Berufsbetreuer Schicksale im Schnelldurchlauf

Berufsbetreuer helfen Menschen bei gesundheitlichen, finanziellen und behördlichen Angelegenheiten.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Viele Menschen in Not könnten ohne Berufsbetreuer nicht leben. Trotzdem ist deren Tätigkeit schlecht bezahlt - und bietet auch sonst kaum Sicherheiten.

Von Sabine Spinnarke

Es ist Freitagmorgen in Flitzing, einem Dorf im Landkreis Freising. Barbara Mattolat trägt einen Stapel Aktenordner aus dem Haus und verstaut sie auf der Rückbank ihres Autos. Mattolat ist eine von mehr als 11 000 selbständigen Berufsbetreuern in Deutschland. Ihr Job: Im Auftrag des Staates unterstützt sie Menschen bei ihren finanziellen, gesundheitlichen und behördlichen Angelegenheiten, wenn diese das nicht mehr selbst können. "Als Berufsbetreuer erhalten wir so umfassend Einblick in die intimsten Bereiche eines Menschen wie in keinem anderen Job", sagt die 53-Jährige.

Mattolat hat Sozialpädagogik studiert. Im Auftrag ihrer Klienten verhandelt sie mit Inkassounternehmen und teilt Taschengeld zu. Sie erhält Einsicht in medizinische Unterlagen, befürwortet Operationen oder lehnt sie ab, leitet Zwangsmaßnahmen ein oder Unterbringungen. Sie öffnet die Post ihrer Klienten und betritt deren Räumlichkeiten. "Unsere Aufgaben erfordern ein enormes Fingerspitzengefühl", sagt sie. Mit einem alkoholkranken Mann muss sie anders umgehen als mit einer suizidgefährdeten Frau.

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Mattolats Telefon klingelt gerade zum dritten Mal. Einer ihrer Klienten hat soeben eine Gläubiger-Liste erhalten, wohin damit? Ein anderer seine fristlose Kündigung, was tun? Eine alte Frau bittet um zusätzliches Geld. Mattolat fragt nach, weist an, wimmelt ab und blickt dabei immer wieder auf ihr Navi. Ihre Besuchstour hat gerade erst begonnen.

Soziale Zeitbombe: Zahl der Betreuer sinkt

Ungefähr 1,3 Millionen Menschen in Deutschland können sich wegen einer Behinderung oder Erkrankung nicht um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Sie bekommen deshalb durch ein Gericht einen rechtlichen Betreuer an die Seite gestellt. Das sind in vielen Fällen Angehörige, also Ehrenamtliche. Oft sind es aber auch beruflich tätige Betreuer, die selbständig oder als Angestellte eines Betreuungsvereins tätig sind.

Seit Jahren wächst der Verwaltungsaufwand, etwa durch Berichtspflichten und Mitwirkungspflichten wie im Bundesteilhabegesetz festgelegt. Ehrenamtliche Betreuer aus Familie oder Freundeskreis geraten zunehmend an ihre Grenzen. Harald Freter, Geschäftsführer des Bundesverbands der Berufsbetreuer (BdB), spricht von einer sozialen Zeitbombe: "Die demografischen Strukturen und die immer komplexeren Lebenssituationen führen dazu, dass die Zahl der Betreuten steigt."

Gleichzeitig gibt es immer weniger professionelle Betreuer. Wer heute Sozialpädagogik studiert, findet anderswo bessere Bedingungen. "Der öffentliche Dienst bietet mehr Sicherheit und lukrativere Gehälter", sagt Freter. "Der Markt ist leergefegt." Laut Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) in Köln, das 2017 im Auftrag des Justizministerium einen Bericht zur Qualität der rechtlichen Betreuung erstellt hat, entsprechen die durchschnittlichen Einnahmen eines Berufsbetreuers etwa 80 Prozent derer eines fest angestelltem Sozialpädagogen. Hinzu kommt das Risiko des Freiberuflertums.