Arbeitszeit Fünf-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich

Stephan Aarstol, der Start-up-Gründer selbst, verreist manchmal mehrere Wochen am Stück.

Beim amerikanischen Start-up Tower sollen alle Mitarbeiter um 13 Uhr gehen - ohne Abstriche hinnehmen zu müssen. Das funktioniert, sagt Unternehmer Stephan Aarstol.

Von Kathrin Werner

Seinen kurzen Moment des Ruhms hat er vermasselt. Stephan Aarstol war zu Gast in der US-Fernsehsendung "Shark Tank", in der sich junge Unternehmer um Wagniskapital von Investoren bewerben. Aarstol wollte sein Start-up Tower vorstellen, das Paddelbretter herstellt. Er redete ein paar Sekunden, was für ein toller neuer Sport es sei, auf den dicken Surfbrettern aufrecht stehend über Seen und Meere zu gleiten. Dann starrte er in die Kamera. Schwieg. Stotterte. Fluchte. Räusperte sich. "Keine Sorge, das ist ja nur der wichtigste Moment deines Lebens", witzelt ein Investor.

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Inzwischen hat sich Aarstol erholt von der Schmach. Er sei der Unternehmer mit der jämmerlichsten Präsentation, der dennoch einen Deal im "Shark Tank" an Land gezogen hat, sagt der 43-Jährige. Denn die Promi-Investoren glaubten trotz seines Stotterns an Aarstols Geschäftsidee. Und sie hatten recht: Tower Paddle Boards wächst rasant. Statt eines kurzen Moments des großen Ruhms bekommt er jetzt dauerhaft eine kleinere Portion Prominenz. Und das vor allem, weil er für etwas wirbt, was in Amerika absolut ungewöhnlich ist - und in der Start-up-Szene umso mehr: Mehr Freizeit, gleiche Arbeit.

Die kürzere Arbeitszeit zwingt Mitarbeiter zur Effizienz

Aarstol arbeitet jeden Tag nur fünf Stunden und hat das auch für alle seine Mitarbeiter zur Vorgabe gemacht. Im Mai 2015 stellte er die Arbeitszeit auf einen Fünf-Stunden-Tag um, um acht Uhr morgens erscheinen seine elf Mitarbeiter im Büro in San Diego, um 13 Uhr sollen alle gehen. Gleichzeitig hat er angefangen, fünf Prozent der Gewinne unter seinen Leuten zu verteilen. Im Ergebnis verdienen einige pro Stunde jetzt fast doppelt so viel wie vorher. Nach etwas mehr als einem Jahr zieht Aarstol Bilanz und sagt: Es funktioniert. Er hat kürzlich ein Buch zum Thema veröffentlicht.

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"Meine Mitarbeiter und ich haben angefangen, unser Leben mehr zu genießen, als wir es je für möglich gehalten hätten", schreibt Aarstol. "Und gleichzeitig wurden wir unglaublich produktiv im Büro." Ganz so großzügig, wie es klingt, war Aarstols Angebot jedoch nicht. Denn die kürzere Arbeitszeit war nicht mit geringerer Arbeitsbelastung verbunden, sie war nur eine Aufforderung, effizienter zu arbeiten.

Richtige Arbeit mache nur zwei bis drei Stunden pro Tag aus, sagt der Gründer. Den Rest verschwenden vor allem Büroarbeiter mit unnötigen E-Mails, Privatangelegenheiten, Internetsurferei, Kaffeepausen und Tagträumen. Damit sollten seine Leute aufhören - und stattdessen früh nach Hause gehen oder über Seen und Meere paddeln. Es klappt nicht immer, sagt Aarstol, manchmal ist zu viel zu tun. Wer Anrufe im Callcenter beantwortet, geht meist pünktlich, erzählt er, wer dagegen einen Film für die Website dreht, schläft sogar mal im Büro, um das gut zu erledigen.

Seit der Umstellung stiegen die Umsätze um 40 Prozent

Aarstol selbst verreist manchmal Wochen am Stück. "Und ich schäme mich definitiv nicht, wenn ich wochenlang jeden Tag um 13 Uhr gehe." Er sieht sein Vorbild in Henry Ford, der bei gleichen Löhnen in seiner Autofabrik die Arbeitszeit auf 40 Stunden reduzierte, weil Maschinen einen großen Teil der Arbeit übernahmen. Computer und Internet hätten heute noch mehr Arbeit übernommen, Büroangestellte könnten dadurch effizienter sein als früher. Deadlines sollen sie zwingen, die Effizienz auch zu nutzen. Seit der Umstellung stiegen Towers Umsätze um 40 Prozent, sagt Aarstol, bei gleichbleibenden Lohnkosten. Inzwischen kommt Tower auf fast zehn Millionen Dollar Umsatz.

Bei anderen Gründern ist er nun ein gefragter Ratgeber - weniger arbeiten klingt attraktiv, besonders weil es hoch qualifizierte Angestellte anzieht. Aarstol hält Vorträge, schreibt Artikel. Zu einem Thema allerdings gibt er keine Tipps: Wie man seine Firma präsentiert, ohne die Nerven zu verlieren.

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