Arbeitsrhythmus So tickt Ihre innere Uhr

Stellwerk am Münchner Hauptbahnhof: Ähnlich viele Regler gibt es, die den Biorhythmus anpassen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Chronobiologe erklärt, was sozialer Jetlag ist und wie Arbeitnehmer selbst an ihrem Biorhythmus drehen können.

Interview von Bianca Bär

SZ: Manche Menschen kommen bei der Arbeit erst auf Touren, wenn andere schon Feierabend machen. Warum?

Till Roenneberg: Wir haben eine Biologie in uns, die bestimmt, welche Dinge wir zu welcher Tageszeit machen möchten, sei es essen, schlafen oder arbeiten. Dieser Mechanismus ist bei jeder Person unterschiedlich in den Licht-Dunkel-Wechsel eingebettet. Also nicht die äußere Tageszeit bestimmt, wann ich am besten schlafen kann, sondern die innere Uhr.

Welche Faktoren beeinflussen, auf welche Zeit meine innere Uhr gestellt ist?

Eigentlich richtet sich die innere Uhr nur nach dem Wechsel von Licht und Dunkel. Wenn es hell ist, nimmt sie an, es ist Tag. Sie signalisiert uns, dass wir wach sein müssen. Dunkelheit hält sie für ein Zeichen, dass es Nacht und damit Schlafenszeit ist. Mittlerweile erhält die innere Uhr aber widersprüchliche Signale, denn wir sind tagsüber kaum mehr draußen, sondern zum Beispiel im Büro, wo fast tausend Mal weniger Licht ist als draußen.

Professor Till Roenneberg ist Chronobiologe an der LMU München. Er erforscht den Einfluss des Lichts auf den Tagesrhythmus des Menschen.

(Foto: oh)

Wenn die Sonne untergeht, machen wir das Licht an, sitzen also auch nicht im Dunkeln. Das heißt, der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist winzig geworden, was die Lichtversorgung betrifft. Deshalb rutschen alle Uhren nach hinten.

Würden wir eine Zeit lang ohne künstliche Lichtquellen im Freien zelten, würden sich unsere inneren Uhren wieder an den äußeren Tag-Nacht-Rhythmus angleichen. Diesen ursprünglich normalen Schlafrhythmus haben heute die wenigsten Menschen, dennoch müssen die meisten am frühen Morgen zur Arbeit.

Wir arbeiten also oft jahrelang entgegen unserer inneren Uhr.

Ja, es entsteht ein sogenannter sozialer Jetlag. Das ist der Unterschied zwischen den Schlafzeiten an Arbeitstagen und denen am Wochenende. Je größer der soziale Jetlag, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ein metabolisches Problem bekommt, also zu dick wird. Als Folge davon hat man kardiovaskuläre Probleme, das Diabetesrisiko wächst, außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass man raucht und Alkohol trinkt. Und natürlich steigt der Koffeinkonsum.

Sollten wir dann nicht die Arbeitszeiten dem inneren Rhythmus anpassen?

Doch. Es ist nicht Faulheit, wenn jemand sagt: Ich würde gerne ab zehn Uhr meine acht Stunden arbeiten und nicht schon ab acht. Im Gegenteil, dieser Mensch möchte gut ausgeschlafen sein Bestes geben, und zwar zu seiner besten inneren Zeit. Arbeitszeiten sollte man flexibel gestalten. Es macht keinen Sinn, wenn wir jedem dieselbe Schuhgröße verschreiben.