Von Isabell Zacharias

Gleiche Schulbücher, dasselbe Abitur, Samstagsunterricht und kürzere Ferien - die neuen Vorschläge der Politiker sind sinnlos.

Kaum fällt Deutschland ins informationelle Sommerloch, treiben Politiker eine Sau nach der anderen durchs Bildungsdorf. Beim Anblick der vier aktuellen Bildungsschweinchen kommen Eltern ins Grübeln: Warum diskutiert man Schulpolitik plötzlich wieder bundesweit, obwohl sie doch Sache der Länder ist? Und warum tun das ausgerechnet konservative Minister und Politiker?

Im Sommer füttern sie die Bildungsschweinchen.

Im Sommer füttern Politiker die Bildungsschweinchen. (© Foto: dpa)

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Das erste Schweinchen

Den Einstieg machte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) mit ihrem Vorschlag einheitlicher Schulbücher für ganz Deutschland. Ein faszinierender Gedanke: Zieht die Familie um, packt das Kind sein Mathebuch aus Bayern in Hamburg wieder aus und lernt einfach da weiter, wo es in München aufgehört hat.

Wer weiß, wie viele verschiedene Bücher auf dem Markt sind - für jedes Fach, jedes Bundesland und zig pädagogische und didaktische Ansätze ein anderes -, dem ist klar: Das funktioniert niemals. Dafür sorgen schon die Schulbuchverlage. Dabei sind die Bücher beim Bundeslandwechsel gar nicht das größte Problem. Das größte Problem sind die Lehrpläne.

Wer eine Ländergrenze in die falsche Richtung überquert, darf schon mal zwei Jahre Französisch nachlernen, nicht selten auf Kosten eines Schuljahres. Dafür kann er sein Spanisch in der neuen Schule nicht im Unterricht verwenden, sondern allenfalls zum Angeben. Hätte Frau Schavan doch lieber von bundesweiten Rahmenlehrplänen gesprochen. Damit könnte jede Schule sich ihren eigenen Weg zum gemeinsamen Bildungsziel suchen.

Solchen Plänen aber hat die Föderalismusreform einen Riegel vorgeschoben. Bleibt die Frage, was Schavan mit ihrem Vorschlag wollte. Zumindest ist sie im Gespräch. Und vielleicht lassen sich ja die Kritiker der Reform ein wenig besänftigen, bevor es im Dezember dann wieder losgeht mit Pisa.

Schweinchen Nummer Zwei

Das nächste Schweinchen im Bundesbildungsdorf war das deutsche Zentralabitur, eine Idee Günther Oettingers (CDU), des Ministerpräsidenten von Ba-den-Württemberg. Alle Bundesländer sollen ihre Schüler zur selben Zeit dasselbe Abitur schreiben lassen. Freudige Zustimmung des bayerischen Kultusministers Siegfried Schneider (CSU), der sich das zumindest für Mathe und Deutsch gut vorstellen kann.

Sein politischer Konkurrent Joachim Herrmann aus derselben Partei teilt sofort mit, was er davon hält: gar nichts. Völliger Quatsch sei das, lässt er wenig liebenswürdig wissen. Fast möchte man ihm zustimmen. Schon die Abituraufgaben gleichzeitig an mehr als 3000 Gymnasien zu verteilen, dürfte eine Herausforderung sein. Und dann müsste man den Prüfungszeitpunkt abstimmen. Sollen Hessen und Thüringer auf die Bayern warten? Oder sollen bayerische Schüler bis zum Abi ein paar Wochen weniger Unterricht haben?

Beruhigende Botschaft an alle, die das Bundeszentralabitur für eine Schnapsidee halten: Die Gefahr, dass sich die Länder auf identische Abituraufgaben einigen, ist gering. Ihre Kultusminister sind seit fünf Jahren mit dem Austüfteln gemeinsamer Bildungsstandards ausgelastet. Was also will Oettinger? Vielleicht hofft er, die Debatte übers Abitur lenke von dem ab, was Pisa erneut beweisen dürfte: Dass Deutschland sich immer noch zu wenig um die Bildungsverlierer kümmert.

Das dritte Schweinchen

Harmloser ist das Bildungsschweinchen Sechstagewoche, das Nordrhein-Westfalen ins Gespräch gebracht hat. Freiwilligen Samstagsunterricht bietet Kultusministerin Barbara Sommer (CDU) ihren Schulen an. Den anderen Ländern könnte das egal sein. Und doch versichert der Vorsitzende des Bildungsausschusses im bayerischen Landtag, Gerhard Waschler (CSU), dass man sich an NRW auf keinen Fall ein Beispiel nehmen werde.

Hurra - die CSU rettet das freie Wochenende für die Familie! Wer weiß denn schließlich, dass bayerische Schulen längst selbst entscheiden, ob sie samstags Unterricht abhalten. Sie tun es nirgends. Waschler liegt meinungsmäßig richtig, was im Vorfeld von Landtagswahlen nicht das Dümmste ist. Dennoch gibt der Schulsamstag fürs Sommerloch wenig her, und Waschler hatte wohl nur auf Fragen von Journalisten geantwortet, die auf der Suche nach einem Thema waren.

Viertes Bildungsschweinchen

Auf den ersten Blick scheint es, als sei auch das vierte Bildungsschweinchen von Medienleuten erfunden worden. Doch das stimmt nicht. CSU-Fraktionschef Herrmann findet 14 Wochen Schulferien zu lang. Dabei denkt er nicht an berufstätige Eltern, die bei der Kinderbetreuung oft organisatorische Kunststücke vollbringen. Er denkt an den Stress, den sein Ministerpräsident Schülern, Eltern und Lehrern einbrockte, als er im Handstreich den Weg zum Abitur um ein Jahr verkürzte. Nun haben sie für den unzureichend gekürzten Lernstoff zu wenig Zeit. Das erzeugt Unmut. Herrmann sieht die Rettung in kürzeren Ferien.

Vielleicht ist das ja ein typisches Sommerthema für konservative Landtagspolitiker. Günther Oettinger plädierte 2003, als er noch Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag war, für vier Wochen Sommerferien. Die Idee ist auch in Bayern nicht neu. 2005 brachte Herrmann sie schon einmal ins Gespräch. 2006 wärmte dann die FDP den Vorschlag auf. Nun ist wieder die CSU dran. Neu ist, dass Kultusminister Schneider sofort widerspricht. Er findet, Schüler haben ihre Ferien verdient.

Schulzeit besser nutzen statt Ferien kürzen

Die Debatte ist reichlich elitär. Ob Hermann wohl bedacht hat, dass er mehr als neun Millionen Schülern in ganz Deutschland kürzere Ferien verordnen will, nur weil die bayerischen Gymnasiasten zu viel Nachmittagsunterricht haben? Schließlich werden die Sommerferien von der Kultusministerkonferenz festgelegt, da müssten also alle Länder mitziehen. Bevor an den Ferien herumgeschnippelt wird, sollte die Schulzeit besser genutzt werden.

Wenn der Unterricht tatsächlich immer stattfände wie geplant, wenn in den letzten drei Wochen vor den Sommerferien nicht schon überall völlig tote Hose wäre - welcher Gewinn an Unterrichtszeit! In Ganztagsschulen, die ja selbst die CSU inzwischen nicht mehr für Teufelszeug, sondern für ihre ureigenste Erfindung hält, ließe sich entspannter lernen. Aber die kosten Geld.

Und auch wenn Herrmann betont, dass sechs Wochen Sommerferien ein Anachronismus seien und aus einer Zeit stammten, in der die Schulkinder bei der Ernte helfen mussten - um die Schüler geht es ihm dabei wohl am allerwenigsten. Das Thema eignet sich einfach wunderbar für Machtspielchen mit dem politischen Konkurrenten Schneider.

Zu anderen Jahreszeiten geben Politiker ihrem Affen Zucker. Im Sommer füttern sie die Bildungsschweinchen.

Isabell Zacharias ist Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands (BEV) und Mutter zweier Gymnasiastinnen.

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(SZ vom 22.8.2007)