Diplom in der Tasche - und dann? Eine Psychologin untersucht die Gefühlslage von Akademikern.

Claudia Haase aus Jena untersucht in ihrer Doktorarbeit "Ansichten, Zufriedenheit und Richtungen nach dem Studium". Dazu begleitet sie ein Jahr lang 400 Absolventen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Jutta Göricke fragte sie nach dem Zwischenergebnis.

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SZ: Wie zufrieden sind studierte Berufseinsteiger?

Haase: Eigentlich würde man angesichts der Arbeitsmarktsituation relativ unzufriedene Äußerungen erwarten - besonders von Geisteswissenschaftlern oder Architekten. Stimmt aber nicht.

SZ: Sondern?

Haase: Die Befragten sind mit ihrem Leben zufriedener als der Durchschnitt der Bundesbürger.

SZ: Ohne Unterschied?

Haase: Nein. Humanmediziner sind am zufriedensten. Architekten dagegen stehen am unteren Ende der Skala. Sie kommen direkt nach den Geisteswissenschaftlern, was dann tatsächlich vorrangig mit der hohen Arbeitslosenquote zusammenhängt. Aber noch einmal: Alles in allem sind sämtliche Probanden zufriedener als der Bundesdurchschnitt.

SZ: Was ist eigentlich Zufriedenheit?

Haase: In der Psychologie versteht man unter Lebenszufriedenheit eine ganz globale Einschätzung des eigenen Lebens: Wer von sich sagt, er würde alles in seinem Leben wieder so machen, steht mit seiner Lebenszufriedenheit an der Spitze. Abhängig ist dieses Gefühl von verschiedenen Indikatoren wie Partnerschaft oder Berufsentwicklung.

SZ: Wie erleben Absolventen den Wechsel zwischen Studium und Beruf?

Haase: Die Zahl derjenigen, die sich auf den Abschluss freuen und auf das, was danach kommt, ist ähnlich groß wie die Zahl derer, die Ängste haben. Natürlich gibt es auch beides in einer Person.

SZ: Welche Ängste sind das?

Haase: Lebensübergänge bringen ja per se eine Verunsicherung mit sich. Hier sind es die Herausforderungen, die der Beruf selbst stellt, aber auch die Konsequenzen, die aus dem Berufseinstieg erfolgen: Lässt sich der Job mit meiner Partnerschaft vereinbaren? Muss ich umziehen? Andererseits ist so eine Situation auch von Offenheit und Ausprobieren geprägt: Jetzt kann ich mein Leben selbst in die Hand nehmen und gestalten. Das wird als positiv empfunden.

SZ: Haben überhaupt alle Probanden einen Job gefunden?

Haase: Nein, die Beschäftigungssituation ist sehr heterogen. Da ist das ganze Spektrum vertreten: Angestellte, Hartz-IV-Empfänger, Dauerpraktikanten und Leute, die sich selbstständig machen.

SZ: Welche Erwartungen werden mit dem Berufsleben verknüpft? Viel Geld verdienen, große Anerkennung erhalten?

Haase: So weit wir bisher wissen, hat der berufliche Status einen hohen Stellenwert. Noch wichtiger aber ist den Befragten ein glückliches Privatleben, also eine vertrauensvolle und innige Beziehung zum Partner. Wie die persönliche Entwicklung bei jedem Einzelnen verläuft, inwieweit sich Träume der Realität anpassen müssen, wird sich erst am Ende der Studie beantworten lassen. Wir sind sehr gespannt darauf.

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(SZ vom 20.8.2005)