Das Ziel des Bologna-Prozesses sind selbständig arbeitende Studenten, doch die neuen "Module" lassen ihnen oft zu wenig Freiräume.
Gängige (Vor-)Urteile über den Bologna-Prozess, der die neue Studienstruktur mit Bachelor und Master an die deutschen Hochschulen bringt, lauten: Das Studium sei zu verschult, die Universität verkomme zu einer nutzenorientierten Denkfabrik und verabschiede sich vom Humboldtschen Bildungsideal. Ein radikales Zeichen für die Ablehnung der Reform hat jetzt der Mainzer Theologe Marius Reiser gesetzt: Er gab seine Professur aus Protest zurück. Doch garantierten die alten akademischen Freiheiten wirklich eine gute Bildung?
Das Rückgrat der Bildungsvermittlung war früher die Vorlesung: Der Professor doziert, die Studenten schreiben mit. (© Foto: AP)
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Das Rückgrat der Bildungsvermittlung war früher die Vorlesung. Ein Professor trat auf, stellte das Thema vor, gab seine Gliederung bekannt und begann zu dozieren. Sowohl die Fragen als auch die Antworten kamen meist nur von ihm. Den Studenten blieb oft nur die Aufgabe, das alles zu lernen und in einer Abschlussprüfung wiedergeben zu können. Ist das Bildung?
Auch die Auswahl der Vorlesungen unterlag selten der angeblichen Freiheit der Studierenden, sondern war durch die Prüfungsordnung vorgegeben. Die Freiheit war darauf beschränkt, die Veranstaltung nicht zu besuchen und aus Skripten der Kommilitonen und aus Büchern zu lernen. In Vorlesungen, die die Prüfungsordnung nicht ausdrücklich vorschrieb, waren Studierende eher selten zu finden.
Woher kommen die vielen Klagen?
In kulturwissenschaftlichen Fächern wurden Seminare angeboten, in denen die Situation etwas besser war: Hier konnten sich die Studenten ein Thema aussuchen und es in Hausarbeiten und Referaten selbst bearbeiten. Dennoch konnte man sich fragen, ob Bildung nicht noch mehr verlangt. Warum stellen eigentlich vor allem die Dozenten die Fragen? Warum überlegen sich die Studenten nicht selbst, was sie interessiert und herausfordert?
Die Hochschulreform hat selbstdenkende Akademiker zum Ziel. Prüfungen sollten nicht nach dem Frage-Antwort-Muster ablaufen, sondern den Prüflingen Räume zur Präsentation ihres Könnens geben. Nicht bloßes Wissen steht im Vordergrund, sondern das eigenständige Denken und Können. In diesem Sinne wird im Zuge des Bologna-Prozesses von Kompetenzen gesprochen, die Studierende unter Beweis stellen sollen.
So gesehen will der Hochschulumbau genau das verwirklichen, was vielerorts vermisst wird: echte Bildung. Woher kommen dann die vielen Klagen?
Oft wird den neuen Studiengängen Überregulierung vorgeworfen. Warum aber werden Studienordnungen entworfen, die jede Veranstaltung und jede Leistung festlegen, die jede Kreativität erdrücken? Mit der Idee von Bologna hat das gerade nichts zu tun. Die Studienordnung soll zwar Transparenz schaffen, es muss daher angegeben werden, welche Kompetenzen vermittelt werden und wie viel Energie von den Studierenden erwartet wird.
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Sie weisen in Ihrem Artikel auf die Notwenigkeit von mehr Personal hin. Dem kann ich nur zustimmen. Diese Reform wurde den Lehrenden neben all den aktuellen Lehrverpflichtungen und Forschung zusätzlich aufgebürdet.
Konkret heisst dies an z.B.:
- sämtliche (!) Lehrveranstaltungen wurden bei uns so grundlegend überarbeitet, dass man ruhig von ganz neuen Kursen sprechen kann,
- der Bedarf an Erläuterung ist auf Seiten der Studierenden sehr hoch, da sie die Studienordnung nicht gut verstehen und es weniger "Gnade" im neuen System gibt,
- auch nach der Studienreform werden laufend neue Auslegungsordnungen und Ergänzungen festgelegt, so dass bei Profs und Studis viel Planungsunsicherheit herrscht
- eine Unmenge an Bachelorarbeiten sind zusätzlich zu den Masterarbeiten zu korrigieren
und vieles mehr.
Am Schluss des Artikels erst stellt sich heraus, warum er ein wenig zu glatt geraten ist. Verdient der gute Autor doch sein Geld mit 'Akkreditierung'! Das heisst, Lohn und Brot stammen für ihn aus einer der verdrehten Begleiterscheinungen der Modularisierung. Alle Module müssen nämlich als Gesamtpaket begutachtet werden, und dann gibt es den Stempel, wie beim Fleischbeschauer. Wenn man seinen Professoren nicht traut, eine anständige Lehrveranstaltung abzuhalten, warum stellt man sie dann ein? Oder, noch widersinniger, wie kann ein Durchsehen von Stundenvorbereitungsplänen und 'Learning Outcomes' den schwachen Lehrenden helfen? Der grössere Teil der Akkreditierung ist beschränkt auf das Begutachten von Papier; manchmal verbunden mit einer Ortsbesichtigung, der Hörsäle und Laboratorien.
Schon deshalb kann der Herr Becker nicht überzeugen: Freiheit von Forschung und Lehre lässt sich nämlich nicht in ein formales Korsett zwängen. Spitzenleistungen der Lehrenden noch weniger, übrigens. Also werden hier eigentlich eher hypokritische Krokodilstränen geweint.
Es macht mich immer sehr traurig, dass es meistens 'Versager' im traditionellen Sinne sind, die nach Schule und Uni den Rest ihres Lebens damit zubringen, den Nachkommenden den Erfolg zu garantieren, der ihnen selbst verwehrt geblieben war.
Ich für meinen Teil habe kaum etwas so genossen in meiner Studentenzeit wie wunderbare Vorlesungen. Nicht alle waren so, aber ein guter Teil lohnte sich einfach. Eine gut gehaltene Vorlesung ist wie ein gutes Buch, nur besser. Da lassen sich manche Sachverhalte sehr eindrücklich aufbauen und entwickeln, was in einem Buch so nicht möglich ist, da es keine zeitveränderlichen Elemente enthält. Aber ein Diagramm, eine Formal, eine ganze eigene Welt auf grossen Wandtafeln zu entwickeln, kann eben genau das, und nirgendwo besser als in einem Hörsaal und gehalten von einem guten Professor.
Also ich hatte das grosse Glueck, meinen Studienabschluss noch mit Diplom machen zu duerfen. Allerdings habe ich als Tutor bereits mehrfach Bachelor-Studenten betreut und kennen ihre Situation recht gut - gerade im Vergleich zu meiner.
Es ist richtig, auf den Studenten lastet mehr Druck - viel mehr! Wenn die Klausurnote in jeder Vorlesung in die Abschlussnote eingeht, dann kniet man sich schon rein, klar. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Studenten den Blick fuers Wesentliche verlieren. Es geht nur noch darum, den Stoff am Klausurtag zu koennen - danach kann man ihn vergessen und sollte es auch schliesslich hat man mehr als eine Klausur. Die Zusammenhaenge zwischen unterschiedlichen Vorlesungen gehen dabei voellig unter. Besonders grotesk kann es werden, wenn die Nebenfaecher strengere Regeln haben als die Hauptfaecher. Ich (Physiker) hatte Physikstudenten die ihre Physikaufgaben aus Zeitgruenden nicht schaffen konnten, weil sie sich aufs Nebenfach Mathematik konzentrieren mussten wo den Uebungsaufgaben ein hoeheres Gewicht in der Note zukam.
Grundsaetzlich halte ich einen Bachelor in Physik fuer sinnlos, denn nach 3 Jahren faengt man erst an zu verstehen. Das ist in vielen anderen Faechern vermutlich auch nicht anders.
Na ja, ein paar grundlegende Dinge sollten Studenten natürlich schon lernen. Wenn es so lässig zugeht wie in meinem Theaterwissenschaftsstudium wird schon einige Zeit verplempert und am Ende fehlen grundsätzliche Sachen. Ein ausgwogenes Verhältniss zwischen Pflicht und Freiheit fände ich gut. Dazu braucht man aber sicher nicht das ganze blödsinnige Punktesystem, das meiner Meinung nach außschließlich der Kontrolle und einer scheinbaren Effizienz dient und nichts anderem. (Das gilt ja für fast alle Reformen hierzulande).
Wichtigwäre auch, am Anfang etwas über Wissenschaftstheorie zu erfahren. Das habe ich zumindestens weder in der Schule noch in der Uni gelernt, sondern erst im Laufe der Zeit für mich selbst. Wenn man weiß, wie Wissen entsteht und wo die Grenzen sind, geht man doch schon ganz anders an die Sache heran. Kann es sein, dass wir, ob links, ob rechts, immer noch so autoritätsgläubig sind, dass wir uns davor scheuen? Auch das Debattieren und Argumentieren sollte geübt werden. Das geschieht in den USA und in GB offensichtlich mehr.
Und natürlich: Bologna oder nicht, Seminare mit 50 oder gar 100 Teilnehmern sind ziemlich sinnlos.
"Doch garantierten die alten akademischen Freiheiten wirklich eine gute Bildung?"
Die Frage ist schon lange beantwortet - man muss nur mal bspw Yale oder Stanford mit einer deutschen "Eliteuni" wie der TU Muenchen oder der LMU vergleichen.
"Das Rückgrat der Bildungsvermittlung war früher die Vorlesung."
Wenn sie denn stattfand - und wer glaubt dass man im 21 Jhdt noch Wissen mittles Frontalunterricht vermitteln kann? Zumal nach den ersten Semestern auch in der alten Uni der seminaristische Unterricht ueberwog. Der war aber oft auch nicht besser als die Vorlesungen.
Bologna hat die deutschen Uni aus dem 19 Jhdt in das 21 Jhdt gefuehrt - weil man das 20 Jhdt an deutschen Unis verpennt hat ist der Prozess ein bisschen schmerzhaft, aber dennoch richtig und ohne Alternative. Wer nicht schon an der Uni lernt unter Druck zu arbeiten, Prioriaeten zu setzen und Ziele zu definieren der wird es im Job lernen muessen - auf die harte Tour. Die Generation Praktikum in der BRD kommt ja letztendliuch auch daher dass die Wirtschaft die Absolventen oft erst mal mit diesen grundlegenden Dingen vetraut machen musste. Und das waere eigentlich die Aufgabe der Uni und der Studenten selber gewesen.
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