Auswandern für den Job Ein Gameboy als Integrationswerkzeug

Ihr heute erwachsener Sohn scheint sich ebenfalls leicht in neue und durchaus schwierige Situationen fügen zu können. Als er eineinhalb Jahre nach Yan Hes Aufbruch in den Westen nach Deutschland kam, besuchte er sofort eine normale Grundschule. Dass er kein Wort Deutsch sprach, habe sie beunruhigt, meint He, aber "ich hatte keine Wahl". Mei banfa, heißt das auf Chinesisch.

Das Glück des Sohnes war, dass er gut war in Mathe. Und dass seine Mutter wusste, wie er sich trotz fehlender Wörter ins Gespräch bringen konnte. Sie kaufte ihm einen Gameboy, damals ein begehrtes Kultobjekt. "So konnte er mit seinen Klassenkameraden auch ohne Worte kommunizieren", sagt Yan He. Heute studiert er in München Informatik und ist in beiden Kulturen zu Hause. Als sie ihn einmal darauf angesprochen habe, ob er gelitten habe, sagte er angeblich nein, und zudem, na was? "Mei banfa."

Yan He hat oft die Branchen gewechselt. Vor neuen Aufgaben hatte sie keinerlei Scheu, immer habe sie sich gesagt: Da kann ich etwas lernen. Sie schlug die klassische Karriere einer begabten Chinesin jener Generation ein, die in den späten Sechzigerjahren zur Welt kam. Unbelastet von der schlimmsten Phase der Kulturrevolution konnte diese Generation studieren und sich in den expandierenden Markt stürzen. Privatisierung und Öffnung nach außen waren die Zauberworte.

Branchenspezifische Wörter kann sie noch heute fehlerlos

Noch von der Uni wurde die Deutsch-Studentin von Volkswagen Shanghai engagiert, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin eingestellt wurde. Sechs Jahre arbeitete sie bei dem Autokonzern. Montagelinie, Rohbaulinie, Lackiererei, Motorenwerk - diese branchenspezifischen Wörter kann sie auch heute noch fehlerlos. Dann wechselte sie zur Dresdner Bank in Shanghai und schließlich in ein britisches Unternehmen.

Per Zufall nahm sie 1999 eine Freundin mit zu einer Fernsehmesse in Shanghai, wo sie auf Leute der Kirch-Gruppe traf, die ihr sofort ein Angebot machten. Sie überlegte nicht lange, ging nach Deutschland, arbeitete zunächst als Assistentin des Marketingleiters bei Kirch-Media und wurde 2002 in die Programmvertriebsabteilung von Beta-Film versetzt. 2004 kam sie in den Programmvertrieb für den asiatischen Raum der Pro-Sieben-Sat-1-Tochter Red Arrow International.

Am 2. Februar fliegt sie wieder nach China. Sie lebt hier und dort. Wo sie zu Hause sei? Mittlerweile mehr hier als dort, sagt sie. Und lacht.