Auswandern für den Job Kind in China, Karriere in Deutschland

In China ist es nicht ungewöhnlich, dass Mütter und Väter ihre Kinder bei den Großeltern zurücklassen, um im Ausland Karriere zu machen.

(Foto: dpa)

Als Yan He nach Deutschland kam, hörte sie zum ersten Mal das Wort "Rabenmutter". Denn die Chinesin hatte ihr Kind in der Heimat zurückgelassen, um in der Ferne Karriere zu machen. Eine Geschichte über ungewöhnliche Familienbande, Opfer und Erfolg.

Von Edeltraud Rattenhuber

Als Yan He vor 14 Jahren nach Deutschland kam, tat sie etwas, das in den Augen ihrer chinesischen Mitmenschen keinesfalls verwerflich war: Sie ließ ihren neun Jahre alten Sohn in China zurück bei dessen mittlerweile von ihr geschiedenem Vater und den Schwiegereltern.

Diese kümmerten sich rührend um den Sohn, doch das wiederum kümmerte in Deutschland niemanden. Hier wurde sie mit dem Wort "Rabenmutter" konfrontiert. Sie hörte es zum ersten Mal. Im Deutsch-Unterricht an der Uni in China hatte sie das nicht gelernt. Der Vorwurf sei aber scherzhaft gewesen, meint sie heute.

Da muss die 47-Jährige wohl etwas falsch verstanden haben. Erst kürzlich hat eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung festgestellt, dass in Deutschland das kulturelle Leitbild vorherrscht, eine "gute Mutter" sei eine Mutter, die zu Hause bei den Kindern bleibe.

Wenn Großeltern zu Ersatzeltern werden

In China allerdings runzelte damals, Ende 1998, niemand die Stirn über eine solche Lebensplanung. Dort sind es bis heute sehr oft die Großeltern, die den Generationenvertrag sehr ernst nehmen und sich daher um die Enkel kümmern, während die Eltern ihren Berufen nachgehen. Im Gegenzug erwarten die Großeltern, dass sie im hohen Alter von der Familie gepflegt werden.

Yan He nutzte derweil die Öffnung des Landes, um ihre berufliche Karriere zu beginnen. Heute sitzt sie im Konferenzraum von Pro Sieben Sat 1 in München-Unterföhring und blickt auf eine stolze Laufbahn zurück, ein wenig verwundert über sich selbst, die kleine Chinesin vom Lande, die es so weit gebracht hat.

Yan He arbeitet als Senior Vice President Asia Pacific, Middle East und Africa, so lautet ihr gesamter Titel, für den Programmvertrieb des Medienunternehmens. Gerade hat sie ein Büro in Hongkong aufgemacht und mehrere Formate nach China verkauft. Die Sendungen Mein Mann kann und Clever mit Wigald Boning liefen dort erfolgreich im Fernsehen. Auch Galileo begeistert die Chinesen. Pro Sieben Sat 1 sieht dort einen großen Wachstumsmarkt, Yan He ist die Türöffnerin.

Um zu verstehen, welchen großen Sprung Yan He hinter sich hat, muss man sich anschauen, wo sie herkommt. Die südostchinesische Küstenprovinz Zhejiang ist zwar heute wirtschaftlich eine der erfolgreichsten Chinas, doch in Yan Hes Kindheit war man im "Land des Fisches und des Reises" arm, zumal dann, wenn man in den unzugänglichen Bergen lebte.

Zudem sah sich Yan He als kleines Mädchen auch aus gesellschaftlichen Gründen eher vor geschlossenen Türen stehen. In ihrem Heimatdorf Longyou wütete noch die Kulturrevolution, als sie 1971 zur Schule kam. Die Großeltern waren einst sogenannte Großgrundbesitzer gewesen - also Bauern, die etwas mehr besaßen als andere. Der Großvater wurde enteignet, musste daraufhin Straßen fegen. Der Vater, ein Intellektueller, durfte nicht studieren, er war Lehrer im Ort.

Yan He sagt aber, sie habe nicht sehr unter der Drangsal leiden müssen. Sie seien arm, aber glücklich gewesen. "Wir waren schon mit sehr wenig zufrieden."