Ausbildung Wie sich Betriebe auf schwierige Azubis einstellen

Schlechte Noten, Unpünktlichkeit, Widerworte - früher wären das Ausschlusskriterien für einen Ausbildungsplatz gewesen. Doch der Fachkräftemangel zwingt gerade kleine Betriebe, sich auch für schwierige Jugendliche zu öffnen.

Von Anna Günther

Kein Interesse an der Schule, Hauptschulabschluss mit Note 5. Nach mehr als 20 Absagen blieb Andreas Gröner nur einer der Kurse, in denen besonders leistungsschwache Jugendliche gezielt auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Sie werden von der Arbeitsagentur bezahlt. Gröner lernte also in der Münchner Innung für Maler und Lackierer acht Monate lang intensiv Deutsch und Mathematik, übte Vorstellungsgespräche und trainierte Grundlagen der Farbtechnik.

Innungsgeschäftsführer Jürgen Weber wirbt für ein "anderes Verständnis für Leistung". Die Jugendlichen seien zwar schulisch schwach, aber oft handwerklich begabt. Gerade schwierige Schüler würden engagierte Mitarbeiter, wenn sie eine Chance bekommen.

Und tatsächlich: "Irgendwann habe ich auch verstanden, dass ich etwas tun muss - jeder braucht Geld zum Leben", sagt der heute 19-jährige Andreas Gröner. Den Hauptschulabschluss holte er nach, Note 1. Die Malerinnung vermittelte ein Praktikum bei der Hirsch GmbH, wo Gröner überzeugte und einen Ausbildungsplatz bekam. Er war der erste Lehrling, den der Münchner Malereibetrieb aus einer Fördermaßnahme des Arbeitsamtes einstellte. Mittlerweile ist der junge Mann im zweiten Lehrjahr, der Firmenleiter Thomas Thurm ist zufrieden.

Zu Kompromissen gezwungen

Gerade Handwerksbetriebe müssen Kompromisse machen, wenn sie überhaupt noch Lehrlinge finden wollen. Das Handwerk sei für gut ausgebildete junge Leute nicht mehr attraktiv, klagen Firmeninhaber und Innungen. Trotz großer Werbekampagnen streben Mittel- und Realschüler mit guten Noten eher nach höheren Abschlüssen. Schwere körperliche Tätigkeiten und lange Arbeitszeiten schrecken von handwerklichen Berufen ab.

Große Konzerne wie BMW oder Audi können sich interessierte Azubis aussuchen, den kleineren Betrieben bleibt der Rest. Immer mehr Firmen stehen vor der Wahl, ihre Ansprüche an Lehrlinge zu senken und in deren Förderung zu investieren oder Lehrstellen unbesetzt zu lassen.

Der Malermeister Thurm will eigene Nachwuchskräfte heranziehen. Doch er ist Realist: "Mit den Ansprüchen von früher finden wir heute keine Lehrlinge." Dass Schulabgänger ohne Qualifizierenden Hauptschulabschluss gar nicht eingeladen werden, ist längst Vergangenheit. Der Fachkräftemangel lässt Thurm über Unpünktlichkeit, penetrantes Duzen und Widerworte hinwegsehen - anfangs zumindest. Ausbilder müssten die Erziehungsleistung übernehmen und den Jugendlichen Respekt vor Vorgesetzen und richtiges Benehmen erst beibringen, sagt Thurm. Dann funktioniere die Zusammenarbeit. Betriebe und Berufsschulen müssten auffangen, was in der Erziehung verpasst wurde.

In Zukunft dürfen Unternehmen wohl noch weniger wählerisch sein. Allein in Bayern werden laut der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern bis zum Jahr 2025 etwa 620.000 Fachkräfte fehlen. Nicht nur schwache Schulabgänger werden gebraucht, auch Problemfälle sollen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Die IHK will jedes Potenzial nutzen. Mit Halbtags-Ausbildungen für junge Eltern und Angeboten für Menschen über 25 Jahren, die keine Ausbildung haben, sollen weitere Kräfte aktiviert werden. Zudem will die Kammer Betriebe mit Schulungen auf die Betreuung schwacher Azubis vorbereiten.

"Die Situation ist prekär", sagt Andreas Wolf, Ausbildungsleiter des Elektrounternehmens Bauer. Doch bei der Qualität will er keine Kompromisse machen. "Lieber stelle ich weniger ein, als einen, der die anderen runterzieht", sagt Wolf.

Ohne Testlauf keine Lehrstelle

70 Bewerbungen hat er gesichtet, sieben Jugendliche haben in dieser Woche die Ausbildung zum Elektroniker begonnen. Ohne Testlauf vergibt Wolf keine Lehrstellen mehr, Probearbeiten hält er für aussagekräftiger als Noten. Azubis, die Anweisungen ignorieren, anhaltend zu spät kommen oder nur auf das Handy starren, könne er nicht brauchen, sagt Wolf.

Omid Nazari war so wissbegierig, dass er sofort einen Vertrag bekam. Neues notiert der 17-jährige Afghane in ein Notizbuch, das er immer bei sich trägt. "Und er spricht besser Deutsch als viele Bewerber, die hier aufgewachsen sind", sagt sein Ausbildungsleiter Wolf. Dabei wohnt Nazari erst drei Jahre in Deutschland. Allein. Seine Familie lebt in Iran. Mit dem Ausbildungsplatz bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung.

Dass Flüchtlinge oft sehr eifrige Azubis sind, diese Erfahrung hat auch der Leiter der Münchner Berufsschule für elektrische Anlagen und Gebäudetechnik, Ludwig Völker, gemacht. Bei seinen einheimischen Schülern - oft mit Migrationshintergrund - nehme dagegen die Zahl der Problemfälle zu. 20 Prozent der Azubis müssten erst lernen, miteinander im Team zu arbeiten. Doch auch die schwierigsten Fälle gibt Völker nicht verloren: "Man muss die Jugendlichen mögen, dann erreicht man sie auch."