Heute besuchen Schülerinnen Unternehmen und Hochschulen, um technische Berufe kennenzulernen. Warum Deutschland noch viel mehr Mädchentage braucht.
Die Berufswahl zählt mit zu den schwierigsten und weitreichendsten Entscheidungen im Leben. Leider steht sie bei vielen jungen Menschen unter dem Vorzeichen der Ahnungslosigkeit. Der Durchschnitts-Schüler weiß herzlich wenig darüber, was die Berufswelt ihm bieten kann - und, vice versa, was er selbst zu bieten hat.
Eine Frau an einer Fräsmaschine - in deutschen Unternehmen eine Seltenheit. Das Foto zeigt eine Schülerin am Girls' Day 2006. (© Foto: dpa)
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Hier setzt der Girls' Day an, den das Bundesbildungsministerium in Zusammenarbeit mit Arbeitgebern und Gewerkschaften anbietet. Einmal im Jahr sollen Mädchen die Möglichkeit haben, neue Berufsfelder kennen zu lernen. Ziel ist vor allem, ihnen technische Berufe näher zu bringen.
Die Aktion gibt es bereits im sechsten Jahr. Der Girls' Day scheint ein Erfolgsmodell zu sein. Alle finden ihn gut. Die Schülerinnen, die einen Tag Praxisluft schnuppern können. Die Unternehmen, die sich dem Nachwuchs präsentieren können. Selbst einstige Kritiker, die anfangs vehement gegen die Ungleichbehandlung der Jungen wetterten, sind verstummt - inzwischen gibt es die Aktion "Neue Wege für Jungs" als Antwort auf den Mädchentag.
Dass der tatsächliche Erfolg des Girls' Day schwer messbar ist, tritt dabei in den Hintergrund. Zwar melden beteiligte Unternehmen, dass sich Girls'-Day-Besucherinnen für Praktika oder Ausbildungen bei ihnen bewerben, insgesamt steigt der Frauenanteil in technischen Berufen aber nicht. Im Gegenteil: Sowohl bei den Ingenieur-Studiengängen als auch bei informationstechnischen Ausbildungen ist der Frauenanteil in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen.
In den Ingenieurwissenschaften sind nur 20 Prozent der Studenten weiblich. In der Informatik sind es 17 Prozent. Unter den angehenden Fachinformatikern, einem Ausbildungsberuf, sind nur sieben Prozent Frauen. Bei den IT-System-Elektronikern sind es nicht einmal vier Prozent. In Elektrik- und Metallberufen ist der Frauenanteil noch niedriger.
Was junge Frauen stattdessen interessiert, belegt Jahr für Jahr das Ranking der beliebtesten Ausbildungsberufe. Die Top Ten bestimmen Berufe, die wenig Gehalt und kaum Aufstiegsmöglichkeiten bieten: Arzthelferin, Friseurin, Verkäuferin.
Das zeigt, wie nötig der Girls' Day ist. Es geht natürlich nicht darum, einer jungen Frau, die gerne Friseurin werden will, ihren Traumberuf auszureden. Es bringt auch nichts, junge Leute in technische Ausbildungen und Studiengänge zu schleusen, obwohl sie damit nichts anfangen können.
Aber es ist unverzichtbar, sie mehr über ihre Berufswahl zu informieren. Wer Arzthelferin werden will, muss wissen, dass er sich damit für ein mickriges Gehalt entscheidet. Wer gerne mit Menschen arbeitet und mit dem Computer umgehen kann, sollte wissen, dass man dafür nicht zwangsläufig Bürokauffrau werden muss. Wie wäre es mit IT-Projektleiterin?
Natürlich gilt das ebenso für die Jungen. Auch sie brauchen mehr Unterstützung bei der Berufswahl. Der Versuch, sie für schlechter bezahlte Frauenberufe zu interessieren, wie er im Rahmen der Aktion "Neue Wege für Jungs" teilweise unternommen wird, ist sicher nicht der richtige Weg.
Mädchen wie Jungen brauchen mehr Informationen und mehr Praxisluft, um sich vernünftig für einen Beruf und eine Ausbildung entscheiden zu können. Sie brauchen auch mehr Unterstützung, um sich über ihre eigenen Fähigkeiten klar zu werden. Hier könnten sich die Unternehmen ruhig stärker engagieren. Diese Form der Nachwuchsförderung würden ihnen sicher mehr bringen als die ewige Litanei über den drohenden Fachkräftemangel. Und den jungen Leute würde es Perspektiven eröffnen. Ein jährlicher Girls' Day allein reicht dafür nicht aus.
(sueddeutsche.de)
Das empfinde ich als sooo richtig. Meine Kinder sind zwar inzwischen alle über die 20, hatten aber das Glück (d.h. ich hatte das Glück), daß sie Erzieherinnen im KG hatten, die sie neugierig auf Vieles machten, worauf ich selbst sie nicht neugierig machen konnte. (Ich habe sie auf Anderes neugierig gemacht - das hat sich auch gelohnt!) Die miese Bezahlung von Erzieherinnen (und, ja, viel zu wenig Erziehern) war mir immer schon ein Dorn im Auge. (Klingt gut, nicht wahr, habe aber selbst auch nie 'was dagegen getan.) Ein bißchen ist das wie bei Pflegerinnen/Pflegern im Krankenhaus , die absolut unter Wert beahlt werden. Die deutsche Misere (für mich): Hirarchien sind immer noch eminent bedeutend. D.h. daß die Grundschullehrer schon wichtiger /i.e. besser bezahlt) sind, dann die Gymnasiallehrer, im Krankenhaus die ärtzte etc.etc. und man sieht nicht, daß jede Position unglaublich einflußreich ist, damit die "nächst-höhere" überhaupt zu Rande kommt.
Ok, ich habe sicher ein bißchen "das Thema verfehlt" aber trotzdem......
Vorschlag zur Jungenförderung:
Jungs, lernt, hockt euch hin (nicht nur vor den Computer zum PC-Spiel) und tut etwas; versucht nicht wild und gefährlich und faul zu sein, bleibt auf dem Teppich! Dann dürft ihr auch das Gymnasium besuchen und müsst nicht ständig Klassen wiederholen .
Kleiner Trost: Wenn ihr das mit der Affektkontrolle für ein paar Jährchen hingekriegt habt, lockt die große Belohnung: Dann nämlich dürft ihr den großen Macker spielen, dann werdet ihr nämlich aufsteigen, ohne dass ihr mindestens genauso gut wie die braven Mädchen sein müsst.
Jungen stellen die Minderheit an Gymnasien und die Mehrheit an Hauptschulen; sie bleiben doppelt so häufig sitzen wie die Mädchen und gehen doppelt so häufig in die totale Perspektivlosigkeit ohne jeden Schulabschluss. Jungenförderung wäre also angebracht.
Stattdessen nur einseitige Mädchenförderung, von der der "Girls-Day" ja nur die spektakulärste Aktion ist. Da ich die ganze Sache schon länger verfolge, kann ich leider nicht sagen, dass mich die Forderung nach noch mehr Mädchenförderung nur befremdet. Die einseitige Mädchenförderung bei gleichzeitiger Jungenausgrenzung ist eine zum Himmel stinkende Angelegenheit, die jeder Frau mit Stil nur noch peinlich sein sollte.
...der Beruf der Lehrerin. In letzter Zeit mal die Geschlechterstatistik der Referendare beachtet? Erstaunlich. Seit der Lehrerberuf so unattraktiv wie nur was ist, bleiben die Männer weg. Aber nur die Männer, komischerweise.
In der bebilderten Auflistung der "Billig-Frauen-Berufe" vermisse ich den Beruf der Erzieherin - was mich eigentlich wundert bei der derzeitigen Aktualität des Themas "Kinderbetreuung" . Sie braucht nach der Realschule 5 (!) Jahre Ausbildung in Praxis und Fachakademie um dann einen mäßig bezahlten Beruf auszuüben, der kaum Aufstiegschancen bietet. Gäbe es in diesem Beruf mehr Männer, was wünschenswert wäre, sähe das vermutlich anders aus.