Von Von Vera Callenbach

In Krisenzeiten werden freie Stellen nicht mehr besetzt - das geht zu Lasten der verbleibenden Kollegen und deren Gesundheit.

Es vergeht kein Tag, an dem Kathrin Wilshausen sich nicht über ihren Job beklagt. Seit ihre engste Kollegin das Unternehmen verlassen hat und die Stelle nicht neu besetzt wurde, fühlt sie sich überlastet. An Ersatz, so hat ihr die Vorgesetzte zu verstehen gegeben, sei nicht zu denken. Die Arbeit von ausgeschiedenen Kollegen wird bei Wilshausens Arbeitgeber, einem großen deutschen Informationsdienstleister, im Team umverteilt und zum Teil neu definiert. Die Unternehmensleitung experimentiert zudem damit, einfachere Tätigkeiten nach Osteuropa auszulagern. Kathrin Wilshausen schläft nachts schlecht, sie fühlt sich ausgelaugt und schwunglos.

Immer in Eile, immer unter Druck: die Arbeitsbelastung steigt. (© Foto: photodisc)

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Für die Betriebsräte ist die Sache klar: Eine aktuelle Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung hat ergeben, dass mehr als 91 Prozent von rund 2000 befragten Betriebsräten glauben, dass in deutschen Betrieben in den letzten fünf Jahren psychische Arbeitsbelastungen wie Zeitdruck, Arbeitsintensität und Verantwortungsdruck zugenommen haben. Trotz der gesetzlichen Vorgabe, auch psychische Arbeitsbelastungen bei Gefährdungskontrollen im Betrieb zu berücksichtigen, würden diese kaum überprüft, so die Autoren der Studie.

"Zunehmender Arbeitsleistungsdruck führt zu psychischer Belastung", sagt Klaus Pickshaus, Arbeitsschutz-Experte bei der IG Metall. Nach seinen Erkenntnissen fühlt sich die Mehrheit der Beschäftigten derzeit überfordert: "Reale Arbeitszeiten weiten sich aus, Arbeits- und Zeitdruck nehmen zu." Da in vielen Unternehmen derzeit ein extremer Sparkurs herrsche, würden die Ressourcen verknappt und dem Einzelnen mehr Arbeit aufgebürdet - eine "Spirale der Maßlosigkeit", meint Pickshaus. "Für die Arbeitgeber ist die Situation im Moment einfach, denn sie können sich eines großen Arbeitnehmerpotenzials am Markt bedienen." Die Arbeitgeber ignorierten das Problem der psychischen Belastungen aus Kostengründen. "Die befinden sich derzeit noch in der Verniedlichungsphase des Problems, die Kostensenkungsstrategie wird brutal weiter gefahren."

Diesen Vorwurf weisen die Arbeitgeber weit von sich. "Wir nehmen das Problem der steigenden psychischen Belastung in den Unternehmen sehr ernst", sagt Rainer Schmidt-Rudloff, Experte für betriebliche Personalpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber in Berlin. Er verweist darauf, dass der Verband bei der Initiative "Neue Qualität der Arbeit" mitarbeitet, wo Bund, Länder, Betriebe und Sozialversicherungsträger an einem Strang ziehen. Hier geht es um nichts Geringeres als das Ziel, Europa bis zum Jahr 2010 zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" auszubauen. Stress und Leistungsdruck in der Arbeitswelt gehören ausdrücklich zu den Problemen, die in Deutschland angegangen werden müssen, so eine der Prämissen der Initiative.

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