher Erklärungslücken ist Haier vom praktischen Nutzen der Befunde überzeugt. Sie zeigten die Stärken und Schwächen eines Menschen, sagt er. "Damit gibt es die Möglichkeit, dass Hirnscans einzigartige Informationen liefern, die für die Berufswahl hilfreich sind." Zwar stehe diese Forschung erst am Anfang, dennoch ist er überzeugt: "Das eine ist die Wahl eines Berufs nach Interesse, das andere ist die Frage, ob man gut darin ist. Beides hat etwas mit den Eigenschaften des Gehirns zu tun. Ein Schnappschuss aus dem Hirnscanner kann daher hilfreich sein." Ob er ethische Probleme darin sieht, wenn vielleicht künftig bei Bewerbungen eine Durchleuchtung des Gehirns verlangt wird? "Ob Hirnscans gefordert werden, wird davon abhängen, ob sie zusätzliche Informationen liefern und davon, ob sie gesellschaftlich akzeptiert werden", sagt Haier.

Nicht alle Wissenschaftler teilen seinen Optimismus. Der Neurologe Gereon Fink von der Universitätsklinik Köln und zugleich Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung, ist skeptisch: "Nach wie vor handelt es sich um statistische Aussagen, die Verlässlichkeit für ein Individuum ist sehr vorsichtig zu beurteilen", sagt er. Selbst wenn es um vergleichsweise einfache Aufgaben ginge, etwa darum, das Sprachzentrum vor einer Hirnoperation genau zu lokalisieren, verließen sich Ärzte nicht allein auf Hirnscans. "Wir sind noch sehr weit davon entfernt, mit bildgebenden Verfahren ganze Persönlichkeitsprofile zu erstellen, wie es in dieser Studie behauptet wird."

Auch Katrin Amunts, die am Forschungszentrum Jülich eine Arbeitsgruppe zur Architektonik und Funktion des Gehirns leitet, bezweifelt, dass der Hirnscanner die Berufsberatung verbessern kann. "Was hilft es, wenn ich weiß, dass eine Hirnstruktur in 80 Prozent aller Fälle auf dieses oder jenes Talent hinweist? Vielleicht gehört der Bewerber gerade zu den übrigen 20 Prozent." Solche Ergebnisse seien zwar für die Forschung interessant, aber untauglich für die Praxis der Berufsberatung, wo es um Fähigkeiten eines Einzelnen geht. "Mit gutem Grund sind bildgebende Verfahren der Hirnforschung auch nicht bei Gerichtsverfahren zugelassen", sagt die Hirnforscherin. Eine Maschine werde nie die persönliche Kommunikation ersetzen können, betont Amunts. "Ich selbst käme jedenfalls nie auf die Idee, einen Bewerber an unserem Institut in die Röhre zu schicken."

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