Von Von Regina-C. Henkel

Warum sich viele Führungskräfte unter vier Augen beraten lassen und wie man den passenden Coach findet.

Indianer kennen keinen Schmerz - und Häuptlinge schon erst recht nicht. So hat man lange auch in den Top-Etagen der Wirtschaft gedacht. Der Verzicht auf den Austausch von Gedanken und Gefühlen galt als unvermeidbarer Preis für einen Platz im Führungs-Olymp. Heute nicht mehr. Heute bespricht man seine Sorgen mit seinem Coach.

Coach

Unter vier Augen: Beim Coaching kommen auch Job-Probleme zur Sprache. (© Foto: photodisc)

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Der ursprünglich aus dem Sport stammende Begriff Coaching (to coach, trainieren) wurde vor knapp 40 Jahren vom Golf-Trainer und Harvard-Lehrbeauftragten Timothy Gallway auf die Berufswelt übertragen. Seine Überzeugung "Der Gegner im eigenen Kopf ist viel schlimmer als der Gegner auf der anderen Seite des Netzes" wurde von den Cheflenkern amerikanischer Konzerne sofort verstanden. Sie beauftragten einen Mentaltrainer, der ihnen beim Abbau ihrer internen, der Leistung im Wege stehenden Hindernisse helfen sollte.

Wer bin ich?

Seit Mitte der 80er Jahre setzen auch die Führungskräfte hierzulande auf Coaching. Dabei geht es entweder um die Lösung konkreter Probleme oder um den Ausbau des Verhaltenspektrums. Die Berater in Sachen Persönlichkeitsentwicklung sollen den Managern vor allem dabei helfen, sich selbst besser kennenzulernen.

Ziel der Vier-Augen-Gespräche, die meist im wöchentlichen Rhythmus stattfinden und üblicherweise auf zehn Zeitstunden insgesamt beschränkt sein sollen: Die Klienten, auch Coachees genannt, sollen ihr Verhaltensspektrum erweitern und sich auf diese Weise für nahezu jede Problemlösung im Beruf fit machen.

Die Rechnung für das Coaching zahlen die Arbeitgeber. Sie kalkulieren dabei ganz nüchtern: Die Kosten für ein Coaching sind deutlich niedriger als jeder durch demotivierte Mitarbeiter, Konflikte im Team oder hartnäckige Gerüchte verursachte Schaden. Und ganz nebenbei leistet Coaching dann auch noch einen Beitrag zur heute geforderten Work-Life-Balance. Das zumindest behaupten die Anbieter dieser Consulting-Variante. Laut einer Studie vom artop-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin wollen Führungskräfte ihre Partner und Freunde als berufliche Ratgeber nur ungern belasten oder gar überfordern. Für Fragen der beruflichen Weiterentwicklung wünschen sie sich deshalb einen externen "Berater, Feedbackgeber und Hinterfrager".

Dicht an der Schmerzgrenze

Diese Rolle trauen sich heutzutage viele zu. Winrich Widera, artop-Mitarbeiter, schätzt die Zahl der vielfach selbst ernannten Coaches auf "inzwischen einige Tausend". Kein Wunder: Die Berufsbezeichnung Coach ist nicht geschützt, und es locken attraktive Honorare von 80 Euro in der Stunde für eine Online-Beratung bis hin zu mehreren tausend Euro Tagessatz für die Gurus der Branche. Die eingetragenen Coaching-Verbände und Zusammenschlüsse überschlagen sich deshalb geradezu mit Hinweisen auf die "Qualität" und "Zertifizierung" ihrer Mitglieder.

Der Deutsche Verband für Coaching und Training (dvct) in Hamburg beispielsweise verpflichtet seine Mitglieder "Coachings nur dann durchzuführen, wenn alle notwendigen Kompetenzen vorhanden sind". Klaus Grieblinger, Geschäftsführer der Münchner Coaching Pool GmbH, setzt sein Hauptaugenmerk wiederum auf die Chemie zwischen Coach und Coachee. Auf den Serviceseiten seines Internetportals www.coaching-informationen.de empfiehlt er ratsuchenenden Führungskräften: "Werte und Haltung sollten wichtige Auswahlkriterien für den zu Ihnen passenden Coach sein."

Dem Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC) in Frankfurt am Main ist das nicht genug. Er hat sich der "Professionalisierung der Coaching-Branche" verschrieben und verpflichtet seine Mitglieder zur Einhaltung von Qualitätskriterien. Außerdem müssen sie Mindestanforderungen erfüllen. Der "Senior-Coach" etwa beim Alter (ab 35 Jahre), bei der Ausbildung (Hochschulstudium, mindestens sieben Jahre Berufserfahrung, Coaching-Ausbildung) und bei der Führungspraxis (relevante eigene Erfahrung).

Doch selbst DBVC-Geschäftsführer Christopher Rauen warnt vor einer Überregulierung. Der Herausgeber des Internet-Ratgebers www.Coaching-Report.de und der Online-Suchmaschine www.Coach-Datenbank.de passt die Methoden lieber an die Bedürfnisse des Klienten an, "statt auf bestimmte Verfahrensweisen fixiert zu sein". Seine Klienten danken es ihm in barer Münze. Rauens offizieller Tagessatz liegt mit 2400 Euro zuzüglich Umsatzsteuer und Spesen dicht an der Schmerzgrenze jedes Controlling-Verantwortlichen. Offenbar scheint die Rendite aber doch zu stimmen.

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(SZ vom 9.4.2005)