Von Von Nicola Holzapfel

Einmal im Jahr ist Mädchen-Zukunftstag. Dann sollen Schülerinnen Technik-Berufe kennenlernen. Aber es gibt Orte, da sind vor allem die Jungen gefragt.

Drei zu eins steht es an der Uni Hohenheim für die Studentinnen im Fach Ernährungswissenschaften. Auch in Biologie, Lebensmittelchemie und Lebensmitteltechnologie überwiegen die Frauen. "Es gibt Veranstaltungen, in denen ist von sechzig Teilnehmern nur einer männlich", sagt Florian Klebs, Sprecher der Uni Hohenheim. Erstmals hat die Hochschule nun am bundesweiten "Girls' Day", der Schülerinnen der Klassen fünf bis zehn Technikberufe näher bringen soll, einfach einen "Boys' Day" ausgerufen. Den will die naturwissenschaftliche Fakultät nutzen, um Klischees entgegenzutreten. "Bei Ernährungswissenschaften denken viele, es ginge nur ums Kochen. Dabei ist das ein biochemisches-medizinisches Studium", sagt Klebs. "Das sind keine Weichspülstudiengänge. Wer in Biochemie und Mathe nicht fit ist, kommt nicht weit."

Die Uni Hohenheim wünscht sich mehr männliche Studenten. Aber auch Frauen sind an ihrem Boys' Day willkommen. (© Foto: Uni Hohenheim)

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Naturwissenschaftliche Studiengänge, in denen Frauen dominieren, gibt es nicht nur in Hohenheim. Im Fach Biologie stellen sie bundesweit mehr als 60 Prozent der Studienanfänger, auch in Mathematik ist inzwischen mehr als jeder zweite Studierende im ersten Semester weiblich. "Sogar im Maschinenbau gibt es Fächer, in denen mehr Frauen als Männer studieren, beispielsweise in der Augenoptik", sagt Manja Nimke vom "Kompetenzzentrum Frauen in Informationsgesellschaft und Technologie". "Die praktischen und anwendungsorientierten Fächer werden in den Natur- und Ingenieurwissenschaften von Frauen dominiert."

Insgesamt entscheiden sich jedoch viel weniger Frauen als Männer für einen Studiengang der beiden Fächergruppen. In den Ingenieurwissenschaften liegt ihr Anteil nur bei 21 Prozent, in Mathematik/Naturwissenschaften bei 37 Prozent. Das Statistische Bundesamt erwartet nicht, dass sich in absehbarer Zeit bei den Zahlen viel tun wird, da sich die Frauenanteile bei den Studienanfängerinnen in den letzten Jahren kaum verändert haben.

Der Girls' Day, der nun schon das fünfte Jahr in Folge angeboten wird, soll Mädchen genau diese Fächer und auch technische Ausbildungsberufe nahe bringen. Bundesweit bieten Arbeitgeber und Hochschulen dafür Veranstaltungen an. "Wir können natürlich nicht nachvollziehen, welchen Beruf jedes einzelne Mädchen, das am Girls' Day teilnimmt, schließlich wählt. Aber wir bekommen Rückmeldungen von Hochschulen und Unternehmen, die am Girls' Day mitmachen, dass sich im Anschluss Teilnehmerinnen bewerben und ein Studium aufnehmen oder eine Lehre starten", sagt Elisabeth Schoeppner von der Bundeskoordinierungsstelle des Girls' Day. "Das Problem ist ja auch, dass die Frauen in technischen Berufen noch keine Rollenvorbilder haben. Sie müssen erst ein Bewusstsein für diese Möglichkeiten bekommen, und da kann man den Erfolg noch nicht nach ein paar Jahren messen", sagt Schoeppner.

Zu viele Frauen

So wie sich noch immer viele Mädchen für typische Frauenberufe wie Arzthelferin oder Friseurin entscheiden und bevorzugt Studiengänge wie Sprach- und Kulturwissenschaften wählen, haben auch männliche Schüler klare Vorlieben. Unter den 25 beliebtesten Ausbildungsberufen von Männern ist keine einzige soziale oder pflegerische Tätigkeit. Einige Bundesländer laden daher am Girls' Day Jungen ein, sich über Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen zu informieren. Brandenburg hat den Tag auch gleich umbenannt in "Zukunfstag für Mädchen und Jungen".

Wie das Beispiel der Uni Hohenheim zeigt, fehlen Jungs aber nicht nur im sozialen Bereich. Zum Boys' Day in Hohenheim wird beispielsweise auch das dortige Kultusministerium anreisen, um eine berufliche Perspektive zu präsentieren, die jeder Schüler schon kennt: Studiengänge auf Lehramt. Denn der Lehrerberuf droht zur Frauendomäne zu werden.

In Bayern sind an den Grund- und Hauptschulen bereits mehr als 70 Prozent der Lehrer Frauen. "Für das Lehramt Grundschule liegt bei den Studienanfängern der Frauenanteil schon bei 85 Prozent", sagt Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrer und Lehrerinnen-Verband. "Aber auch an anderen Schularten wird es zu einer Feminisierung der Lehrämter kommen." Wenzel hält diese Entwicklung für problematisch. "Ein Junge, der bei einer alleinerziehenden Mutter aufwächst, im Kindergarten von Erzieherinnen umgeben ist und auch in der Schule ausschließlich von Frauen unterrichtet wird, wird Identitätsprobleme bekommen, da das männliche Rollenmuster nicht zur Verfügung steht. Das gilt auch für die Mädchen." Außerdem sieht er ganz pragmatische Probleme: "Wer soll im getrennten Sportunterricht die Jungen unterrichten, wenn es keine männlichen Sportlehrer mehr gibt?", fragt sich Wenzel, der selbst Hauptschullehrer ist.

Doch selbst wenn sich plötzlich mehr junge Männer für ein Lehramtsstudium einschreiben würden, würde es Jahre dauern bis sich das an den Schulen bemerkbar macht. "Das müsste schleunigst angegangen werden. Wenn ab heute gegengesteuert wird, wirkt sich das wegen der langen Ausbildungszeiten erst in sieben Jahren aus", sagt Wenzel. "Es gibt keine Lösung, die übermorgen greifen könnte." Die Idee des Boys' Day hält der Lehrer nicht für abwegig. "Hier ist jeder gefragt, der gute Ideen hat. Wenn wir die Entwicklung einfach so laufen lassen, handeln wir uns gesellschaftliche Probleme ein", sagt Wenzel.

Einfach umdrehen, geht nicht

Die beruflichen Perspektiven von Jungen, sollen dieses Jahr erstmals auch bundesweit Thema sein. Das Bundesfamilienministerium startet zum Girls' Day ein Modellprojekt, das Initiativen vernetzt, die sich mit der Berufswahl von Jungen beschäftigen. Im Mittelpunkt sollen das "Aufbrechen von Rollenmustern" und "die Auseinandersetzung mit Identitäten und Zukunftsperspektiven" stehen.

Für Mädchen eröffnet der Girls' Day mit seinem Schwerpunkt auf Technik und Naturwissenschaften Berufe, die in der Regel besser bezahlt sind und mehr Aufstiegsmöglichkeiten bieten als klassische Frauentätigkeiten. Auf die Jungen lässt sich diese Idee daher nicht eins zu eins übertragen. Der umgedrehte Versuch, sie für weniger attraktive Frauenberufe zu interessieren, dürfte kaum funktionieren. So heißt die offizielle Antwort auf den Mädchen-Tag fürs männliche Geschlecht auch nicht Boys' Day, sondern "Neue Wege für Jungs".

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(sueddeutsche.de)