Von Christine Burtscheidt

Lotteriespiel mit Bewerbern: Verbände prangern die Beliebigkeit an, mit der das Kultusministerium die Einstellungspraxis handhabt.

Max S. (Name von der Redaktion geändert) kann sich ob der Einstellungspolitik des Kultusministeriums zurzeit nur noch die Augen reiben. Im vergangenen Jahr legte er sein Staatsexamen für das Lehramt Gymnasium ab. Die Fächer waren Deutsch und Geschichte. Auf diesen Feldern ist der Lehrermangel seit geraumer Zeit besonders groß. Die Staatsnote von Max S. lag im vergangenen Jahr bei 1,9. Gute Chancen rechnete er sich damit für den Staatsdienst aus. Doch als er mit dem Examen fertig war, begann der Staat bei den Einstellungen zu sparen. S. drohte zunächst die Arbeitslosigkeit, ehe er wenigstens einen Aushilfsvertrag bekam.

Lehrerin, Schüler

Zahlenwirrwarr: Mal 3,0, dann 2,06 - die Notengrenzen liegen jedes Jahr woanders. (© Foto: dpa)

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In diesem Herbst liegt nun plötzlich die Einstellungsnote bei 3,0. Kollegen kommen nun zum Zug, die im Studium viel schlechter waren. Der Ärger von S. war im ersten Moment ziemlich groß. Inzwischen ist seine Wut jedoch verraucht, denn der Bedarf ist in diesem Herbst so hoch, dass diesmal auch viele Bewerber von der Warteliste zum Zug kamen. S. erhielt einen Supervertrag: In zwei Jahren wird ihn der Staat übernehmen.

Die Einstellungschancen junger Lehrer gleichen mittlerweile einem Lotteriespiel. Das kritisiert seit Jahren auch Susanne Gerner, Vorstandsmitglied der jungen Philologen. "Es darf nicht sein, dass in einem Jahr gute Anwärter abgelehnt und im nächsten Jahr dann sehr viel schlechtere übernommen werden." Doch genau das erleben jedes Jahr fertig ausgebildete Jung-Lehrer. Der Staat richtet seine Einstellungspolitik ausschließlich am aktuellen Bedarf aus. Benötigt er in einem Jahr viele Lehrer, werden viele eingestellt, im nächsten kann es schon ganz anders sein.

Gelegentlich, so vermuten die Verbände, beeinflussen auch völlig irrationale Gründe wie bevorstehende Landtags- oder Bundestagswahlen die Einstellungspraxis. Die reinste Achterbahnfahrt haben beispielsweise Absolventen der Fächerkombination Englisch/Erdkunde, Englisch/Geschichte und Englisch/Sozialkunde in den vergangenen drei Jahren hinter sich. Im September 2003 wurden 86 Prozent der Bewerber übernommen, im September 2004 waren es nur zehn Prozent, heuer werden es höchstwahrscheinlich wieder 75 Prozent sein. Übersetzt heißt das: Mal reicht eine Staatsnote von 3,0 zur Anstellung aus, dann wiederum hilft selbst eine Bestnote nichts.

Blüten treibt diese Politik inzwischen in allen Schularten. An der Hauptschule ist zurzeit der Lehrermangel so groß, dass letztlich jeder Bewerber genommen wird. Im vergangenen Herbst lag die Grenze noch bei einer Examensnote von 2,06. Die Absolventen haben also wie ihre Lehramtskollegen vom Gymnasium zurzeit beste Chancen.

Das Gegenteil erfahren hingegen Förderlehrer. Obgleich Kultusminister Siegfried Schneider die individuelle Förderung zum Markenzeichen seiner Schulpolitik erklärt hat, will der Staat in diesem Herbst 25 Prozent der Absolventen nicht übernehmen.

Die Verbände prangern den beliebigen Umgang mit den Zukunftschancen jungen Menschen seit Jahren an. "Die Altersstruktur der Lehrerschaft und die demografische Entwicklung ist doch nun wirklich bekannt, warum wird nicht vorausschauend gehandelt?", klagt Roland Kirschner von der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Junglehrer. Zumindest den Besten unter den Absolventen sollte der Staat jedes Jahr eine Übernahmegarantie geben. Generell fordert er eine langfristige Planung.

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(SZ vom 19.8.2005)