Personalberater Jürgen B. Herget fordert von Hochschulabsolventen Flexibilität.
(SZ vom 22.5.2003) Beim Start ins Berufsleben oder auch der späteren Stellensuche gehen viele Bewerber, vor allem Hochschulabsolventen, von nicht marktgerechten Voraussetzungen aus: Sie glauben, mit einem Diplom oder Doktorgrad bereits die Eintrittskarte für anspruchsvolle Führungspositionen sowie hohe Gehaltsforderungen in der Hand zu haben. Doch das entspricht nicht der Realität, sagt der Münchner Unternehmens- und Personalberater Jürgen B. Herget.
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SZ: Wie stellen Sie sich einen intelligenten Einstieg in den Beruf vor?
Herget: Viele junge Menschen denken statisch und suchen bereits mit ihrer ersten Stelle die berufliche Sicherheit, die sie eigentlich erst aufgrund einer langjährigen Berufserfahrung anstreben sollten. Ein Kandidat sollte heute einem Unternehmen gegenüber in Vorleistung treten und bereit sein zu beweisen, was er außerhalb der Uni tatsächlich zu leisten in der Lage ist.
SZ: Welche Sicherheiten erwarten die jungen Leute?
Herget: Viele junge Menschen setzen heute bereits die Prioritäten in den Vorstellungsgesprächen etwas unglücklich: Sie konzentrieren sich auf die betriebliche Altersversorgung, die Anzahl der Urlaubstage oder das Firmenhandy.
SZ: Woher resultieren die Ansprüche?
Herget: Hierfür gibt es mehrere Gründe. Sicherlich ist entscheidend, dass in den letzten Jahren doch sehr viele Menschen sehr angenehme Jobs hatten und sich eine Bequemlichkeit oder auch Lethargie in den Köpfen eingeschlichen hat. Darüber hinaus leben viele Hochschulabsolventen oder auch Young professionals nach wie vor in einer Welt von Illusionen, da ihnen an den Universitäten suggeriert wird, dass die großen Unternehmen in der Wirtschaft auf sie warten und sie als Führungskräfte der Zukunft prädestiniert seien. Es wird nicht bewusst gemacht, dass Karriere ausschließlich über Leistung funktioniert.
SZ: Was empfehlen Sie?
Herget: Stellensuchende sollten mit einer Portion mehr Bescheidenheit - ich meine nicht Unterwürfigkeit - und innerer Stabilität in Gespräche gehen.
SZ: Soll der Kandidat also akzeptieren, was ihm an Gehalt geboten wird?
Herget: Letztendlich ist das keine schlechte Empfehlung, denn unsere Gesellschaft muss lernen, sich nicht über das Parameter Gehalt ausschließlich zu definieren, sondern über die Aufgabe und Arbeitsinhalte.
SZ: Wenn das Studium als Qualifikation nicht ausreicht, was dann?
Herget: Alle Studenten sollten bereits heute daran denken, sich über Praktika zu empfehlen und in den Semesterferien erste berufsbegleitende Tätigkeiten wahrnehmen. Denn Unternehmen suchen heute praxisorientierte Mitarbeiter. Die Bedeutung von Promotion oder MBA-Titeln ist geringer geworden. Firmen achten heute auf Qualifikationen, die in der Praxis erworben worden sind.
SZ: Welche anderen Dinge sind für den Stellensuchenden noch wichtig?
Herget: Neben dem persönlichen Auftreten und den Soft-Skills stehen sicherlich die fachlichen Qualitäten im Vordergrund. Letztendlich wird jedoch kein Unternehmen sich für einen Kandidaten entscheiden, wenn das individuelle Persönlichkeitsprofil nicht mit der Firmenphilosophie kompatibel ist. Doch Persönlichkeitsbildung wird an den Universitäten leider nicht gelehrt.
SZ: Was ist bei einer schriftlichen Bewerbung zu beachten?
Herget: Das ist ein sehr komplexes Thema, denn bereits in der Vita muss herausgearbeitet werden, warum ein Unternehmen sich für einen Kandidaten entscheiden sollte. Jeder sollte sich vor Augen halten, dass auf viele Ausschreibungen bis zu 500 schriftliche Unterlagen eingehen. Und nur wer sich bewusst ist, dass seine Mappe die erste Qualitäts-Arbeitsprobe darstellt, kann davon ausgehen, zu einem Gespräch eingeladen zu werden.
SZ: Wie wichtig ist Karriere?
Herget: Das Thema Karriere wird sehr weit in den Hintergrund gedrängt werden. Entscheidend ist, dass heutzutage mehr Unternehmen, aber auch Mitarbeiter, in hierarchiefreien Organisationen arbeiten möchten. Das schließt natürlich das enge Karrieredenken der letzten Jahre in Zukunft aus.
Interview: Otto Fritscher
BMW R 1200 GS Rallye