Berufliche Neuorientierung Vom Bankdirektor zum Kräuterbauer

24 Jahre lang arbeitete Siegi Platzer als Banker, zuletzt in leitender Position. Heute pflückt und trocknet er in seinem Heimatort Stilfs in Südtirol Heublumen und Heilkräuter. Und das äußerst erfolgreich.

Von Ingrid Brunner

Das Pflücken ist eine meditative Sache", sagt Siegi Platzer und nippt an seinem Tee. Er empfängt Besucher gern im Salon. Das war früher der Stall im elterlichen Bauernhaus - und man kommt nicht umhin festzustellen: Man riecht es noch. Doch das ist bald unwichtig. Siegi und seine Lebensgefährtin Traude bewirten die Besucher mit duftendem Tee: Von Hand gepflückt, getrocknet und verpackt: "Wir sind eine Teemanufaktur", betont Siegi. Betriebswirtschaftlich ausgedrückt ist Kräutertee aus den Stilfser Bergen Siegis Unique Selling Proposition, zu deutsch: sein Alleinstellungsmerkmal.

In Glaskannen dampfen frisch gebrühte Kräutermischungen. Man hört zu, wie Siegi und Traude schwärmen: von der Schönheit der Stilfser Berge; von den seltenen Blumen, die hier oben auf 1300 bis hinauf auf 2000 Meter über Meereshöhe wachsen; von der Heilkraft der Kräuter, die in diesen Hochlagen gedeihen. Der Salon ist zugleich Verkaufsraum des Unternehmens "Stilfser Bergkräuter". In Vitrinen sind die Teepäckchen platziert, indirekte Beleuchtung setzt den Raum mit seinen grob behauenen Decken- und Bodendielen in Szene. Durch die Ritzen dringt die Kälte. Ohne die Wärme, die ein Heizpilz verströmt, wäre es hier im März noch sehr ungemütlich.

Doch Siegi Platzer, ein ehemaliger Bankangestellter, und seine Partnerin Traude Horvath, die in ihrem früheren Leben Soziologie studiert und später ein Restaurant in Wien betrieben hat, scheinen die Kälte nicht zu bemerken. Verglichen mit ihrem alten, saturierten, gesicherten Leben ist es in Stilfs eher karg und einsam. Aber das ist für die beiden kein Verlust, sondern Gewinn - an Lebensqualität. Siegi Platzer war 24 Jahre lang ein Banker, wie man in London sagen würde. In Südtirol sagt man ein wenig bodenständiger, der Siegi hat bei der Raiffeisenkasse gearbeitet - zuletzt war er Filialleiter in Glurns, Südtirols ältester und zugleich kleinster Stadt im Vinschgau. "Ich hab ein bissl Erspartes mitgenommen und bin gegangen." Er ging, weil er es so wollte.

Was trieb ihn an?

Wenn es kein Rauswurf, kein Burnout und auch keine Krankheit war: Was trieb ihn dann an? Siegi holt ein wenig weiter aus - das tut er gerne, denn für ihn steht alles in einem größeren Zusammenhang, die großen und die kleinen Dinge des Lebens, sie gehören zusammen, bedingen einander. "Also wenn man zurückschaut, wie das früher hier war: Das Leben war hart, die Familien waren kinderreich und hatten viele hungrige Mäuler zu stopfen. Jeder war hier Selbstversorger, jahraus jahrein gab es nichts als schwere Arbeit. Und jeder, der konnte, sagte sich: Ich geh' irgendwohin arbeiten und schind' mich nicht mehr."

Genauso hatte es Siegi ja damals auch gemacht - er ging woanders hin, um sich nicht so zu schinden. Und es ist auch gut gelaufen für ihn. Doch im Jahr 2002, mit 46 Jahren, kamen ihm Zweifel. Er fragte sich: "Wie will i weitermachen? Immer nur am Schreibtisch sitzen, und körperlich nichts tun?" Keine Bewegung, kaum draußen, immer nur drinnen zu hocken - und das noch weitere 14 Jahre, bis zum Ruhestand? Das war für den Naturmenschen Siegi Platzer eine wenig verlockende Aussicht. Er begann nachzudenken: Darüber, woher er kommt, über das kleine, von Abwanderung ausgezehrte Heimatdorf Stilfs mit seinen engen steilen Gassen. Nur noch 500 Menschen wohnen hier. Doch er entschied sich gegen den Trend: "I' bleib grod da!"

Die Dörfler beäugten ihn zunächst misstrauisch. Und dass auch noch die Traude aus Wien hierher übersiedelte, sahen sie skeptisch. Eigentlich nicht verwunderlich: Wer kann, geht weg, und nun kommt da der Platzer Siegi, der auch wegging und es geschafft hat, wieder zurück in diesen sterbenden Ort? Und es ist auch nicht so, dass er sogleich die eine zündende Geschäftsidee gehabt hätte, sich mit Bergkräutern und Heublumen eine neue Existenz aufzubauen. Es war schon eher ein Prozess mit Versuch und Irrtümern. Anfangs probierte er es mit Pferde-, Schaf- und Ziegenhaltung, aber, "das hat net guat funktioniert".

Was darf der Chef?

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Erst dann kam die Idee mit den Kräutern. Er besuchte Seminare - etwa zum Thema Heilkräuter. "Doch gelernt habe ich erst, als ich anfing zu arbeiten", sagt er. Dann hat er angefangen - mit einer Teemischung. "Dank Traudes Kontakten in Wien konnte ich am Naschmarkt verkaufen. Naturreine Kräutertees aus Stilfs, das haben die Leute gut angenommen." Zweifel, dass das ankommt, plagten Siegi Platzer nie. Und Berührungsängste hat er auch keine. Er bietet in Hotels Teeverkostungen an, geht auf Bauernmärkte - und scheut auch vor großen Namen nicht zurück. So hat er die Geschäftsführer der Wiener Confiserie Heindl am Graben und des Münchner Feinkosthändlers Käfer überzeugt, seine Waren ins Sortiment zu nehmen - "ohne Termin bin ich da reingegangen", sagt er und strahlt zufrieden.