Bayern Das Ende der Volksbildung

Den Volkshochschulen droht das Aus, wenn sich jetzt auch die Staatsregierung aus der Förderung zurückzieht.

Von Von Christine Burtscheidt

München - Eigentlich setzt sich Siegfried Kett nicht gerne in Szene. Schon gar nicht zählt er zu den Scharfmachern. Dennoch reist der Vorsitzende des bayerischen Volkshochschulverbands (bvv) zurzeit durch das Land und appelliert ohne Unterlass an "alle politischen Verantwortlichen, den Ernst der Lage zu erkennen". Denn Kett zufolge geht es mit der Erwachsenenbildung in Bayern steil bergab. Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse bedrohen die Volkshochschulen in ihrer Existenz. Und das in einer Zeit, in der inzwischen jeder Weiterbildung für dringend notwendig hält.

Zu teuer

Der bvv-Chef kann die Lissaboner Forderung der EU nach "lokalen Lernzentren", den Aufruf von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), Weiterbildung zum "Gebot der Stunde" zu machen, oder das Bekenntnis der bayerischen Kultusministerin Monika Hohlmeier zur Erwachsenenbildung in Zeiten der Globalisierung schon auswendig herunterspulen.

Die Zitate fielen allesamt in den vergangenen drei Jahren, justament als erstmals in der 100-jährigen Geschichte der Volkshochschulen die Weiterbildungsquote sank. 2,6 Millionen Teilnehmer verzeichneten bislang die 200 bayerischen Volkshochschulen mit ihren 800 Außenstellen. Bis 2000 war die Tendenz steigend. Doch seitdem gibt es Einbrüche bei den Besucherzahlen - bis zu 20 Prozent. Es bleiben vor allem die weg, die eine Weiterbildung dringend benötigten: Ausländer und Jugendliche aus sozial schwachen Schichten. Sie können sich die Programme nicht mehr leisten, wenn wie in Nürnberg Gebühren für Sprachkurse um das Fünffache erhöht und Ermäßigungen gekürzt werden.

Unrentabel

Volkshochschulen sind ein deutsches Spezifikum und hier der größte Anbieter für Erwachsenenbildung. Sie bieten Sprachkurse, EDV-Lehrgänge, Gesundheitsvorträge, Museumsführungen oder Exkursionen an. Damit decken sie 58 Prozent der Leistung in der Erwachsenenbildung ab. Den Rest stemmen Kirchen, Gewerkschaften oder Bauernverbände.

Neben dem Kerngeschäft haben sich die Volkshochschulen in den vergangenen Jahrzehnten auch zunehmend sozial engagiert. Ob bei der Integration von Ausländern oder dem Versuch, Schulversagern eine neue Chance auf einen Abschluss zu geben - immer häufiger sprangen sie in die marktwirtschaftlich eher unrentable Nische mit ermäßigten Angeboten. Doch nun droht der Abbau der Projekte. Immer mehr Teileinrichtungen müssen dicht gemacht und Personal entlassen werden. In Würzburg ist es inzwischen sogar ungewiss, ob es im nächsten Jahr überhaupt noch eine Volkshochschule gibt. Denn Bund, Staat und Stadt fahren ihre Zuschüsse drastisch zurück.

Noch höhere Gebühren

Die Kommunen, die mit 30 bis 50 Prozent Finanzierungsanteil bisher der größte öffentliche Geldgeber für die Erwachsenenbildung waren, drosseln bereits seit geraumer Zeit die Etats, weil sie sparen müssen. Besonders schlimm wird es 2004. Dann fordert beispielsweise in München die Stadt von der VHS Einsparungen von einer Million Euro. 2005 und 2006 sollen es nochmals 526.000 und 465.000 Euro sein.

Die Geschäftsführung wird wieder einmal die Gebühren anheben, obgleich die Teilnehmer bereits mehr als die Hälfte der Kosten aus ihrer Tasche bestreiten. Auch muss sie wahrscheinlich erstmals betriebsbedingte Kündigungen aussprechen und Außenstellen schließen. Das trifft dann die Angebote, die eh nicht besonders gut gehen und häufig in sozial schwierigen Stadtvierteln offeriert werden. "Das gefährdet nicht nur den sozialen Frieden. Wir machen uns auch unsere Zukunft kaputt", sagt Geschäftsführer Reiner Eger.

Doch nicht nur die Kommunen ziehen sich zurück, auch der Staat, der immer schon wenig gab, klinkt sich aus. Damit verlieren die Volkshochschulen gleichzeitig Bundeszuschüsse, die an das staatliche Engagement gekoppelt sind. Die 200 Einrichtungen in Bayern erhielten von der Staatsregierung 2002 zehn Millionen Euro Zuschuss. Das waren 6,6 Prozent des Gesamtetats der Volkshochschulen und schon nur ein Viertel dessen, was Länder wie Nordrhein-Westfalen für die Erwachsenenbildung locker machen.

Weil deren Stellenwert aber immer mehr zunimmt, wagte es Kett 2002 die Staatsregierung aufzufordern, ihren Zuschuss zu verdoppeln. Doch das Gegenteil geschieht: In diesem Jahr sank er noch mit dem Hinweis des Kultusministeriums, dass die Kürzung einmalig und revidierbar sei. Doch jetzt, da Stoiber an seinem Konsolidierungskurs festhalten will und selbst einen Abbau in der Bildung nicht mehr scheut, stehen weitere Kürzungen ins Haus. Die CSU spricht von 30 Prozent. "Das ist dann das Ende der Volkshochschule", prognostiziert Kett.