Tag der Entscheidung
Anzeige
Am folgenden Tag gibt es drei weitere journalistische Übungen, bevor sich die Personaler zur entgültigen Entscheidung zurückziehen. Der letzte Test findet vor laufender Kamera statt: Eine Minute lang müssen wir zu einem spontan vorgegebenen Thema "irgendwas" ins Mikro sprechen.
Auf der Damentoilette geht es zu wie bei Heidi Klum. 25 Frauen drängen sich vor dem Spiegel, um sich kameratauglich zu schminken. Ich bin die einzige, die Puder dabeihat. Mein Quast wandert im Eiltempo durch 25 Frauengesichter und über die Glatze eines Kollegen.
Auch die Verkündung der Ergebnisse einige Stunden später gleicht einer Casting-Show: Je nachdem, wie die Entscheidung ausgefallen ist, kehren die 30 Teilnehmer mit Tränen in den Augen oder einem Grinsen im Gesicht von den Feedbackgesprächen zurück.
Ich gehöre zu der Gruppe, die abreisen muss. Der Begründung meiner Tutoren höre ich schon gar nicht mehr wirklich zu. Ich fühle mich - aussortiert. Das bin ich ja auch.
Raus hier!
Eine Essensmarke für die Abendmahlzeit ist nur noch den glücklichen Gewinnern vergönnt. Immerhin: Die Bewerberin, die sich gestern während der zweiten Halbzeit so angeregt mit ihrer Tutorin unterhalten hat, ist auch ausgeschieden. Auch der Nerd ist bereits grußlos abgereist - dabei hatte der nach jeder Übung ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Bis zum Schluß habe ich nicht wirklich durchschaut, nach welchen Kriterien wir hier zwei Tage lang durchleuchtet worden sind.
Doch dann: Erleichterung. Ich gebe dem Fluchtreflex nach, der mich in den vergangenen Tage des öfteren gepackt hat. Weg von der Beobachtung, der falschen Freundlichkeit und der Angst, mich ständig unangemessen zu verhalten.
Selbst aus meinem Bewerbungsbuch fällt mir ausnahmsweise mal ein tröstlicher Satz ein: "Wer schon einmal ein Assesment-Center mitgemacht hat, hat beim nächsten Versuch gute Karten."
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
- Führungsspitzen Gesucht: Der Super-Mitarbeiter 26.05.2008
- Kreuzverhör im Vorstellungsgespräch Bewerber im Belastungstest 04.05.2008
- Einzel-Assessments Ein Tag unter Dauerfeuer 24.04.2008
- Self-Assessment Perfekt vorbereitet aufs Vorstellungsgespräch 03.11.2011
- Fragen im Auswahlverfahren Sind Sie fit für ein Assessment-Center? 29.10.2011
- Bewerbung: Worauf Personaler achten Assessment-Center: Schaulaufen der Bewerber 15.03.2011
- Assessment-Center Keine Chance für Selbstdarsteller 01.10.2008
(sueddeutsche.de/bön/bgr)
Griechenland in der Schuldenkrise
"Weg von der Beobachtung, der falschen Freundlichkeit und der Angst, mich ständig unangemessen zu verhalten."-
Hab ich im Job über Jahre getan und kann diese Haltung wirklich nicht weiterempfehlen.
Viel Glück und Erfolg wünscht Ihnen
Otto Bufonto
Ich finde diesen Artikel sehr interessant, vor allem, weil er am Ende das 'Abschieben' so betont...
Natürlich muss man irgendwie eine Auswahl treffen, fraglich ist für mich aber, inwieweit jemand mit einer Absage erhobenen Hauptes gehen kann...
Vielleicht sollte man nicht nur über das Recht auf Arbeit als Teil der Menschenwürde diskutieren, sondern auch eine angemessene Form der Auswahl von Arbeitenden...
[ohne jetzt dieses Assessment-Center genau zu kennen - es ist eher eine grundlegende Anfrage...]
Vermutlich nicht so clever, daß die Kandidatin ausgerechnet beim Abschlußgespräch nicht richtig hingehört hat...
Welche Schülerzeitung hat denn im Herzen Berlins dieses Assessment Center abgehalten ?
Nach dem Informationsgehalt dieses Artikels zu urteilen, war die Ebtscheidung, die Autorin nach der ersten Runde des Feldes zu verweisen, goldrichtig....selten so gegähnt !