Arbeitszeit Der Acht-Stunden-Tag muss bleiben

Flexibler arbeiten bedeutet oft: länger arbeiten. Im Bild: das Café-Büro des französischen Start-ups "The Family" in Paris.

(Foto: REUTERS)

Die Arbeitgeber fordern mehr "Flexibilität" von ihren Beschäftigten. Das ist nicht harmlos. Es droht die permanente Vermengung von Beruf und Privatleben.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Wie die Deutschen arbeiten, hat sich über die Jahre verändert. Sie folgen einer Mischung aus Tradition und neuen Anforderungen. Die Tradition verlangt: Egal, wie viel mancher Beschäftigte leistet, er soll weiter zu festen Zeiten im Büro sitzen, obwohl er die Arbeit wegen der Kinder gerne mal zu Hause erledigen würde.

Zu den neuen Anforderungen gehört, dass er (und sie) nach den klassischen Bürostunden verfügbar ist wie nie zuvor: abends im Wohnzimmer die Präsentation fertigstellen, am Wochenende für den Kunden am Handy erreichbar sein. Teils erwartet das die Firma, teils macht es der Beschäftigte, weil er sich mit seinem Job identifiziert. Aus diesem Mix kann eine ziemlich hohe Belastung entstehen.

Nun gehen die Arbeitgeberverbände einen großen Schritt weiter: Sie wollen den Acht-Stunden-Tag abschaffen, der bisher eine Richtgröße dafür ist, wie sehr ein Beschäftigter eingespannt werden kann. Die Wirtschaftsfunktionäre betonen, sie wollten die Belegschaften nicht grundsätzlich länger arbeiten lassen. Es gehe ihnen nur um mehr Flexibilität angesichts der globalen Konkurrenz.

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Aber die Frage ist doch, was dieser Vorstoß für eine Berufswelt bedeutet, in der Grenzen ohnehin verschwimmen. Jeder sechste Deutsche beklagt sich, seine Erwerbstätigkeit überschneide sich zunehmend mit Familie und Feierabend. Lange und schwankende Arbeitszeiten gelten als eine Hauptursache für psychische Belastungen, die aus dem Beruf erwachsen. Wo es immer mehr und immer flexibler wird, hinterlässt das Spuren.

Schleichende Ausweitung der beruflichen Belastung

Mit einem Einwand haben die Arbeitgeber recht: Im Schnitt arbeiten die Deutschen nicht mehr, sondern weniger als früher. Ganze Sektoren wie die Autofabriken mit starkem Gewerkschafts-Einfluss sind zum Schutz der Beschäftigten normiert, sodass am Band nie länger gewerkelt wird, als der Tarifvertrag sagt, und Handys abends keine Dienstmails empfangen.

Nein, die Entgrenzung der Arbeitszeiten droht dort, wo Gewerkschaften wenig Einfluss haben: Etwa bei Beschäftigten mit geringen Qualifikationen, die in Betrieben ohne Tarifvertrag tätig sind und keine Verhandlungsmacht besitzen. Und ebenso bei den Wissensarbeitern, den Kreativen, generell bei vielen Bürojobs. Der Anteil der Männer, die dauerhaft mehr als neun Stunden am Tag arbeiten, hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt.

Der gesetzliche Acht-Stunden-Tag ist ein mächtiges Symbol. Die Arbeiterbewegung forderte ihn Anfang des 19. Jahrhunderts, erst 100 Jahre später war er durchgesetzt. Die Regierung sollte diese Signalgröße nicht abschaffen, sondern verteidigen, um eine schleichende Ausweitung der beruflichen Belastung zu verhindern. Es wäre gut für die Beschäftigten, wenn Tarifverträge möglichst flächendeckend begrenzen, wie lange einer eingespannt werden darf und wie mit seiner Verfügbarkeit per Smartphone umgegangen wird. Wo das nicht gelingt, ist der Gesetzgeber gefordert. Das digitale Zeitalter wälzt das Berufsleben so um, dass Arbeitnehmer vor seinen Gefahren geschützt werden müssen.