Erzieher sind gefragt, doch der Nachwuchs ist knapp. Denn der Job ist unattraktiv: Das Stresspotential ist hoch, die soziale Anerkennung bescheiden, das Gehalt ebenfalls.
Der dreijährige Louis haut mit der Faust auf den Tisch. "Immer dieser Mist!", ruft er, weil er mit seinem Farbwürfel nicht zurechtkommt. Auch Sarah ist sauer. Sie will, dass ihr Plastikperlen-Untersetzer jetzt sofort gebügelt wird, nicht erst später. Ihr Gequengel wird von Geschrei aus dem Jungsklo übertönt: Pierre will Xaver nicht alleine auf die Toilette gehen lassen - das ganz normale Chaos an einem Nachmittag in der Kita in der Münchner Klenzestraße. Vier Hort- und zwei Kindergartengruppen teilen sich den Neubau in der Isarvorstadt. Macht zusammen 150 Kinder - und einen Heidenlärm.
Kindergarten: Erzieher sind gefragt wie nie, doch der berufliche Nachwuchs ist knapp. Denn für junge Menschen ist der Job vor allem eines: unattraktiv. (© Foto: ap)
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Besonders lebhaft geht es im Schmetterlingszimmer zu. 25 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren wuseln zwischen Kuschel-, Bau- und Malecke umher. Mittendrin sitzt Britta Langheinrich, wobei von Sitzen eigentlich nicht die Rede sein kann. Alle paar Sekunden springt die 29-Jährige von ihrem Ministuhl auf. Seit eineinhalb Jahren ist sie hier Erzieherin - hilft, mahnt, lobt, schlichtet, tröstet und erklärt - laut Vertrag genau 7,48 Stunden am Tag, 39 Stunden in der Woche. Oft allerdings werden es mehr.
Bescheidene Anerkennung, bescheidenes Gehalt
Auch am Samstag nimmt die Arbeit kein Ende. Dann verdient sich die junge Frau als Kassiererin etwas dazu. "Wenn ich ab und zu in den Urlaub fahren will, muss ich das", sagt sie. 2100 Euro verdient Langheinrich im Monat, 105 Euro Münchenzulage inklusive. Davon bleiben 1300 Euro netto. Fast alle ihre Kollegen haben einen zweiten Job.
Erzieher sind gefragt wie nie, doch der berufliche Nachwuchs ist knapp. Denn für junge Menschen ist der Job vor allem eines: unattraktiv. Das Stresspotential ist hoch, die soziale Anerkennung bescheiden, das Gehalt ebenfalls. In manchen Städten verdienen Erzieher auch nach mehreren Berufsjahren noch unter 2000 Euro - und das, obwohl ihre Ausbildung mit vier bis fünf Jahren so lange gedauert hat wie ein Hochschulstudium.
"Wenn sich daran nicht schnell etwas ändert, werden Krippen und Kindergärten bald unausgebildetes Personal einstellen müssen", warnt Norbert Hocke, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Denn um bis 2013 den ehrgeizigen Krippenausbauplan von Familienministerin Ursula von der Leyen umzusetzen, der einem Drittel der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz garantieren soll, werden nach Berechnungen des Familienministeriums zusätzliche 50 000 Erzieher benötigt.
Zoobesuch als Anreiz
In Städten wie Berlin, Frankfurt, Stuttgart oder Leipzig ist die Notlage bereits zu spüren. Auch in München sind derzeit etwa 80 Stellen unbesetzt. Seit November geht die Stadt mit einer aufwendigen Werbekampagne im Umkreis von 350 Kilometern auf Erzieher-Fang und hofft auf die Wirkung von Plakaten und Schnupperwochenenden, verbilligter Zoobesuch inklusive. Zudem sollen Britta Langheinrich und ihre Kolleginnen Werbepostkarten an Bekannte im ganzen Land verschicken und ihnen den Erzieher-Job in München schmackhaft machen. Bis 2011 benötigt die Stadt voraussichtlich 1700 zusätzliche Kräfte.
Ob Postkarte und Zoobesuch als Anreiz ausreichen ist allerdings höchst fraglich. "Zwar gibt es derzeit in Deutschland etwa 40 000 arbeitslos gemeldete Erzieher und viele Teilzeitkräfte, doch der Großteil steht kurz vor der Rente. Gleichzeitig kommen geburtenschwache Jahrgänge auf die Fachakademien zu", sagt Hocke. Der Beruf müsse deshalb unbedingt auch für Abiturienten interessant werden.
Ohnehin sind sich Experten einig: Wer echte Frühförderung erwartet, braucht qualifizierte Pädagogen mit Fachhochschulabschluss. Bei den meisten europäischen Nachbarn ist das Studium längst die Regel. In Deutschland machen die Akademiker derzeit nur vier Prozent der Erzieher aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert schon seit langem, das Ausbildungsniveau zu heben. Und auch Ministerin von der Leyen hat die Qualität der frühkindlichen Bildung zum "Kardinalthema für die Länder" erklärt - allerdings mit mäßigem Erfolg. Der Ausbau der Hochschulplätze geht nur schleppend voran. Auch eine Lohnerhöhung für Kita-Fachkräfte haben die Länder bislang nicht geplant.
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@Grantlerhesse
kann ich so unterschreiben.
@artbond:
Sie treffen ins Schwarze! Ich kann diese ganzen Diskussionen um bessere Bildung mittels Ganztagsbetreuung etc. nicht mehr hören! Wenn die Basis fehlt, kann die Schule und der Kindergarten da auch nicht viel machen! An die Eltern muss man ran! DIE müssen gefordert und gefördert werden, damit sie sich intensiver um ihre Kinder kümmern können. Dazu gehört die Anerkennung der Erziehungsarbeit und Kinderbetreuung zu Hause als eine gesellschaftliche Arbeit (nicht nur erwerbstätige Leute arbeiten...). Dazu gehört dass die Eltern die Möglichkeit erhalten dies auch zeitlich hinzukriegen. Dazu gehören Beratungsstellen für die Eltern etc.
Die Eltern sind die Bezugspersonen für die Kinder auch über Kindergarten und Schule hinaus (oder sollten es zumindest sein), daher sollten die Eltern auch die Verantwortung übernehmen, ihren Kindern die Grundlagen des täglichen Lebens weitgehend beizubringen! Dass in Kindergärten Gesellschaft geübt wird und Vorbereitungen für Schule etc. geleistet wird ist vollkommen in Ordnung. Dass man den Kindern im Kindergarten das Laufen und Essen beibringen muss, kann dagegen jedoch nicht sein!
Wir reden immer so gerne vom "mündigen Bürger" geben aber unseren Nachwuchs nur allzugerne in die Verantwortung anderer und entmündigen uns daher bei der Erziehung unserer Zukunft weitgehend selbst!
www.sueddeutsche.de/,tt4m1/deutschland/artikel/218/180661/
Sie werden es dann für Gefängnisse wieder ausgeben dürfen.
... ist die Tatsache, daß die meisten Erzieher/innen auf die Kirche als Arbeitgeber angewiesen sind. Da kann man schon mal den Glauben an die Menschheit verlieren zu müssen, so wie sich Pfäffleinen und Pfäffinnen da in grober Verdrehung dessen, was sie predigen, als kleine Herggötter aufführen, zumal im ländlichen Raum. Mobbing vom feinsten.
Keine(r) auch noch so gut qualifizierte und ausgebildete Erzieher/-in kann die Defizite der Familie und Gesellschaft wieder ausgleichen. Für Bildung und Erziehung in diesen jungen Jahren haben gefälligst die Eltern zu sorgen. Die Aufgaben, die heute auf Kindergarten und Schule abgewälzt werden sind einfach so nicht zu leisten.
Das mit der Bezahlung ist jedoch in vielen anderen (sozialen) Berufen auch nicht besser, schaut man sich z.B. Physiotherapeuten an, die ihre Ausbildung mit 300 bis 600 Euro im Monat selbst bezahlen und dann noch jedes Jahr Fortbildungen für mehrere Tausend Euro machen müssen an.
Grüße
Paging