Von Birgit Obermeier

Mit dem "Audit Beruf&Familie" können sich Unternehmen ihren Familiensinn bestätigen lassen - streng sind die Kriterien nicht.

(SZ vom 16.3.2002) Sigrid Bolengo arbeitet halbtags, ihre Tochter Franka besucht einen Kindergarten. Berufstätige Frauen wie sie kommen leicht ins Schleudern, wenn kurzfristig Termine verschoben werden oder Überstunden anfallen: Wo sollen sie ihr Kind unterbringen? Für Sigrid Bolengo kein Problem. Die Sozialpädagogin, die bei der HypoVereinsbank Mitarbeiter mit beruflichen oder privaten Problemen berät, kann ihre Tochter in einen Hort geben, der Betreuungsplätze für Notfälle vorhält. Abends vermittelt ihr eine Hotline auf Anfrage eine qualifizierte "Notmutter".

Mutter

Mutter mit Töchtern (© )

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Koordiniert wird das alles von einem Dienstleister namens Familienservice, und die Kosten übernimmt Bolengos Arbeitgeber, die HypoVereinsbank.

Gut fürs Image

Die präsentiert sich mit solchen und ähnlichen Angeboten gern als besonders familienfreundliches Unternehmen. Und damit die Öffentlichkeit das auch mitbekommt, hat sich das Geldinstitut dem "Audit Beruf & Familie" unterzogen, einem Verfahren, das die gemeinnützige Hertie-Stiftung vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat.

Vorbild dafür war eine Initiative in den USA: Dort lassen Firmen ihren Familiensinn nach Punkten bewerten und sich anhand des so genannten "Family Friendly Index" miteinander vergleichen.

Während das amerikanische Modell auf Wettbewerb setzt und die Besten auszeichnet, verzichtet man in Deutschland weitgehend auf Konkurrenz und nimmt sich schlicht eine Verbesserung des Status quo zum Ziel. "Wir wollen auch Unternehmen gewinnen, die sich mit dem Thema bislang noch nicht auseinandergesetzt haben", begründet Stefan Becker, Geschäftsführer der aus der Hertie-Stiftung hervorgegangenen Beruf & Familie GmbH.

Politik der kleinen Schritte

Die Anforderungen sind deshalb bewusst niedrig gehalten: Von der ersten Stufe des Prüfsiegels, dem so genannten Grundzertifikat, trennen den Anwärter lediglich der gute Wille und zwei Workshops.

Im ersten untersucht ein Projektteam aus dem Unternehmen, welche familienfreundlichen Konzepte bereits ansatzweise verwirklicht sind. Sie werden einem Raster mit insgesamt zehn Kategorien zugeordnet, darunter Arbeitszeit, -ort, -abläufe, Dienstleistungen für Familien und interne Kommunikation.

Unterstützt wird das Team dabei von einem als "Auditor" zugelassenen Unternehmensberater. Der wertet die Ergebnisse anschließend aus und erarbeitet weitere Möglichkeiten, den Alltag in der Firma familienfreundlicher zu gestalten. Diese werden im zweiten Workshop diskutiert und schließlich in Form von konkreten Zielen festgeschrieben. In der HypoVereinsbank nahm sich die Arbeitsgruppe beispielsweise vor, die Teilzeitquote von 14 auf 20 Prozent anzuheben. Alle zehn Kategorien müssen bearbeitet werden.

Ansonsten gibt es keine Mindestvorgaben. Der Auditor achtet im Gegenteil sogar darauf, dass das Unternehmen in der ersten Euphorie nicht nach den Sternen greift und sich zu viel vornimmt. "Das führt nur zu Enttäuschungen bei den Mitarbeitern", sagt Becker. Besser sei eine Politik der kleinen Schritte: "Bewusstsein verändert sich nur allmählich."

Kostenpunkt: 10.000 Euro

Mehr als 80 Grundzertifikate hat die Beruf & Familie GmbH bereits vergeben. Als offiziell zertifiziert gilt ein Unternehmen aber erst nach drei Jahren. Dann prüft die Zentrale der Beruf&Familie GmbH in Frankfurt, ob die selbst gesteckten Ziele erreicht wurden. Allzu streng geht sie dabei nicht vor - nur wer nicht einmal belegen kann, dass er es überhaupt ernsthaft versucht hat, muss wirklich fürchten, dass ihm der Stempel "familienfreundlich" verweigert wird.

Bei der HypoVereinsbank steht diese so genannte "Re-Auditierung" im Mai ins Haus. Die in der ersten Runde vorgegebene höhere Teilzeitquote sei erreicht, versichert Verena Heines-Mothes, zuständige Mitarbeiterin der Personalabteilung. Nicht so das Ziel, die Zahl der Telearbeitsplätze zu verfünffachen. Ihre Zertifizierung wird die HypoVereinsbank aller Voraussicht nach dennoch erhalten.

Warum unterziehen sich Firmen einem solchen Verfahren, für das sie 10.000 Euro hinlegen müssen? "Kein Unternehmen engagiert sich aus rein sozialen Beweggründen", weiß der Audit-Chef Stefan Becker. Ausschlag gebend seien betriebswirtschaftliche Überlegungen: Familiengerechte Personalpolitik steigere die Zufriedenheit und Effizienz der Mitarbeiter, senke Fluktuation und Krankheitsrate und beuge einem vorzeitigen Burn-out vor, sagt Becker.

Argument im Kampf um Köpfe

In hart umkämpften Märkten sichert sie zudem die Wettbewerbsfähigkeit. Etwa bei der Switch Biotech. Das Biotechnologie-Unternehmen beschäftigt 60 Prozent Frauen, die meisten davon sind jünger als 35 Jahre - Kinderwunsch programmiert.

Flexible Arbeitszeiten und Telearbeitsplätze sollen es den jungen Müttern ermöglichen, rasch und problemlos wieder einzusteigen. Vorteil für Switch Biotech: Das Know-how bleibt im Unternehmen, lange Einarbeitungszeiten für neue Fachkräfte entfallen. Und: "Derartige Maßnahmen sind ein wichtiges Argument im Kampf um die besten Köpfe", weiß Personalchef Oliver Kreyenberg.

Auch wenn die Kriterien für geprüfte Familienfreundlichkeit nicht besonders streng sind: Die Spitzenverbände der Wirtschaft, Parteien und Bundesregierung empfehlen das "Audit Beruf & Familie" wärmstens.

Was nicht verwundert: Bei einem völlig unzureichenden Angebot an staatlicher Kinderbetreuung - die Versorgungsrate mit Krippenplätzen etwa liegt bundesweit bei sieben Prozent - kann ihnen jede unternehmerische Eigeninitiative nur recht sein.

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