Viele Einwanderer werden zu Hilfskräften degradiert, weil ihre Abschlüsse in Deutschland nichts zählen. Aber entscheidend sollte sein, was jemand tatsächlich kann.
Die Bürokratie ist zum Verzweifeln. Hunderttausende Migranten werden hierzulande behandelt wie der Landvermesser K. in Kafkas "Schloss". Die Berufs- und Studienabschlüsse, die sie aus ihrer Heimat mitbringen, sind in Deutschland wenig wert. Wer seine Qualifikation anerkennen lassen will, führt einen zähen, oft aussichtslosen Kampf. Wer ist zuständig, was sind die Kriterien? Das ist so willkürlich und so undurchsichtig wie die monströse Schlossverwaltung in Kafkas Roman. Der arme Landvermesser wird darin kurzerhand zum Schuldiener degradiert.
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Der deutsche Staat degradiert seine Einwanderer. Ihre Berufsabschlüsse sind hierzulande oft nur wenig wert. (© Foto: dpa)
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Lehrerinnen arbeiten als Putzfrauen
Und so degradiert auch der deutsche Staat seine Einwanderer. Lehrerinnen aus dem Kaukasus arbeiten als Putzfrauen, Ingenieure aus dem Nahen Osten als Hilfsarbeiter im Hafen oder auf dem Bau. Jetzt will die Bundesregierung diese massenhafte Entwertung von Qualifikationen und Biographien endlich stoppen. Die dafür im Kabinett beschlossenen Eckpunkte sind vielversprechend. Ein bundesweites, transparentes Verfahren könnte entstehen, das die Anerkennung ausländischer Abschlüsse verbindlich regelt.
Derzeit hat jedes Bundesland dafür eigene Stellen, diverse Behörden und Kammern, mit einem Wust unterschiedlicher Richtlinien. Das bürokratische Schloss dieser Republik hat viele lange Flure, auf denen die Bittsteller ausharren, bis sie zermürbt sind. In Zukunft soll es für Einwanderer eine klare Anlaufstelle geben und das Verfahren nicht länger als sechs Monate dauern. Es wäre ein großer Fortschritt.
Dieses neue System erfolgreich einzuführen, wird noch viel Kraft kosten. Denn außer der Bundesregierung müssen etliche andere Akteure daran mitwirken: Länder und Kommunen, Berufsverbände, Arbeitgeber und Gewerkschaften. Und manche von ihnen treibt bereits die Sorge um, eine Aufwertung ausländischer Abschlüsse könnte gleichbedeutend sein mit einer Abwertung der deutschen Abschlüsse.
Zertifikate werden überbewertet
Diese Sorge ist jedoch unberechtigt. Der Stolz auf die vergleichsweise hohen deutschen Ausbildungsstandards ist zwar verständlich. Und man kann sich auch darüber wundern, wie großzügig Handwerker in Ländern wie den USA mit ihren eigenen Fehlern umgehen. Aber für Hochmut haben die Deutschen keinen Grund. Und man kann nicht ständig über einen Mangel an Fachkräften jammern, die qualifizierten Einwanderer aber auf schlechte Jobs abschieben, nur weil die deutschen Behörden und Arbeitgeber Vorurteile gegen ausländische Zeugnisse hegen.
In Deutschland werden Zertifikate, einmal erworbene Titel und Abschlüsse, ohnehin überbewertet. Entscheidend müsste sein, was jemand tatsächlich kann, was er leisten möchte, wie er sich einbringt und weiterbildet. Es reicht dann nicht, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse rechtlich zu erleichtern. Nötig ist echte Neugier auf die Erfahrungen, die jeder Einwander nach Deutschland mitbringt.
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(SZ vom 10.12.2009/holz)
Wettmanipulation im Fußball
Natürlich ist es richtig Bürokratie abzubauen und Zuwanderern die Anerkennung ihrer Ausbildung in Deutschland zu erleichtern. Aber es wäre vollkommen weltfremd, einfach ausländische Ausbildungsgrade mit deutschen gleichzusetzen - und darauf scheint mir der Artikel abzuzielen. Da müsste schon noch die eine oder andere Kontrollinstanz exsitieren. Beispielsweise sind die Ansprüche an eine Doktorarbeit in den Geisteswissenschaften in den verschiedenen Ländern sehr verschieden.
Frisch promoviert bin ich vor sieben Jahren nach Italien, um dort ein paar Monate zu arbeiten. Als erstes musste ich mich beim Arbeitsamt melden, um die italienische Lohnsteuerkarte zu bekommen. Man stufte mich als ungelernten Arbeiter ein.... Von ganz oben auf der Bildungsleiter nach ganz unten in 800km. Bis zumindest mein Diplom überhaupt durch ein italienisches Konsulat beglaubigt war, war ich längst wieder in Deutschland.
Also: wir in Deutschland machen es umgekehrt nicht schlechter, aber eben auch nicht besser. Ich glaube, das ist ein Problem, das auf EU Ebene gelöst werden muss.
Ohje, der Artikel ist wieder richtig gut durchdacht (Ironie).
Wie will man denn das Ausbildungsnieveau und Leistungsvermögen gerechter als duch Prüfungen bewerten ?? Was ist denn besser als z.Bsp. eine srukturierte duale -Arbeit und Schule- Ausbildung mit Abschlußprüfung ? Genau das sichert uns doch Standarts - beim Maurer, Mechaniker, Koch....und auch bei höherqualifizierten Abschlüssen. Und genau diese Standarts würde ich gerne behalten. Wer die erfüllen kann, soll doch bitte einfach die nötigen Prüfungen ablegen - als Arzt müssen sie in den USA auch ein amerik. Examen ablegen um praktizieren zu können.
"In Deutschland werden Zertifikate, einmal erworbene Titel und Abschlüsse, ohnehin überbewertet. Entscheidend müsste sein, was jemand tatsächlich kann, was er leisten möchte, wie er sich einbringt und weiterbildet."
Es kommt bei der betrachteten Gruppe wohl noch deutlicher heraus, aber das Problem ist meiner Meinung ja viel breuter und tiefer : auch als Deutscher hat man ja gar keine Chance auf einen Job, fuer den man nicht die exakt passende Pruefung und das passende Alter und ... hat.
Ob ich mit einem Ingenieursabschluss vielleicht auch in der Lage waere, einen einfachen Buerojob zur Zufriedenheit zu leisten, steht ueberhaupt nicht zur Debatte, wenn ich nicht einen Abschluss als Buerokaufmann oder so habe : fuer mich Schwachsinn, aber wenn Deutschland meint, auf qualifizierte Kraefte verzichten zu koennen, dann zahlt es eben Hartz IV o.ae.
Zitat: «Jetzt will die Bundesregierung diese massenhafte Entwertung von Qualifikationen und Biographien endlich stoppen.»
Für diejenigen die es nicht wissen: Die Münchner Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk muss hinter dem Doktortitel ein I in Klammern gesetzt führen. Sie hat in Italien promoviert. Immerhin hat sie einen Job gefunden.
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