Die französische Regierung will 350.000 zusätzliche Betreuungsplätze einrichten, weil viele Eltern über das geringe Angebot klagen. Die Betreuungsoffensive soll zu einem Pariser Prestigeprojekt werden.
Die französische Regierung will bis 2012 für Eltern ein einklagbares Recht auf Kinderbetreuung schaffen. Dies haben Arbeitsminister Xavier Bertrand und Nadine Morano, Staatssekretärin für Familie, in der vergangenen Woche beim Besuch einer Kinderkrippe in Clichy angekündigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen in den kommenden Jahren mindestens 350.000 neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden. Die Kosten für die Verwirklichung dieses Wahlversprechens von Präsident Nicolas Sarkozy belaufen sich auf eine Milliarde Euro. Aus welchen Mitteln die Summe finanziert werden soll, ist noch unklar. "Es ist aber zwingend, dass die Kinderbetreuung kein Problem mehr für Mütter oder Väter darstellt, die arbeiten wollen", betonte Sarkozy. Aus der Republik der virtuellen Rechte müsse endlich eine Republik der reellen Rechte werden.
Betreuung in der Kinderkrippe: Pro neugeschaffenem Platz muss Paris 11.000 Euro investieren. (© Foto: dpa)
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Entgegen fest verankerten Vorstellungen in der deutschen Öffentlichkeit gestaltet sich auch in Frankreich die Suche nach einem Betreuungsplatz für Kleinkinder oft sehr schwierig. Vor allem im Großraum Paris übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches. So wurden im Jahr 2006 insgesamt 70 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren zu Hause betreut. Damit kümmerten sich 36,2 Prozent der Französinnen daheim um ihre Kinder - die deutschen Frauen lagen mit 40,2 Prozent nur leicht darüber. Mehr als ein Drittel der französischen Hausfrauen gab an, diese Art der Erziehung nur gewählt zu haben, weil sie keinen Krippenplatz gefunden hätten. Eine ähnlich große Zahl sagte, ihre Arbeitszeiten seien mit den Öffnungszeiten der Krippen und Horte nicht vereinbar.
Ganztägige Vorschule
Tatsächlich wurden im Jahr 2006 nur neun Prozent der Jungen und Mädchen unter drei Jahren in einer Krippe versorgt - also 216.000 Kinder und damit sogar weniger als in Deutschland: Dort waren es 253.894 Kinder, was etwa 12,2 Prozent entspricht. Bis 2013 will Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Zahl verdreifachen. 13 weitere Prozent der französischen Kinder wurden während der Arbeitszeit der Eltern bei Tagesmüttern untergebracht, um weitere neun Prozent kümmerten sich Großeltern oder Kindermädchen.
Weiterhin besteht für Eltern die Möglichkeit, schon ihre Zweijährigen in der Vorschule anzumelden, je nach Bedarf können sie dort sogar ganztags bleiben. 2005 waren in den "Écoles maternelles" 26 Prozent der Kinder jünger als drei Jahre. Diese Zahl ist allerdings stark rückläufig, fünf Jahre zuvor lag sie noch bei 35 Prozent. Laut französischen Familienforschern entspricht dies einem Wandel der Pädagogik in der Gesellschaft hin zu mehr Freiheit und Individualität in der Erziehung. Dazu passt, dass viele Eltern, sofern sie es sich leisten können, ihre Kinder lieber zu Hause aufziehen als sie in Betreuungseinrichtungen zu geben. Auf dem Land sind deshalb Krippen oft nicht mehr voll ausgelastet.
Betreuungsoffensive als Prestigeprojekt
In den Ballungszentren hingegen bleibt der Bedarf bestehen, und um ihm gerecht zu werden, müssen pro neugeschaffenem Platz 11.000 Euro investiert werden. Für den weiteren Unterhalt und Betrieb fallen noch einmal pro Kind bis zu 15.000 Euro im Jahr an. Arbeitsminister Bertrand, der die Betreuungsoffensive zu einem seiner Prestigeprojekte ausgerufen hat, will den Ausbau auch über firmeneigene Krippen und häusliche Obhut erreichen. "Sämtliche Arten der Kinderbetreuung sollten einklagbar sein, nicht nur die Krippenplätze", betonte er.
Wie das genau gestaltet werden soll, will die Regierung in den kommenden Monaten festlegen. Außer der Art der Finanzierung ist bislang auch offen, ob das Betreuungsrecht für alle Eltern einklagbar sein soll oder nur für die 60 Prozent der französischen Familien, in denen beide Partner berufstätig sind.
Sarkozy hat bislang nur eine Zusage gemacht und angekündigt, vom kommenden Monat an das Erziehungsgeld während des dreijährigen Elternurlaubs um 50 Euro auf 428,76 Euro zu erhöhen. Den Haushalt würde das mit 40 Millionen Euro belasten. Dennoch kritisierten Opposition und Elternverbände die Anhebung als zu niedrig. Zudem warfen sie dem Präsidenten Unehrlichkeit vor, da dieser erst jüngst erklärt hatte, die Beihilfen für Jugendliche zwischen elf und vierzehn Jahren nicht weiter zu erhöhen - um so 138 Millionen Euro einzusparen.
(SZ vom 22.4.2008/bön)
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