Studieren in den Staaten - mit verbotenen Freuden, engagierten Professoren und eigenwilligen Mitbewohnern. Ein Erfahrungsbericht.

Ab sofort ist Selbstbefriedigung in den Duschkabinen verboten. Das ist unsere einzige Warnung." Ich bin in einer anderen Welt. Ein Dutzend Studentinnen um die 19 betrachten das Plakat am Eingang der Jungenduschen in einem Wohnheim meiner Universität in Washington, DC. Ich höre ihr Gelächter kaum. Ich würde nicht mal merken, wenn sie mir das Handtuch vom Körper klauen würden. All meine Aufmerksamkeit konzentriert sich auf eine der großen Fragen in der Geschichte der universitären Ausbildung der Vereinigten Staaten von Amerika: Wie um Himmels Willen wollen die das Verbot überprüfen?

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Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben.

Willkommen in den USA. Willkommen im Land von Anstand und Ordnung. Die meisten Professoren verlangen ausnahmslose Pünktlichkeit und bestrafen Fehlstunden in ihren Seminaren mit schlechten Zensuren. Der große Teil der Studenten lebt in Wohnheimen auf dem Campus: in Zwei- und Dreibettzimmern. An vielen Universitäten gilt campusweit ein striktes Alkoholverbot - auch in den Wohnheimen. Trotzdem sorgen sich manche Studenten um den Drogenkonsum ihrer Kommilitonen, nehmen rührend Anteil an deren Leben. Auf Plakaten und Flugblättern warnen Mitglieder der "Vereinigung besorgter Studenten" davor, durch alkoholische Exzesse oder den Konsum eines Joints das eigene Leben, den Zusammenhalt der Familie, den guten Ruf der Universität und die Zukunft der Nation zu zerstören.

Amerikas Studenten setzen sich für das Gute ein, aus reiner Selbstlosigkeit. Nie kämen sie auf die Idee, gegen Studiengebühren auf die Straße zu gehen, Unterschriften zu sammeln und gemeinsam mit Tausenden anderen Studenten Parolen wie "Bildung für alle" zu skandieren, wie es im vergangenen Semester in Deutschland der Fall war. Lieber bezahlen sie Tausende von Dollar. Was bekommen sie für dieses Geld? Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben. Wie in der Schule. Nur schlimmer. Härter. "Für jeden Rechtschreibfehler bewerte ich euch eine halbe Note schlechter", kündigt meine Professorin an. In einer Woche solle bitte jeder die ersten zwei Bücher gelesen haben. "Wer das nicht macht, bleibt besser gleich weg."

Bröselfreie Professoren

Amerikanische Professoren erwarten Professionalität - auch von sich selbst. Anders als in Deutschland habe ich in den USA niemals einen Professor in einem zu engen Donald-Duck-Shirt und einer ausgeblichenen Jeans voller Brösel vom Salamibrötchen gesehen. Im Gegensatz zu Deutschland habe ich in den USA niemals eine Professorin getroffen, die sich anzieht, als hätte sie Säcke bei der Altkleidersammlung geklaut und daraus im Zuge ihrer Selbstverwirklichung etwas gebastelt, das im Sinne der Emanzipation jegliche weibliche Rundung verhüllt. Amerikanische Professoren kleiden sich wie andere Menschen, die ins Büro gehen oder Kundenkontakt haben: angemessen und gut.

Sie kennen sogar meinen Namen. In Amerika weiß ich, wann und wo ich meine Professoren erreichen kann - und sie sind dann auch tatsächlich anzutreffen. Sie wissen, dass sie mit mir ihr Geld verdienen. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Bewertungen der Seminare durch die Studierenden nämlich keine albernen Alibiveranstaltungen, sondern können Konsequenzen haben - bis hin zum Rausschmiss. Deshalb muss ich mich in den USA nicht wochenlang um einen Termin in der Sprechstunde bemühen. Ich muss nicht schon dankbar sein, dass wenigstens der Assistent des Assistenten mit mir redet.

Meine US-Professoren rufen sogar ihre Freunde an, wenn ich auf Praktikumssuche bin, auch wenn sie mich erst seit kurzem kennen. An einer deutschen Universität müsste ich für einen solchen Gefallen dem Professor etwa drei Semester nach dem Mund reden, vier Urlaube lang seinen Rasen mähen und ein Dutzend Abende seinen Kindern gewaltfreie Gutenacht-Geschichten vorlesen, während sie mit Legosteinen nach mir werfen. Vielleicht würde der deutsche Professor aber selbst dann nicht für mich zum Telefonhörer greifen. Denn zu viel Kontakt zur realen Berufswelt gilt in Deutschlands akademischen Kreisen als suspekt.

Telefonate und Gestank

Die größte Umstellung in den USA waren für mich aber weder die Professoren noch die Sprache noch die Kultur. Mit zwei Kommilitonen im selben Raum zu wohnen war viel neuer und ungewohnter. Die 20-jährige Austauschstudentin Tanya Mollova aus Bulgarien weiß: "In den USA zu studieren bedeutet, wenigstens einen oder zwei Amerikaner sehr gut kennen zu lernen. Viel, viel besser als man eigentlich will." Mit den Mitbewohnern verbringen viele mehr Zeit als mit dem Freund oder der Freundin. Und es ist fast unmöglich, das Zimmer während des Semesters zu wechseln, Einzelzimmer gibt es kaum. Meine beiden Mitbewohner heißen Fönchen und Tönchen. Ich habe mich an die beiden gewöhnt. Ich mag sie sogar, jeden auf seine Weise.

Fönchen ist hauptsächlich damit beschäftigt, mit seiner Freundin zu telefonieren, jeden Tag, stundenlang. Egal, ob sie über sexuelle Probleme, seelische Verspannungen oder die Form "der großartigen Operationsnarbe" in der Nähe ihrer Schamlippen sprechen, egal, ob alle anderen Hausaufgaben machen, schlafen oder im Zwei-Sekunden-Takt ihren Kopf gegen die Wand rammen: Fönchen verlässt zum Telefonieren niemals den Raum. "Weißt du, ich bin noch immer enttäuscht, dass du im Sommer vor zwei Jahren mit deinen Eltern nach Hawaii geflogen bist, statt mit mir zu Hause zu bleiben", sagt er jeden Abend irgendwann mit weinerlicher Stimme. "Aber ich verzeihe dir." Ich habe den sechs bis acht Telefongesprächen eines jeden Tages Namen nach Zeit und Zweck gegeben. Zum Beispiel gibt es spät abends erst den "Vor-Mitternacht-Gutenacht-Anruf" und dann den "Nach-Mitternacht-Gutenacht-Anruf". Zuallerletzt kommt dann immer noch der "NachMitternacht-ich-vermisse-dich-so-sehr-vermisst-du-mich-auch-so-sehr-ich-liebe-dich-so-sehr-liebst-du-mich-auch-so-sehr"-Anruf.

Tönchen, der zweite Zimmergenosse, ist ein netter Kerl. Aber er hat fürchterliche Verdauungsprobleme: "In meiner Familie haben alle schlechte Därme. Ich kann nichts dagegen tun. Ich kann nur ein Raumspray griffbereit auf meinen Schreibtisch stellen." Zu allem Überfluss hat Tönchen auch noch zwei Haustiere mitgebracht, die aussehen wie eine Mischung aus Ratten und Fledermäusen. Er nennt sie seine "Zuckerpüppchen". Sie stinken. Er stinkt. So sehr, dass ich es mit meinen beiden Mitbewohnern manchmal einfach nicht mehr aushalte.

Engpass im Mädchenzimmer

Mein Zufluchtsort ist das Zimmer nebenan. Hier riecht es nach Mädchen. Hier besteht die Geräuschkulisse einzig aus Radio-Hiphop und Plaudereien. Hier lebt die Bulgarin Tanya zusammen mit der 21-jährigen Amerikanerin Martha. Doch auch hier ist die Welt nicht perfekt. Martha sitzt an ihrem Schreibtisch und sortiert Rechnungen: Kreditkartenbelege, einen Brief von ihrer Krankenversicherung und dann noch die Rechnung über die Studiengebühren. Sie schaut auf den Boden. "Ich muss der Uni jetzt dringend 13.000 Dollar überweisen. Ich hoffe, meine Eltern zahlen bald ihren Anteil. Sie sagen, es gäbe einen Engpass."

Martha möchte Anwältin werden. Einen Teil ihrer Gebühren wird sie erst bezahlen, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hat. "Ich habe mir ausgerechnet, dass ich zum Start ins Berufsleben etwa 150.000 Dollar Schulden haben werde." Das ist wenig überraschend: Für ein Jahr auf einer der vielen Privatuniversitäten zahlt man im Schnitt 20.000 US-Dollar. Eliteuniversitäten wie Harvard kosten das Doppelte, wobei allerdings das Wohnen inklusive ist. Der Besuch einer der - manchmal wenig angesehenen - staatlichen Universitäten kostet im Schnitt immer noch knapp 5000 Dollar im Jahr. Wer in seinem eigenen Bundesstaat bleibt, studiert billiger - wer woanders hin möchte oder aus dem Ausland kommt, muss oft mehr als das Doppelte der "in-state-tuition" bezahlen.

"Für Kinder reicher Eltern ist es sehr viel einfacher aufs College zu gehen als für Kinder aus einkommensschwachen Familien", erklärt der Bildungsforscher Richard Kahlenberg von der Century-Stiftung in Washington. Vor allem über traditionsreiche Ivy-League-Universitäten wie Harvard oder Yale ist er verärgert: "Einkommensschwache Kinder sind von den Eliteuniversitäten praktisch ausgeschlossen." Die Wahrscheinlichkeit, dort einen Studenten aus einer reichen Familie zu treffen, sei 25 mal größer als die, einen Studenten aus einer armen Familie zu treffen.

Dennoch geht es an amerikanischen Universitäten gerecht zu, zumindest in Fragen des Geschlechts, der Körperhygiene und des Abflusssystems. "Ab sofort ist das Rasieren von Schamhaaren in den Duschkabinen verboten", ermahnt ein Plakat am Eingang zu den Mädchenduschen. "Der Enthaarungsvorgang verursacht Engpässe in der Durchlässigkeit des Abflusssystems, wodurch die Arbeit des Reinigungspersonals erheblich erschwert wird." Erneut hat sich ein Dutzend Studentinnen um das Plakat versammelt. Diesmal lachen sie nicht. Dafür vereinigen sie all ihre Aufmerksamkeit auf eine der großen Fragen in der Geschichte der universitären Ausbildung der Vereinigten Staaten von Amerika: Wo um Himmels Willen sollen wir das denn sonst machen?

tobias-peter studiert zurzeit dank eines Stipendiums in Washington, DC. und schreibt für jetzt.de

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(SZ vom 13.4.2004)