Von Von Markus Balser und Karl-Heinz Büschemann

In vielen Betrieben wird längst mehr gearbeitet als tariflich vereinbart - auch über 40 Stunden hinaus.

Als Siemens-Chef Heinrich von Pierer am vergangenen Donnerstag in der Münchner Konzernzentrale das vorläufige Ende im Streit mit den Gewerkschaften verkündete, stand ihm die Genugtuung ins Gesicht geschrieben. Hart und kompromisslos wie nie hatte sich Pierer mit der IG Metall angelegt und für zunächst zwei von der Verlagerung nach Ungarn bedrohte Werke in Nordrhein-Westfalen das Ende der 35-Stunden-Woche eingeläutet.

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Doch nach dem Etappensieg in der härtesten Auseinandersetzung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern seit langem übte sich Pierer im Kleinreden. Die Einigung für mehr als 4000 Beschäftigte in Bocholt und Kamp-Lintfort sei kein Modell für Deutschland: "Wir haben ein Siemens-Problem gelöst - mehr nicht." Auch Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser beteuert: Die Einigung sei keine Blaupause, sondern nur "ein Element aus dem Lösungskasten". Mit welchen Instrumenten Unternehmen dem Wettbewerbsdruck begegneten, hänge von der jeweiligen Firmenpolitik ab.

Dass die Arbeitgeber jedes Triumphgeheul vermeiden, hat gute Gründe. Geschwächt durch Mitgliederschwund und Richtungskämpfe im eigenen Lager geraten die Gewerkschaften nun auf dem Feld ihrer letzten großen Siege unter Druck. Die 35-Stunden-Woche gilt als Symbol vergangener Stärke. Noch in der vergangenen Woche hatte sich Kannegiesser mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters bei einem Spitzengespräch auf die gemeinsame Linie geeinigt, öffentlich von einer generellen Verlängerung der Arbeitszeit Abstand zu nehmen. Der Arbeitgeberverband weiß, dass die Gewerkschaftsfunktionäre vor Ort zu mehr Zugeständnissen bereit sind als die IG-Metall-Spitze in Frankfurt. Doch je stärker die Gewerkschaften in die Enge getrieben werden, desto schwieriger werden die Verhandlungen an der Basis.

Bereits 40 Unternehmen haben seit dem 1. März eine Vereinbarung über längere Arbeitszeiten auf Grundlage des neuen Tarifvertrages in der Metall- und Elektroindustrie geschlossen - und es sollen nicht die letzten sein. Weitere 100 verhandeln nach dem Vorbild von Siemens derzeit über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich und zusätzliche Zugeständnisse bei den Löhnen.

Vor allem in der Autoindustrie gibt es den Trend zu längeren Arbeitszeiten. Bei DaimlerChrysler sind schon bisher 18 Prozent der Mitarbeiter in Forschung, Produktionsplanung und in der Konzernzentrale länger als 35 Stunden am Arbeitsplatz. Nun laufen Gespräche, diese Gruppe zu vergrößern. Beim krisengeschüttelten Autohersteller Opel gibt es konkrete Pläne, die Regelarbeitszeit in den Fabriken zu erhöhen. Für das Werk Bochum laufen hinter den Kulissen Gespräche mit Arbeitnehmervertretern, die auf eine Verlängerung der Arbeitszeit von bisher 35 auf 38 Stunden hinauslaufen. "Wenn wir die Arbeitszeit erhöhen, gewinnen wir Kapazitäten von 20.000 Einheiten im Jahr", sagt der Direktor des Werkes, Jan Brems. Er müsse ein Signal nach Detroit, den Sitz der Muttergesellschaft General Motors, senden. Denn mit Entwicklungschef Bob Lutz hatte gerade ein führender Manager gedroht: "Wenn es keine Änderungen in der deutschen Kostenstruktur gibt, sehe ich über kurz oder lang Deutschland als Produktionsstätte für Automobile gefährdet."

Beim Autozulieferer Continental AG ist eine Arbeitszeit von 40 Stunden längst gängige Praxis. In der Produktion von Dichtungen für Autotüren, die von der Schließung bedroht war, arbeiten 300 Mitarbeiter seit sechs Jahren 40 Stunden. Die Tarifarbeitszeit wäre 37,5 Stunden. "Der Bereich wurde wieder profitabel", sagt ein Konzernsprecher. Auch die Produktion von LKW-Reifen liegt über der Norm-Arbeitszeit. De facto arbeiten die 900 Beschäftigten des Werkes in Hannover-Stöcken 40,2 Stunden. Im Gegenzug hat das Unternehmen 20 Millionen Euro in die Fabrik investiert. "Wir haben eine Regelung geschaffen, mit der die Gewerkschaften leben können", heißt es bei Continental.

Bei der Lufthansa, dem Touristik-Marktführer TUI oder dem angeschlagenen Konkurrenten Thomas Cook wird eine 40-Stunden-Woche nicht generell gefordert. Entscheidungen wie bei Siemens würden aber Auswirkungen auf die Tarifgespräche haben, hieß es. Dass sich nach dem Ende des Streits zwischen Siemens und den Gewerkschaften nun so viele Konzerne aus der Deckung wagen, überrascht selbst Vorkämpfer Pierer: "Da saßen einige in der Zuschauerlounge."

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(SZ vom 30.6.2004)