Arbeitszeit Jeder sechste Arbeitnehmer macht Überstunden ohne Ausgleich

Früher leisteten die Deutschen viel mehr bezahlte Mehrarbeit. Heute gibt es Freizeitausgleich, und Hochqualifizierte schuften umsonst mehr. Ein bequemer Weg für Firmen - anstrengend für Arbeitnehmer.

Von Alexander Hagelüken

Wieder so viele Überstunden? Es gab Zeiten, da war das für deutsche Arbeitnehmer ein großes Thema. Wer den Eindruck hat, das sei inzwischen nicht mehr so der Fall, der wird jetzt bestätigt: Die Deutschen leisten heute viel weniger Zusatzarbeit als früher, zeigt eine neue Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Wie das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) herausfand, schieben zwar vier von fünf Vollzeitbeschäftigten bezahlte Überstunden - aber noch in den Siebzigerjahren war die Anzahl viereinhalb Mal so hoch wie heute.

Damals war die Arbeit nach der Arbeit für viele Beschäftigte üblich: Pro Jahr fielen durchschnittlich 170 bezahlte Überstunden an, also fast vier die Woche. Vor 20 Jahren waren es dann nur noch 57. Und 2013 gar nur 37, also weniger als eine Stunde die Woche. Damit machen Überstunden inzwischen weniger als drei Prozent der gesamten Arbeitszeit aus.

Als Hauptgrund für diesen drastischen Rückgang erkennt IW-Forscher Holger Schäfer, dass die meisten Unternehmen Arbeitszeitkonten einführten. Wer länger malocht als vorgesehen, sammelt die Stunden an und nimmt sie frei, wenn weniger los ist. Dabei können manche Beschäftigte später ganze Tage freinehmen, etwa beim Staat. In Branchen mit viel Kundenkontakt wie beim Einzelhandel genießen die Mitarbeiter dieses Privileg eher nicht, sondern dürfen nur an einem Arbeitstag früher nach Hause.

Bequemer Passus für den Chef

Die Unternehmen sparen sich durch die Konten teure Überstundenzuschläge, die bis zu 100 Prozent des Lohns gehen. Kein Wunder, dass inzwischen die Hälfte der Arbeitnehmer Zusatzarbeit in der Regel nur über Freizeitausgleich kompensiert bekommt. Besonders gut als Puffer bewährte sich das in der Finanzkrise. Als den Firmen die Aufträge ausgingen, strichen sie die Überstunden zusammen und setzten Kurzarbeit an. Während Letzteres als Instrument des deutschen Modells gefeiert wurde, mit dem die Firmen Entlassungen vermieden, ist die Rolle der Überstunden weniger bekannt. Doch ihr Entlastungseffekt für die Firmen war im Krisenjahr 2009 fast genauso groß.

Neben der Mehrheit, die Zusatzarbeit später mit Freizeit nachholt, gibt es eine stattliche Minderheit von 20 Prozent, bei denen die Kompensation aus Freizeit und finanziellen Zuschlägen besteht. Günstig für die Unternehmen, aber nicht für die Beschäftigten ist ein Passus, der sich in vielen Arbeitsverträgen von Akademikern findet: Sämtliche Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten. Solche Regeln führen dazu, dass jeder sechste Arbeitnehmer Zusatzarbeit ohne jeden Ausgleich leistet. Außer jenem Ausgleich, einen gut bezahlten Job zu haben: Die Hälfte aller Beschäftigten, die für ihre Überstunden nicht extra kompensiert werden, sind Akademiker.

Am häufigsten trifft es Führungs- und Fachkräfte sowie Wissenschaftler, die gratis mehr arbeiten. Die Zahl ihrer Überstunden ist nach Schätzungen etwa so hoch wie im Schnitt aller Arbeitnehmer. Das wäre mit etwa 37 Stunden pro Jahr auch weniger als eine Stunde die Woche. Für eine gesetzliche Begrenzung der Überstunden scheint da wenig zu sprechen. Allerdings gibt es Branchen, in denen die Mehrbelastung deutlich höher ist, weil Überstunden als selbstverständlich gelten - bequem für die Firma, anstrengend für die Mitarbeiter.

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