Wie es dem Einwanderungsland Kanada gelingt, Migrantenkinder ebenso gut zu fördern wie Einheimische.
"Was meinst du?", fragt die Lehrerin und zieht ihre Augenbrauen zusammen. Ein nachdenkliches V bildet sich oberhalb ihrer Nase. Sie versteht ihre Schülerin nicht. Das Mädchen brabbelt trotzdem und deutet auf das Regal. Mariam spricht Somalisch. Englisch muss sie erst noch lernen, wie alle Kinder in der Vorschulklasse der Balwin School im kanadischen Edmonton. Denn ihre Eltern sind Einwanderer und Flüchtlinge aus Somalia, aus dem Sudan, dem Irak oder der Türkei. Lehrerin Lyndsey McDougall will die drei- bis fünfjährigen Kinder mit der fremden Sprache vertraut machen - ohne ihnen ihre eigene zu nehmen.
Bunte Schulklasse in Edmonton: Kanada ist ein Einwanderungsland. (© Foto: Taffertshofer)
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Es sind Schulen wie die Balwin School, die Kanada stets gute Platzierungen in internationalen Schulstudien bescheren. Auch im neuen Pisa-Ranking landet Kanada wieder auf den ersten Rängen. Dabei bietet sich der nordamerikanische Staat besonders für einen Vergleich mit Deutschland an, weil dort in einem ähnlich föderalen System schon vor längerer Zeit erfolgreiche Bildungsreformen in Gang gekommen sind. Vor allem aber schneiden die Kanadier dort gut ab, wo das deutsche Schulsystem scheitert: Bildung ist in Kanada nahezu entkoppelt von der sozialen Herkunft. Zuwandererkinder haben fast genauso gute Bildungschancen wie Einheimische.
Zweisprachiger Unterricht
Einige Besonderheiten fallen in der Balwin School schon auf den ersten Blick auf: Die Türen zu den Klassenzimmern stehen offen. Jeder Lehrer hat einen liebevoll gestalteten Schreibtisch im Klassenzimmer, mit Computer, Bücherregalen, Fotos der Schüler und mindestens einer bunt bespickten Weltkarte, die zeigt, woher ihre Familien stammen. Die Balwin School liegt im Norden von Edmonton, in einem der ärmsten Viertel der Hauptstadt der Provinz Alberta. Fast die Hälfte der Schüler kommt aus Migrationsfamilien, oft aus schwieriger sozialer Lage. Englisch ist ihre Zweitsprache.
In der Vorschulklasse in Raum 36 dürfen alle Kinder in ihrer Muttersprache sprechen - ja, sie sollen es sogar. Hier wird somalisch gelesen, kurdisch gekocht und sudanesisch gesungen. "Wir dürfen den Kindern ihre Sprache und Kultur nicht nehmen, sonst bilden sie Subkulturen - dann sind sie verloren", sagt Schulleiter Dean Michailides. Verloren zwischen zwei Welten, zwischen ihren Familien und der neuen Lebensrealität. Stets zwischen den Stühlen.
In der Balwin School sollen sie lernen, sich auf beiden Stühlen zu platzieren. Kanadas Kinder besuchen oft schon mit drei Jahren den "Vorkindergarten". Mit fünf wechseln sie in den Kindergarten, wo sie bereits mit dem Alphabet arbeiten und lernen zu zählen. Mit sechs beginnt die Grundschule. Alle Kinder werden bis zur 12. Klasse gemeinsam unterrichtet. Meist gibt es erst ab der 10. Klasse verschiedene Kurse für die Begabten und Lernschwächeren.
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Umweltstiftung WWF in der Kritik
zwei entscheidende Sachverhalte sind für einen Vergleich Canada - Deutschland entscheidend:
1.) Deutsch als Zweitsprache ist gegenüber dem Englischen eine sehr schwere Sprache; die Wissensvermitllung ist damit auch ungleich schwerer.
2.) es gibt in Canada für die unterschiedlichsten Nationlitäten keine ethnisch geschlossenen Siedlungsgebiete mit heimischer Monokultur und Sprache (keine Ghettos). Englisch wird damit automatisch zur Verkehrssprache in einer multilingualen Zivilisation (wie z.B. in Indien: anders als mit Englisch lassen sich die Inder mit über drei-
hundert indische Sprachen nicht unter einen Hut zu birngen.
3.) Die kulturelle/sprachliche Anbindung an ihre Heimat, die viele Immigranten in Deutschland durch Fernsehen und jährliche Urlausheimfahrten haben (z.B. 51 türkische Fernehsender, 3 Stunden Flug nach Ankara), gibt es in Canada - entfernungsbedingt - nur sehr unvollkommen. Den Zuwanderern bleibt gar nichts anderes übrig als sich zu integrieren .
4.) Europa mit seiner Freizügigkeit für Aufenthalt (Wohnortortwahl) verführt viele Türken dazu, in Vorwegnahme des Anschlusses der Türkei an Europa, sich nicht als Neu-Deutsche zu verstehen, sondern als eine eigenständige Bevölkerungsgruppe mit eigener Kultur und Sprache in Deutschland zu leben (vergleichbar den Italienern, Griechen oder Spaniern, von denen auch niemand fordert, daß sie Deutsche werden sollen).