Interview: Sibylle Haas

In Krisenzeiten bleibt die Fairness oft auf der Strecke. Doch Chefs sollten offen kommunizieren und nichts verharmlosen, rät Arbeitspsychologe Thomas Rigotti.

SZ: Herr Rigotti, in vielen Firmen sind die Mitarbeiter verunsichert, weil ein Stellenabbau droht. Wie wirkt sich das auf das Betriebsklima aus?

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Thomas Rigotti, 34, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. (© Foto: privat)

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Thomas Rigotti: Unsicherheit ist das Schlimmste. Wenn der Stellenabbau nur angekündigt ist, dann fühlt sich jeder bedroht. Die Leute beäugen sich, werden misstrauisch und haben Angst, weil keiner weiß, wen es nun treffen wird. Das wirkt sich auf deren Leistung negativ aus, und es herrscht ein Klima der Angst.

SZ: Welche Folgen hat denn diese Angst für den Umgang miteinander?

Rigotti: Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust hat negative Folgen auf das psychische Befinden. Außerdem kommt Mobbing in unsicheren und intransparenten Situationen einfach öfter vor als in sicheren.

SZ: In wirtschaftlichen Krisenzeiten wird der Ton in den Firmen rauer?

Rigotti: Ja, der Ton wird oft rauer. Allerdings kann eine gemeinsame Herausforderung auch verbinden. Wenn die Mitarbeiter den Stellenabbau als Bedrohung von außen empfinden, dann werden sie zusammenhalten und versuchen, das Problem gemeinsam zu lösen.

SZ: Arbeitslosigkeit ist aber keine Bedrohung, die sich von außen gegen die ganze Gruppe richtet, sondern gegen Einzelne. Wird da nicht eher der Kollege zum Konkurrenten und Feind?

Rigotti: Zunächst einmal wird das Management der Feind, vor allem, wenn eine Situation als unfair empfunden wird und ein Vertrauensbruch stattgefunden hat. Wenn so ein Prozess von den Mitarbeitern als unfair empfunden wird, werden auch diejenigen, die nicht entlassen werden, Leistungsdefizite zeigen, weil sie kein Vertrauen mehr in die Führung haben.

SZ: Ein angekündigter Stellenabbau ist eine existenzielle Bedrohung, und die meisten Menschen reagieren darauf aggressiv.

Rigotti: Ja, und es gibt eine enge Verbindung zwischen Aggression und Frustration. Es ist ein ganz starkes Bedürfnis, Kontrolle über sein Leben zu haben und seine Lebensplanung frei zu gestalten. Wenn dieses Bedürfnis beschnitten wird, dann sind die Menschen zunächst frustriert, und wenn der Druck zu stark wird, werden sie aggressiv.

SZ: Wäre es nicht viel zielführender, ohne Emotionen an das Problem heranzugehen?

Rigotti: Nicht unbedingt. Es handelt sich um eine Stresssituation, mit der man emotional und kognitiv umgehen sollte. Emotionen und die kognitive Herangehensweise haben einen wichtigen Stellenwert. Natürlich muss man ein Problem vom Kopf her lösen. Es wäre aber kontraproduktiv, Emotionen auszuschalten, weil sie dabei helfen, eine Situation zu bewerten.

SZ: In Stresssituationen können die Emotionen aber überhandnehmen, wodurch sich das Problem oft verschlimmert. Wie bringt man Gefühl und Vernunft ins Gleichgewicht?

Rigotti: In so extremen Situationen ist weniger der einzelne Mitarbeiter gefragt, sondern die Führung. Wenn man mit den Mitarbeitern die Krise bespricht und gemeinsam versucht, das Problem zu lösen, dann wird eine Entlassung auch nicht mehr zu einer enormen emotionalen Reaktion führen. Wenn beispielsweise den entlassenen Mitarbeitern die Weitervermittlung angeboten wird, eine Qualifikation oder eine gute Abfindung, dann werden sie den Stellenabbau als einigermaßen fair empfinden. Wenn das Management die Leute ernst nimmt und sie in die Entscheidungen einbezieht, ist es auf dem richtigen Weg.

Auf der nächsten Seite: Was Rigotti Firmenchefs für den Umgang mit dem Stellenabbau rät.

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