Von Kristina Maroldt

Eine Tierpsychologin behandelt Vierbeiner - und ihre Besitzer gleich mit.

(SZ vom 18.9.2001) Das ist zu viel. Sam schnappt nach Luft. Erst diese langbeinige Dunkle an der Einfahrt, die ihn so feindselig anstarrte und arrogant die Nase kräuselte, als er an ihr vorbei wollte. Und jetzt der hier: Sitzt in der Ecke mit seinem affigen Halstuch, macht keinen Piep und guckt aufdringlich. Es ist einfach unerhört. Sam schüttelt den Kopf, niest ein paar Mal, gähnt und fängt schließlich an zu hecheln. "Typisches Stressverhalten", kommentiert Pia Manger-Gallner und ruft: "Sam, das ist doch nur ein Keramikhund!"

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"Wenn ein Tier zum Problemtier wird, hat das in der Regel mit dem Verhalten des Menschen zu tun", sagt Pia Manger-Gallner. (© )

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"Sam ist eine Scheidungswaise"

Sams feuchte Neufundländeraugen senden ein vorwurfsvolles "Du hast ja keine Ahnung!" Dann fixieren sie wieder die Statue im Sprechzimmer. Man kann ja nie wissen. "Sam ist also eine Scheidungswaise", sagt Pia Manger-Gallner und wendet sich wieder Christl Huber zu, der Besitzerin von Sam.

Die sitzt neben dem Keramikhund im Sprechzimmer der tierpsychologischen Beratungsstelle von Manger-Gallner in Trudering und nickt. Ja. Sam war übrig geblieben, als sich ein Ehepaar trennte. Seit Anfang dieses Jahres lebt er nun bei den Hubers, und alles könnte wunderbar sein. Wäre da nicht die Sache mit der Wohnung: Kaum ist Sam mal für kurze Zeit allein zu Hause, zerlegt er unter lautem Gejaule die Wohnzimmereinrichtung.

Hundehalter auf der Couch

"Wenn ein Tier zum Problemtier wird, hat das in der Regel mit dem Verhalten des Menschen zu tun", sagt Pia Manger-Gallner.

Und deshalb kommen bei tierpsychologischen Beratern wie ihr auch weniger die bissigen Hunde oder die zickigen Katzen auf die Couch als vielmehr die dazugehörigen Herrchen oder Frauchen: "Mein Ziel ist es, die Leute über ihren Umgang mit den Tieren aufzuklären." Und der ist viel zu oft geprägt von Unwissenheit über das natürliche Verhalten der Tiere oder auch einfach nur von mangelnder Sensibilität.

Etwa, wenn Eltern lachend dabei zusehen, wie ihre Kinder fremden Hunden ins Gesicht tatschen, und dann nicht verstehen, dass das Tier sich erschreckt und zuschnappt. Oder wenn sich die Leute Modehunde kaufen, ohne sich vorher darüber zu informieren, für welche Zwecke die Tiere ursprünglich gezüchtet wurden. "Die Westhigland-Terrier aus der Werbung sehen so lieb aus", sagt Manger-Gallner. "Aber ihrer Natur nach sind das eigentlich Jagdhunde, die Füchse töten sollen. Vom Menschen lassen die sich nicht so schnell was sagen."

Der Hund pinkelt neben den Fernsehsessel

Sams Fall ist allerdings etwas komplizierter gelagert. Schließlich liegt die Bestimmung von Neufundländern ja nicht von Geburt an darin, neben den Fernsehsessel zu pinkeln. Und erzählen, warum er es trotzdem tut, kann Sam natürlich auch nicht. Er hechelt nur. Und wirft ab und zu einen Blick auf sein Frauchen, das jetzt die vielen Fragen von Pia Manger-Gallner beantwortet: Wo genau hat Sam seinen Schlafplatz? Ab welchen Zeitspannen wird das Alleinelassen zum Problem? Weiß sie etwas über die frühere Familie von Sam? Herauszufinden, warum sich ein Hund oder eine Katze auffällig verhalten, erfordert manchmal richtige Detektivarbeit.

Wie man dabei am besten vorgeht, und wie man aus Problemtieren wieder liebenswerte Hausgenossen macht, hat Pia Manger-Gallner an einer Akademie für Tierheilkunde gelernt. Verhaltenstherapeutische Beratung wird jedoch auch von manchen Tierärzten angeboten.

Oft lassen sich dabei große Probleme schon durch kleine Veränderungen im Umgang mit dem Tier beheben. Gerade bei Erziehungsschwierigkeiten - dem häufigsten Grund, weshalb die Leute zu Manger- Gallner kommen. "Der Hund sollte in der Familie die rangniedrigste Position einnehmen", ist dabei die Faustregel der 39-Jährigen. "Stellen Sie sich ein Wolfsrudel vor: Da dürfen sich die Mitglieder gegenüber dem Leitwolf ja auch nicht alles erlauben."

Bei Sam versucht Manger-Gallner, die beste Therapieform im Gespräch herauszufinden. Manchmal begibt sie sich aber auch mit Hund und Herrchen direkt in die Situation, in der die Probleme auftreten. Bei der Boarder-Collie- Hündin Lisa war das zum Beispiel der Park, wo Lisa ihr Frauchen jedesmal fast umriss, wenn sie trotz Leine zwanghaft einem anderen Hund oder einem Jogger nachjagen wollte.

List gegen Jagdinstinkte

Die Psychologin begann deshalb, Lisa "gegenzukonditonieren": Immer wenn der Collie losrennen wollte, warf sie einen Bund mit Metallscheibchen scheppernd auf den Boden - Lisa erschreckte sich, guckte hilfesuchend zum Frauchen, das sie daraufhin mit einem Leckerbissen belohnte. Mittlerweile muß man ihr den Schepperbund nur noch zeigen und schon trottet Lisa brav bei Fuß. Als ihr an diesem Tag vor der Praxis der aufgeregte Sam begegnete, war noch nicht einmal das nötig: Lisa, die früher sofort bellend losgesprungen wäre, hat nur beiläufig die Schnauze gekräuselt.

"Gegenkonditionierung" lautet das Zauberwort auch bei Sam - da ist sich Pia Manger-Gallner nach der 45-minütigen Befragung von Christl Huber sicher. "Vielleicht wurde er ja früher immer fürs Heulen belohnt, weil dann jemand ins Zimmer kam." Sams braune Augen verraten nichts. Aber wenigstens hat sein Frauchen beim Verlassen des Beratungszimmers jetzt einen genauen Trainingsplan in der Hand, mit dem sie mit Sam das Alleinebleiben üben kann.

Ob die Tipps befolgt werden, kann Pia Manger-Gallner natürlich nicht überprüfen: "Das macht leider nur die Hälfte der Klienten." Doch zumindest der Therapievorschlag gegen Sams Stress leuchtet Christl Huber ein: "Die Bachblüten helfen bestimmt - ich nehm die ja auch immer."

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