Banker mit Burn-out "Schon wieder die Zielvorgaben verfehlt!"

Seit der Finanzkrise stehen Bankberater unter noch größerem Verkaufsdruck. Immer mehr landen bei Psychotherapeuten und zerbrechen an den Vorgaben ihrer Chefs.

Von A. Fichter und H. Freiberger

Wenn sie von dem Moment erzählt, der ihr Leben für immer verändert hat, kehrt die Angst zurück, obwohl sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hat und weit weg von allem in einem Café sitzt. Linda Brick hat ein hübsches Gesicht, der blonde Pony fällt ihr in die Stirn. Blaue Augen, getuschte Wimpern. Sie legt ihre Hand aufs Dekolleté. "Die Angst setzt sich auf die Brust und bleibt da hocken", sagt sie. "Es fällt mir dann schwer zu atmen." Mit der Angst klopfte Linda Brick, Filialleiterin einer Genossenschaftsbank in Süddeutschland, vor ein paar Monaten an die Tür ihres Chefs, es war ein Frühlingstag.

Sie ahnt schon, dass es ihr letztes Gespräch sein würde. Kaum hat sie sich hingesetzt, trommeln schon die Worte des Chefs wie Donnerschläge auf Brick ein. Er sagt: "Schon wieder die Zielvorgaben verfehlt!"

Linda Brick fährt nach Hause, legt sich aufs Bett und sagt sich: nie wieder. Nie wieder den Druck, immer mehr Finanzprodukte verkaufen zu müssen, an die sie nicht glaubt. Nie wieder Kunden belügen.

Linda Brick lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Diagnose: Burn-out. Eine Krankheit, die bisher vor allem Lehrer oder Ärzte traf, ist in der Bankenwelt angekommen. Seit Ausbruch der Finanzkrise klappen immer mehr Bankberater zusammen. Professor Andreas Hillert von der psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee ist einer der Ärzte, der Linda Brick behandelt hat. Der Psychiater ist Spezialist für die Auswirkungen beruflicher Belastungen auf die Psyche. "Vor der Finanzkrise waren Banker und Finanzberater unter den Patienten selten", sagt er. "Seit der Bankenkrise wurden es immer mehr. Aktuell sind sechs Banker hier in Behandlung."

Ihre Geschichten ähneln sich. Die Vorgesetzten erhöhen die Zielvorgaben. Und die Kunden sind seit der Krise skeptisch: Sie wollen keine Aktienfonds oder Garantiefonds oder Zertifikate mehr kaufen. Die Gewerkschaft Verdi startete vor einem Jahr eine Aktion gegen den zunehmenden Verkaufsdruck in den Banken. 3800 Mitarbeiter haben sich gemeldet. "Es ist die reine Vertriebshölle", schrieb einer. "Wer es nicht schafft, wird fertig gemacht." Die psychischen Folgen zeigen sich jetzt in den Therapie-Praxen.

Verräterische Körpersprache

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